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Semiotik (gr. σημεῖον semeion „Kennzeichen“) ist die allgemeine Theorie vom Wesen, der Entstehung (Semiose) und dem Gebrauch von Zeichen. Sie ist ein Teilgebiet der philosophischen Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Sprachphilosophie sowie der Linguistik und findet auch in den verschiedenen Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften Anwendung. Zwar wird über den Gegenstandsbereich der Semiotik seit der Antike debattiert, der Beginn einer eigenständigen Disziplin verbindet sich aber mit den Studien von Charles Sanders Peirce. Moderne Klassiker der Semiotik sind auch viele Leitfiguren der strukturalistischen Linguistik und Philosophie, allen voran Ferdinand de Saussure und Roland Barthes. Diese bezeichnen ihre Zeichentheorien auch als "Semiologie". Nach wie vor stehen sich unterschiedliche Ansätze gegenüber.
Inhaltsverzeichnis |
Aristoteles behandelt das Zeichen als eine dreistellige (triadische) Relation zwischen dem Zeichen selbst (dem gesprochenen Wort), dem Bezeichneten (einem Gegenstand) und einer Vorstellung in der Seele. Ein gesprochenes Wort wie "Tisch" ruft nach Aristoteles in der Seele desjenigen, der dieses Wort hört oder spricht, die Vorstellung eines Tisches hervor. Diese Vorstellung steht in einer von Aristoteles nicht näher erläuterten Abbildbeziehung zum jeweils bezeichneten Gegenstand. Mündliche Zeichen (Worte) sind für Aristoteles vorrangig gegenüber schriftlichen Zeichen, da letztere nur auf mündliche Zeichen verweisen würden:
„Die gesprochenen Worte sind die Zeichen von Vorstellungen in der Seele und die geschriebenen Worte sind die Zeichen von gesprochenen Worten. So wie nun die Schriftzeichen nicht bei allen Menschen dieselben sind, so sind auch die Worte nicht bei allen Menschen dieselben; aber die Vorstellungen in der Rede, deren unmittelbare Zeichen die Worte sind, sind bei allen Menschen dieselben und eben so sind die Gegenstände überall dieselben, von welchen diese Vorstellungen die Abbilder sind.“
– Aristoteles, Peri hermeneias, Erstes Kapitel
Wie später Peirce ordnet Aristoteles die Semiotik in die Logik (Organon) ein.
Der Ausdruck semeiotikon meros (semiotischer Teil) bezeichnet in der Medizin der Antike die Wissenschaft der Symptome und der Diagnostik (Galen, Pseudo-Galen) und findet in einigen stoischen Texten auch in erkenntnistheoretischen Zusammenhängen Verwendung. In lateinischen Übersetzungen von Galen wird semeiotikon meros wiedergegeben als pars semiotica.[1] Im Thesaurus graecae linguae von Henri Stephanus (1572 u.ö.) wird dafür Semeiotiké verwendet und dies erklärt als jener Teil der Medizin, welcher die Unterschiede und (Bezeichnungs-)Vermögen aller Zeichen behandelt.[2]
Zeichen- und Bedeutungslehren entstanden auch in der stoischen Dialektik, z.B bei Diogenes von Babylon. Ihm zufolge ist die Äußerung eines Menschen körperlich und wird durch die Vernunft artikuliert und ausgedrückt. Sie ist darin verschieden von den tierischen Lauten, die nur Luft sind, welche durch Instinkt hervorgebracht werden. Als verstehbare Rede (logos) gilt ihm eine Äußerung, welche etwas bedeutet.[3]
Auch Epikureische Philosophen wie Philodemos von Gadara (um 110-40 v.) diskutieren Aspekte von Zeichen, Bedeutungen und deren Relationen, insbesondere analoge und induktive Relationen.
Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit ist es z.B. Nikolaus von Kues, der die Zeichenlehre als grundlegend für jede Erkenntnis darstellt, insbesondere für die Theologie.
Auch die scholastischen Diskussionen werden weitergeführt, beispielsweise bei Pedro da Fonseca (1528–99). Der aus Lissabon stammende Theologe und Philosoph Johannes a S. Thomas (1589-1644), auch als Johannes Poinsot bezeichnet, entwickelt in seinem zweiten Hauptwerk Cursus philosophicus eine umfangreiche Semiotik, und zwar im zweiten (materiellen) Teil seiner Logik.[4]
Auch John Locke spricht in seinem Essay concerning Humane Understanding von 1690 von einer Theorie der Zeichen, die er Semeiotike nennt.[5]
Eine Theorie sprachlicher und anderer Zeichen ist ein elementarer Bestandteil der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Es wurden und werden unterschiedlichste Ansätze ausgearbeitet und vertreten.
Der Begründer der Semiotik im heutigen Sinne ist Charles Sanders Peirce (1839–1914). In seiner Nachfolge entwickelte Charles William Morris (1901–1979) eine behavioristische Zeichentheorie, welche mit einer Unterscheidung von Syntaktik, Semantik und Pragmatik arbeitet.
Strukturalistische Linguisten und Philosophen legen eine andersgeartete [6] Methode zugrunde. Wichtige Vertreter sind Ferdinand de Saussure, Roland Barthes, Roman Jakobson und Louis Hjelmslev.
Die Semiotik als Lehre von den Zeichen ist nach Peirce nicht nur die Grundlage jeder Kommunikation, sondern auch die Voraussetzung für jede Form der Erkenntnis, denn jedes Denken ist ein Denken in Zeichen[7]. Die Theorie begreift das Zeichen nicht als ein Ding, als ein statisches Objekt, sondern als eine dreistellige (triadische) Relation[8] zwischen
Diese dreifache Beziehung wiederholt sich auf jeder Ebene und bildet die verschiedenen Arten von Zeichen:
| Mittelbezug | Objektbezug | Interpretantenbezug | |
|---|---|---|---|
| Mittelbezug | Qualizeichen | Ikon | Rhema |
| Objektbezug | Sinzeichen | Index | Dicent |
| Interpretantenbezug | Legizeichen | Symbol | Argument |
Eine Grundlage für diese Einteilung ist die ontologische These dreier nicht aufeinander reduzierbarer Grundformen jeden Seins, die aus den grundlegenden philosophischen Kategorien abgeleitet sind und als Möglichkeit, Wirklichkeit und Vernunft identifiziert werden können. Die Bedeutung eines Zeichens oder Zeichenkomplexes lässt sich nur unter Berücksichtigung aller drei Bezüge erfassen. Peirce vertritt also einen holistischen Begriff von Bedeutung. Dabei schließen sich die verschiedenen Zeichenarten keineswegs "gegenseitig aus, sondern sind nur Aspekte des Zeichenprozesses, der Semiose, und wir nennen ein Zeichen nach seinem jeweils dominierenden Aspekt" [9].
Dies gilt auch für die wichtigste [10] Einteilung der Zeichen in Ikon, Index und Symbol. Heinz Kroehl, der die semiotische Theorie auf die visuelle Kommunikation[11] anwendet und sie einer empirischen Überprüfung unterzogen hat[12], spricht daher von einem "Kontinuum der Bezeichnungsmöglichkeiten"[13]. Zugleich identifiziert er die nächsttiefere Ebene der triadischen Relation:
| Ikon | Index | Symbol | |
|---|---|---|---|
| Mittelbezug | Metapher | Kennzeichen | Symptom |
| Objektbezug | Abbild | Anzeichen | Signal |
| Interpretantenbezug | Diagramm | Wahrzeichen | Signet |
Das Gelingen jeder Kommunikation entscheidet sich im Bezug auf den Interpretanten, das System, in dem das Zeichen zu verstehen ist.[14]. Eine Klärung setzt dabei mindestens ein anderes Zeichen voraus. Wenn jemand beispielsweise fragt, was ist ein Pharao, lautet die Antwort in der Regel: ein König bei den alten Ägyptern. Um aber wirklich zu verstehen, was ein Pharao ist, muss ich die Kultur kennen, muss die Vorstellung von einem Gottkönig nachvollziehen können. Andererseits bin ich belastet mit Konnotationen, die der Begriff König in unserer Kultur mit sich bringt. Derartiges Kulturwissen, alle Erlebnisse und Erfahrungen sind Teil der Bedeutung. Daher können zwei Menschen niemals ein exakt gleiches Verständnis einer Sache haben.
Die Begriffe Rhema, Dicent und Argument korrespondieren mit der klassischen Einteilung in Term, Proposition und Argument[15]. Daraus kann man drei Hauptsysteme mit völlig unterschiedlichen Formen der Bedeutungsvermittlung ableiten: Kunst, Alltag und Wissenschaft[16]. Im Bereich der Kunst kann ein Zeichen immer nur Möglichkeiten vermitteln; es gibt keine festen Bedeutungen, sondern nur individuelle Interpretationen. Im Alltag beziehen sich die Zeichen auf die Wirklichkeit, sie haben ein reales Objekt, und ein Sprecher darf in der Regel davon ausgehen, dass der Andere das Gemeinte versteht. In der Wissenschaft verweisen die Zeichen auf Notwendigkeiten und folgen fachspezifischen Regeln: verwendete Begriffe müssen definiert, Aussagen belegt und Schlussfolgerungen bewiesen werden.
Da der Interpretant stets ein Zeichen ist, das wiederum nur durch ein Zeichen erklärt werden kann, wird die Semiose zu einem prinzipiell endlosen Prozess. In alltäglichen Situationen tritt dies aber oft nicht zutage, denn solange sich die Kommunikation auf konkretes Handeln bezieht, kann dieser Prozess abgebrochen werden, sobald ein Konsens über das Handeln erreicht ist[17].
Vertreter der Literatursemiotik werden teilweise auch den Strukturalisten oder Formalisten zugerechnet. Die literatursemiotischen Ansätze sind zudem sehr unterschiedlich: Roland Barthes vertritt eine poststrukturalistische Position, von der aus er die Vieldeutigkeit eines Werkes betont, während Umberto Eco Barthes‘ Vorstellung einer grenzenlosen Offenheit der Bedeutung literarischer Werke kritisiert und die Rezeption literarischer Texte als Wechselspiel von Freiheit und Determiniertheit darstellt. Einerseits müsse der Text eine Struktur aufweisen, sonst „gäbe es keine Kommunikation, sondern nur eine rein zufällige Stimulierung von aleatorischen Reaktionen“ (Eco). Andererseits entscheide der Leser, welche Codes und welchen semantischen Rahmen er auf den Text anwenden soll, wodurch er im Verlauf seines Lektüreprozesses die weitere Aktualisierung von Bedeutungen maßgeblich beeinflusst.
Dem gegenüber stehen Ansätze in der Tradition des Strukturalisten Algirdas Julien Greimas, der über die Analyse der verschiedenen bedeutungstragenden, hierarchisch organisierten Ebenen eines Textes eine semantische Tiefenstruktur eindeutig rekonstruieren will.
Der Prager strukturalistische Linguist Jan Mukařovský hat das Konzept einer ästhetischen Funktion eingeführt. Wenn ein Zeichen diese Funktion erfüllt, wird dieses vornehmlich um seiner selbst willen rezipiert und bezieht sich auf seine eigenen Möglichkeitsumstände, insbesondere auf den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang seiner Rezeption - anstatt nur Mittel zur Bezugnahme auf anderes zu sein ("referentielle Funktion"). Wann und wie einem Zeichen die ästhetische Funktion beigelegt wird, ist zwar auch vom rezipierenden Subjekt abhängig, wird aber, allgemein gesehen, von der ästhetischen Norm bestimmt, die in einer Gesellschaft im Moment der Zeichenrezeption herrscht. So können nach Mukařovský für uns heute Kathedralen oder Bauwerke durchaus unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet werden, waren aber zur Zeit ihres Baus weit stärker mit einer sakralen Funktion als mit der ästhetischen Funktion belegt.
Ästhetische Objekte werden oft, z.B. von Hans Wollschläger, als Zeichensysteme beschrieben, die sich eines anderen Zeichensystems als Trägersystem bzw. als Form bedienen. Im Fall der Literatur ist dies das komplexe Zeichensystem Sprache.
Der deutsche Sozialphilosoph Johannes Heinrichs verbindet mit dem Wort "Semiotik" eine allgemeine, formale Theorie von "Sinnprozessen". Zeichen ergeben sich demnach vermittels von Bewusstseinsvollzügen und sind also keine „positive“ Gegebenheit und können auch keine Unhintergehbarkeit beanspruchen. Mit dem Akzent auf "Bewusstsein" verbindet sich eine Unterscheidung von biologischer oder anderer physischer Informationsübertragung. Von einer so verstandenen "Semiotik" unterscheidet er die Auswertung einzelner Gehalte, was er "Hermeneutik" nennt. Heinrichs postuliert vier semiotische Ebenen:
Russische Semiotik:
Vorläufer: