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Wandervogel

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Wandervogel-Greif

Als Wandervogel wird eine 1896 in Deutschland entstandene Bewegung bürgerlicher Jugendlicher und junger Erwachsener bezeichnet, die – angeregt durch die Ideale der Romantik – vor dem damals herrschenden autoritären Druck der Gesellschaft in die Natur flüchteten, um dort ihr Leben nach eigenen Überzeugungen zu gestalten. Die Wandervogelbewegung gilt als Anfangspunkt der deutschen Jugendbewegung.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Geschichte

[Bearbeiten] Das Vorspiel – Die Phase Hermann Hoffmann (1896–1900)

Die erste Phase des Wandervogels ist die Vorvereinsphase, die ganz unter dem Zeichen eines Mannes stand – Hermann Hoffmann (1875–1955). Der junge Student der Philologie (orientalische Sprachen) und Rechtswissenschaften in Berlin gab unter anderem am Gymnasium Steglitz ab 1895/96 halbjährige Stenographiekurse für die Schüler.[1] Hoffmann berichtete selbst, dass ihn gelegentlich Teilnehmer des Kurses, unter ihnen auch Karl Fischer, in seiner Studentenwohnung besucht hätten und dabei in seinen Büchern stöberten. Dort seien sie auf Wanderbeschreibungen Hoffmanns gestoßen und hätten gesagt: „Das müssen Sie auch mit uns machen!"[2]

Daraufhin folgten erste Fahrten: 1896 eine eintägige „Testwanderung“ in den Grunewald, im Sommer zwei Tage in die Teupitzer Gegend, 1897 bereits eine zweiwöchige „Fahrt“ in den Harz mit 15 Teilnehmern, 1898 eine vierwöchige Fahrt von Thüringen über den Spessart bis nach Köln mit 11 Teilnehmern und schließlich 1899 die vierwöchige „Böhmerwaldfahrt“, die durch Blühers Chronik bekannt wurde und die dadurch eine große Bedeutung erlangte, dass die Teilnehmer dieser Fahrt später maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Wandervogels nahmen.[3] Hoffmann, der selbst seinen Anstoß für das Wandern von seinem Deutschlehrer Prof. Sträter in Magdeburg erhalten hatte,[2] galt als jemand, der nichts dem Zufall überließ.

Bereits früh gab es Satzungen, welche die Unterordnung unter die Führer regelte. Hoffmann nannte sich „Oberhäuptling“, bei großen Fahrten hatte er zwei „Häuptlinge“ unter sich, die ihn unterstützten. Bei der Böhmerwaldfahrt waren dies sein Bruder Ernst und Karl Fischer, der später noch besondere Bedeutung für die Entwicklung des Wandervogel-Vereins erlangen sollte. Schon in der Vorphase ordnete sich die Hierarchie der Gruppen nach Erfahrung. Erprobte Wanderer wurden „Wanderburschen“, Anfänger „Wanderfüchse“ genannt. Die Wandergruppen hießen „Herden“. Zu dieser Zeit gab es noch keine Wanderausrüstung: Getragen wurden das Schulzeug und die Schülermütze, dazu Regenschirme gegen Regen, Sonne und Wind.[4]

Am Ende des Jahres 1900 ernannte Hoffmann Karl Fischer zu seinem Nachfolger. Er selbst folgte einem Ruf nach Konstantinopel und begann dort eine Diplomatenkarriere. Zuvor legte er Fischer in der sogenannten „Fichtebergabrede“ am Paulsendenkmal in Steglitz nahe, diese Art des Jugendwanderns über Steglitz hinaus unter der deutschen Jugend zu verbreiten.[5]

[Bearbeiten] Der Wandervogel – Ausschuß für Schülerfahrten e. V. (1901–1904)

Hoffmanns Schüler, Karl Fischer, war von den gemachten Erfahrungen so begeistert, dass er beschloss, eine Wanderorganisation für Jugendliche aufzubauen. Am 4. November 1901 gründete er im Ratskeller des Steglitzer Rathauses den „Wandervogel-Ausschuß für Schülerfahrten e. V.“ (AfS), um den Wandergruppen eine juristische Form zu geben. Dazu suchte er sich Verbündete aus dem Umkreis der Steglitzer Honoratioren. Die Gründungsmitglieder waren die Schriftsteller Wolfgang Kirchbach, Heinrich Sohnrey, Heinrich Hagedorn und Hermann Müller-Bohn sowie der Arzt Anatol Hentzelt. Anwesend waren auch einige Schüler: Bruno Thiede, Wolfgang Meyen, Siegfried Copalle und Karl Fischer sowie der Sohn Kirchbachs.[6] Die Initiative zur Vereinsgründung soll jedoch eher auf Wolfgang Kirchbach zurückgehen.[7]

Fischer bekam als selbstständiger Geschäftsführer durch die Vereinssatzung umfassende Autorität zugestanden. Er konnte nach § 7 der Satzung Ergänzungsbestimmungen erlassen und hatte lediglich die Pflicht, dem Vereinsausschuss einmal im Monat Bericht zu erstatten. Zunächst orientierte er sich stark an einem Ideal der fahrenden Schüler aus dem Mittelalter. Aus den Wanderfüchsen und Burschen wurden „Scholaren“, die Wanderführer nannte er „Bachanten“. Er selber ernannte sich zum „Oberbachanten“. Dennoch führte Fischer ein autoritäres Kommando. Er entschied, wer aufgenommen und mitwandern durfte. Zuvor hatte man ihm ein Treuegelöbnis abzulegen.[8]

Der Ausschuss blieb als „Schutzschild gegen die Öffentlichkeit“ im Hintergrund und ließ Fischer viel Spielraum. Der Lehrer Ludwig Gurlitt, der dem Ausschuss 1902 beitrat, erreichte 1903 sogar die behördliche Anerkennung durch das preußische Kultusministerium.[9] Damit wurde der AfS der erste außerschulische Schülerverein, der sich zugleich offiziell als Verein Erwachsener gebärden musste. Dies war notwendig, weil es nach preußischem Recht Schülern verboten war, Mitglied in außerschulischen Vereinen zu werden. Diese Tatsachen und Fischers Werbung führten zu einer Expansion des AfS. 1903 sind für die 13 Fahrten und 103 Wandertage insgesamt 250 Teilnehmer, sogenannte „Eingetragene“, registriert. Vier weitere Ortsgruppen gründeten sich in der Zeit von 1901 bis 1904 – in Lüneburg, Posen, München und Rawitsch.

Dennoch kam es 1904 zum Zerwürfnis der Bachanten Siegfried Copalle, Bruno Thiede und Richard Weber mit ihrem Oberbachanten Fischer. Nach einem von Hans Blüher ausgelösten Eklat auf einer Wanderung unter Copalles Leitung und einer im März 1904 unter Ablehnung Fischers, aber mit Zustimmung des Vorstandes angesetzten Osterfahrt trat Fischer vom Posten des Oberbachanten zurück.[10] Der AfS zerbrach in zwei Vereine, zum einen den „Wandervogel – eingetragener Verein zu Steglitz“ (Steglitzer e. V.), um den sich die Gegner Fischers scharten, und zum anderen den „Alt-Wandervogel“ (AWV), der Fischers Vorstellungen übernahm. Die Sitzung zur Auflösung des AfS fand am 29. Juni 1904 statt und markiert den Anfangspunkt für die dritte Phase der Wandervogelgeschichte.[11]

[Bearbeiten] Spaltung und Expansion (1904–1911)

Die dritte Phase des Wandervogels ist dadurch gekennzeichnet, dass mehrere Wandervogelvereine mit unterschiedlichen Programmen und Strukturen parallel existierten.

[Bearbeiten] Der Wandervogel – eingetragener Verein zu Steglitz (1904–1912)

Der „Steglitzer e.V.“ blieb im Gegensatz zum AWV immer ein lokaler Verein, und von den größeren Bünden war er stets der kleinste. Im Dezember 1912 hatte er nur 715 „Eingetragene“ (darunter 216 Mädchen) und 414 erwachsene Mitglieder. Fast alle Mitglieder des AfS, vor allem aber die Honoratioren, wechselten in den Steglitzer e.V. Dieser konstituierte sich unmittelbar nach der Auflösung des AfS am 29. Juni 1904. Ludwig Gurlitt wurde Vorsitzender für die nächsten drei Jahre; Heinrich Sohnrey übernahm nach ihm das Amt. Als Grund für Fischers Cäsarismus machte man weniger seine Person als die Satzung des AfS verantwortlich. So hieß es in einer Stellungnahme der neu herausgegebenen Zeitschrift des Vereins im September 1904:

„Die ganze Organisation war so sehr auf die eine Person des Oberbachanten zugeschnitten, daß mit dieser einen Person das Ganze stand und fiel [...]. Der grundsätzliche Fehler, der bei der Einsetzung des Ausschusses gemacht wurde, bestand nun darin, daß ihm durch die Satzung, die der Organisation zugrunde gelegt wurde, nicht diejenigen Rechte und derjenige Einfluß gesichert wurden, die ihm seiner Bedeutung wegen zukamen.“[12]

Man schaffte das Amt des Oberbachanten ab und setzte stattdessen ein siebenköpfiges Führerkollegium ein, in dem anfangs Copalle, Thiede, Weber und deren Schulkameraden Richard Schumann, Lothar Lück, Sohn des Direktors des Steglitzer Gymnasiums, sowie Rudolf Hartmann und Günter Wendland saßen.[13] Der Geschäftsleiter wechselte nun vierteljährlich. Als Vermittler zwischen Vereinsvorstand und Führerkollegium wurde ein „Obmann“ eingeführt. Fast durchgängig Obmann des Steglitzer e.V. und zugleich auch lange Zeit Schatzmeister war Prof. Heinrich Albrecht. Führerkollegiumssitzungen hießen „Konvente“. Die Begriffe Scholar und Bachant wurden fallen gelassen. Stattdessen hieß es „Schüler“ und „Führer“ bzw. „Hilfsführer“. Studenten waren als Führer bevorzugt. Statt dem „Klotzen“ als Wanderstil, wie es Fischer von Copalle vorgeworfen wurde,[14] war besinnendes Erleben der Natur durch ruhiges Wandern angedacht. Der Führer sollte dabei die Aufgabe des Dolmetschers zwischen Natur und Wandergesellschaft übernehmen.

[Bearbeiten] Der Alt-Wandervogel e. V. (1904–)

Der „Alt-Wandervogel“ wurde später als der Steglitzer e.V. konstituiert. Eine Neugründung fand nie statt, die Vereinssatzung des AfS blieb bewusst als Zeichen erhalten, als sich am Ende des Jahres die Befürworter von Fischers Stil um diesen scharten, um den „alten Wandervogel“ wieder aufzubauen. Wolfgang Kirchbach war einer der wenigen Honoratioren, die sich dem AWV anschlossen. Der AWV ist der Wandervogelbund, der die größte Ausbreitung im Deutschen Reich erreichte und von dem sich am häufigsten kleinere Gruppen abspalteten. Die Namensgebung fällt auf Ende Oktober 1904 zurück.[15] Fischer war zuvor nach Halle umgezogen, um dort einem Jura- und Sinologiestudium nachzugehen. Hier entstand die neue Zentralstelle des AWV, in der Fischer nunmehr „Groß-Bachant“ genannt wurde. Fischer regte zugleich mit Kirchbach die Etablierung eines „Ehren- und Freundesrates“ (Eufrat) an, dessen Gründung die befreundeten Eltern unter der Leitung Kirchbachs am 18. November 1904 zustimmten.[16]

Auch hier zeigte Fischer wieder starkes Engagement, um neue Mitglieder und Freunde für den AWV zu werben. Zu seiner Hilfe ernannte er Hans Breuer, Wolfgang Meyen und Ernst Anklam zu „Oberbachanten“. Mit vermehrten Neugründungen im gesamten Kaiserreich erlebte der AWV eine recht starke Ausbreitung. Von 681 eingetragenen Schülern im Jahre 1905 stieg die Zahl bis 1908 auf 2076 Eingetragene in 44 Ortsgruppen.[17] 1912 hatte der AWV ca. 15.000 „Eingetragene“ in etwa 300 Ortsgruppen.

Der autoritäre Führungsstil Fischers mit der Zentralisierung des AWV auf seine Person geriet schnell erneut zu einem Problem. Der Rittergutsbesitzer Wilhelm Jansen, seit 1905 Oberbachant im AWV, überzeugte Fischer schließlich vom Rücktritt. Am 1. Januar 1906 trat er zurück, wenig später folgte auch Wolfgang Kirchbach und gab seinen Vorsitz beim Eufrat auf.[18] Nur kurz übernahm Jansen das Amt des Großbachanten, da es bereits am 4. April 1906 zu einer Generalversammlung des Eufrat kam, wo eine neue Satzung erlassen wurde. Das autokratische System Fischers ersetzte man durch eines, das dem Steglitzer e.V. nicht unähnlich war. Ein fünfköpfiges Führerkollegium erhielt die Bundesleitung des AWV. Als zweites wichtiges Organ trat das Kollegium zum Eufrat hinzu. Jansen wurde Vorstandsvorsitzender des Eufrat, Ernst Semmelroth am 18. Mai 1906 Vorsitzender der Bundesleitung. Alle mittelalterlichen Bezeichnungen entfielen. Aus Bachanten wurden wieder Führer etc. Da das auch für Karl Fischer galt und eine von ihm angemeldete Fahrt von der Bundesleitung nicht genehmigt wurde, trat dieser entmachtet im August 1906 aus dem AWV aus und ging wenig später in den militärischen Dienst, der ihn bis nach Kiautschou in China führte.

Vom AWV spalteten sich zwei Gruppierungen ab, die sich selbst zu größeren Wandervogelbünden entwickelten. Zum einen der „Wandervogel, Bund für Jugendwanderungen“ (DB) sowie der „Jung-Wandervogel“ (JVW).

[Bearbeiten] Wandervogel, Deutscher Bund für Jugendwanderungen (1907–1911/13)

1907 trat die gesamte Jenaer Ortsgruppe aus dem AWV aus, da die Bundesleitung den Antrag nach Abstinenz von Alkohol und Nikotin auf den Fahrten abwies. Der Leiter dieser Ortsgruppe, der Dipl.-Ing. und Lehrer Ferdinand Vetter, hatte einen entsprechenden Antrag am 3. Januar 1907 gestellt. Zusammen mit dem Marburger Studenten Wilhelm Erhardt gründete er daher am 20. Januar den „Wandervogel, Deutscher Bund für Jugendwanderungen“.

Zunächst hatte der DB nur 42 „Eingetragene“, also Schüler, die in den Listen des Wandervogels registriert waren. Zum Jahresende umfasste er bereits 16 Ortsgruppen (ca. 170 Eingetragene). Auf dem ersten Bundestag des DB vom 6. bis 8. April wurde der Lehrer Kurt Haehnel zum Bundesleiter und Vetter zum Schatzmeister gewählt. Viele Mitglieder anderer Wandervogelvereine schlossen sich dem DB an, darunter befanden sich auch Ludwig Gurlitt, Frank Fischer, Hans Lißner und Hans Breuer.[19] Breuer wurde 1909 zum Bundesleiter gewählt. Während er in Heidelberg sein Medizinstudium mit dem Prädikat „summa cum laude“ abschloss, avancierte er zusammen mit seinem Freund Lißner zum neuen geistigen Führer der gesamten Bewegung. So gab er unter anderem den „Zupfgeigenhansl“ heraus, eine Sammlung von Volksliedern, die er vermutlich aus den Beständen der Universitätsbibliothek von Heidelberg und aus den Einsendungen engagierter Wandervögel zusammengestellt hatte.

Die Programmatik des DB wich in vielen Punkten von den anderen Bünden ab. Sie folgte einem scharfen Abstinenzgebot und trat entschieden für das gemischte Wandern von Jungen und Mädchen ein. Weiterhin verfolgte sie den Wunsch, das Wandern auf alle „Stände“ hin auszudehnen. Durch die starke Dezentralisierung des DB zugunsten der einzelnen Ortsgruppen unterschied er sich auch strukturell erheblich von den anderen Bünden. Die Ortsgruppen besaßen das Recht auf Selbstbestimmung und Selbstverwaltung im Rahmen der Bundessatzung. Zuletzt gab er sich das Ziel, die Einheit der gesamten Bewegung wiederherzustellen.[20] Der DB hatte Ende 1911 in 210 Ortsgruppen 8.138 eingetragene Schüler.

[Bearbeiten] Der Jung-Wandervogel (1910–1916)

Eine zweite große Abspaltung vom AWV erfolgte Ende November 1910. Unter der Leitung von Wilhelm Jansen und Ellie Jahn löste sich die Hamburger Gruppe auf und gründete den „Jung-Wandervogel“. Er entstand aus einer Diskussion über den Einfluss der Älteren und das Eindringen dieser in die „Wandervogelwelt“. Mit der Devise „Weg mit den Oberlehrern!“ löste man sich vom „unjugendlichen“ AWV, der von Lehrern dominiert zu sein schien.[21] Der JWV besaß, wie der DB, eine föderale Struktur. Ortsgruppen konnten „sich nicht direkt dem Bunde anschließen“,[22] sondern mussten einem Kreis angehören. Weiterhin versuchte der JWV erfolgreich, die Ortsgruppen unter 40 „Eingetragenen“ zu halten. So hatte der JWV 3.700 Schüler in 112 Ortsgruppen organisiert, was einer Ortsgruppengröße von durchschnittlich 33 Schülern entsprach.[23]

[Bearbeiten] Ein gemeinsamer Bund, der „Wandervogel e. V.“

Ausgehend von einer Initiative des DB unter Hans Lißner und Hans Breuer kam es vom 14. bis 16. Mai 1910 zur „Sachsenburger Pfingsttagung“, an der auch Vertreter des AWV und Steglitzer e.V. teilnahmen. Auf dieser forderte Breuer den Zusammenschluss der Wandervogelbünde. Beim Steglitzer e.V. löste das bevorstehende Treffen eine Krise zwischen dem Vorstand und dem Führerkollegium aus, da der Vorstand einer Vereinigung eher skeptisch gegenüberstand.[24] Dies hatte zur Folge, dass Prof. Albrecht von seinen Ämtern als Obmann und Schatzmeister zurücktrat. Er wurde von Conradin Brinkmann abgelöst.

Auch der Vorstand des AWV hatte eine ablehnende Haltung gegenüber den Einigungsbestrebungen eingenommen und wusste einen großen Teil der Führerschaft hinter sich. Beide Vereine, sowohl der AWV als auch der Steglitzer e.V., fürchteten eine Vereinnahmung durch den DB. Dennoch nahmen etwa 500 Wandervögel an dem Treffen teil, darunter auch 100 Führer. Aus diesem Kreis wurden sieben Vertreter in einen Ausschuss gewählt, der die Einigungsbestrebungen vorantreiben sollte. Am 8. Januar 1911 gründete sich der „Verband Deutscher Wandervögel“ (VDW), eine Interessengemeinschaft aus den beiden größten Bünde AWV und DB, der sich im Laufe des Jahres neben weiteren Bünden im März auch der Steglitzer e.V. anschloss. Es setzte nun eine Entwicklung ein, der die Bundesleitungen teilweise machtlos gegenüberstanden. Viele DB- und AWV-Ortsgruppen schlossen sich eigenmächtig zu geeinten Ortsgruppen zusammen, auch wenn auf einem gemeinsamen Bundestag vom 8. bis 10. April 1911 in Marburg keine inhaltlichen Einigungen zum Mädchenwandern, zur Abstinenzfrage und zur Ausdehnung der Bünde auf Volksschüler erzielt wurden.

Eher inoffiziell war auch die Gründung des „Wandervogel e. V., Bund für deutsches Jugendwandern“ (Wandervogel e.V.) im Juni 1912. Der damalige Bundesleiter des DB, Dr. König, gab eine Satzung vor und ließ diese ins Vereinsregister eintragen, noch bevor die Gegensatzung des AWV berücksichtigt werden konnte.[25] Daraus ergab sich, dass der AWV niemals offiziell dem Wandervogel e.V. beitrat, obwohl sich zwei Drittel der Ortsgruppen eigenmächtig angeschlossen hatten. Auch der JWV blieb unabhängig von dem großen Einigungsbund, nicht zuletzt aufgrund der Differenzen in der Erwachsenenfrage. Dagegen ging der Steglitzer e.V. nach einem Auflösungsbeschluss vom 29. Dezember 1912 vollkommen im neuen Bund auf. Der DB folgte am 5. Januar 1913 und der „Verband deutscher Wandervögel“ im Februar 1913. Damit hatte sich der zahlenmäßig größte Teil der Wandervögel im Bund Wandervogel e.V. zusammengeschlossen. Sein Leiter wurde der Schuldirektor Dr. Edmund Neuendorff am 21. September 1913, kurz vor dem ersten „Freideutschen Jugendtag“ auf dem Hohen Meißner.

Auf dem „Freideutschen Jugendtag“ trat der Wandervogel e.V. offiziell nicht auf, obwohl er zu diesem mit eingeladen hatte.[26] Lieber verhielt man sich abwartend gegenüber der Freideutschen Jugendbewegung und kritisierte den Einfluss der Reformer und Lenker auf diese Bewegung. Dennoch nahmen viele Vertreter des Bundes an dem Treffen teil.

[Bearbeiten] Hoher Meißner und Erster Weltkrieg

Ein Meilenstein war der Erste Freideutsche Jugendtag am 11. und 12. Oktober 1913 auf dem Hohen Meißner bei Kassel. Dieser war als Protestveranstaltung gegen die patriotischen Veranstaltungen des Kaiserreiches zur Hundertjahrfeier der Völkerschlacht bei Leipzig gedacht. Dort wurde mit der Meißner-Formel das Ideal aller Beteiligten in Worte gegossen; maßgeblich beteiligt daran war u. a. der Reformpädagoge Gustav Wyneken.

Im Zusammenhang mit Kontroversen über Sexualität in der Wandervogelbewegung kam es bald nach dem Meißner Jugendtag zu einer „moralischen Panik“ und zu öffentlichen Angriffen auf die Jugendbewegung.[27]

Insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer immer stärkeren Vermischung von Wandervogel und Pfadfindern, aus denen die Bündische Jugend hervorging.

In diesem Sinne versteht man den Wandervogel als die erste Phase der deutschen Jugendbewegung, während man die Bündische Jugend als ihre zweite und die Jungenschaft als ihre dritte Phase ansieht.

Während bei der bündischen Jugend (beispielsweise Pfadfinder) auch gesellschaftliches und politisches Engagement immer stärker wurden, lag der Schwerpunkt bei den Wandervögeln auf der Fahrt, dem Naturerleben und einer romantisch verklärten Rückbesinnung auf die als ursprünglich empfundene Volkskultur.

Seit etwa 1925 verlor die Wandervogelbewegung stark an Bedeutung. Zwischen 1933 und 1935 wurden die verbliebenen Wandervogelbünde, ebenso wie die anderen Gruppierungen der Bündischen Jugend und die Jungenschaftsgruppen, von den Nationalsozialisten verboten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden viele dieser Gruppierungen neu und existieren bis in die heutigen Tage in verschiedensten, voneinander unabhängigen Gruppierungen. Sie erreichten aber nie die Bedeutung, die die Wandervogelbewegung vor dem Ersten Weltkrieg besessen hatte.

[Bearbeiten] Wirkungsgeschichte

Die stark anwachsende Wandervogelbewegung begann schon bald auf die Gesellschaft zurückzuwirken.

Das heute weltumspannende Jugendherbergswerk und die Reformpädagogik haben zu einem erheblichen Teil ihre Wurzeln in der Wandervogelbewegung.

Ein studentischer Ableger der Wandervogelbewegung ist die 1923 gegründete Deutsche Gildenschaft (siehe auch: Studentenverbindung).

Noch heute ist am alten Rathaus von Steglitz (Berlin) ein Gedenkstein zur Gründung des Wandervogels zu finden.

In der Wandervogelbewegung entstand 1909 Der Zupfgeigenhansl (Hrsg. Hans Breuer), eines der einflussreichsten und am weitesten verbreiteten deutschen Volksliederbücher, das bis heute aufgelegt wird.

[Bearbeiten] Etymologie

Die Bezeichnung Wandervogel für die Wanderbewegung wurde 1901 auf Vorschlag von Wolfgang Meyen gewählt. Nach der Auskunft von dessen Vetter Albrecht Meyen (vgl. Idee und Bewegung 56, 2001, S. 53/54) stammt der Begriff aus einem Gedicht Otto Roquettes (1824–1896) aus Waldmeisters Brautfahrt – Ein Rhein-, Wein- und Wandermärchen von 1851, das in der Steglitzer Wandervogel-Gruppe als Lied gesungen wurde. In dem Gedicht wird der Begriff Wandervogel zum ersten Mal auf Personen angewendet:

Ihr Wandervögel in der Luft,
im Ätherglanz, im Sonnenduft
in blauen Himmelswellen,
euch grüß' ich als Gesellen!
Ein Wandervogel bin ich auch
mich trägt ein frischer Lebenshauch,
und meines Sanges Gabe
ist meine liebste Habe.

Eine andere Deutung macht die Herkunft von Walt Whitmans Grashalmen (1855) abhängig, dessen Buch XVII den Titel Birds of Passage = Wandervögel trägt. Johannes Schlaf hat dann 1907 in seiner Auswahlübersetzung für Reclam den zweiten Gesang, den Gesang der Pioniere mit Wandervögel überschrieben:

Alle Pulse dieser Erde
Fallen ein und schlagen mit uns, schlagen mit des Westen Vormarsch;
Einzeln und allzusammen; immer vorwärts, alles für uns!
Pioniere! Pioniere!

Eine dritte Herleitung verweist auf einen Grabstein auf dem Friedhof Dahlem. Er schmückt das Grab von Kaethe Branco († 1877), eine früh verstorbene Tochter von Hermann von Helmholtz. Die Grabinschrift lautet:

Wer hat Euch Wandervögeln
Die Wissenschaft geschenkt,
Daß Ihr auf Land und Meeren
Nie falsch die Flügel lenkt?
Daß ihr die alte Palme
Im Süden wieder wählt,
Daß ihr die alten Linden
Im Norden nicht verfehlt?

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Köhler, Günther: Der Steglitzer Wandervogel 1896–1914. In: Ille, Gerhard u. Köhler, Günther (Hrsg.): Der Wandervogel – Es begann in Steglitz, Berlin 1987, S. 55
  2. a b Hermann Hoffmann in: Das Nachrichtenblatt des Wandervogel, Nr. 30 vom 30.02.1955, S. 6f.
  3. Blüher, Hans: Wandervogel – Geschichte einer Jugendbewegung. Erster Teil: Heimat und Aufgang, 2. Aufl., Berlin 1912, S. 106f. Blüher setzte die Böhmerwaldfahrt hierbei irrtümlicher Weise auf 1897.
  4. Dupré, Ottomar Johannes: Hans Breuers Leben. In: Hans Breuer. Wirken und Leben, zusammengestellt von Heinz Speiser, Burg Ludwigstein 1977, S. 15
  5. Hoffmann zitiert nach: Ziemer, Gerhard u. Hans Wolf: Wandervogel und Freideutsche Jugend, Bad Godesberg 1961, S. 38f.
  6. Mogge, Winfried: Aufbruch einer Jugendbewegung. Wandervogel – Mythen und Fakten. In: Weißler, Sabine (Hrsg.): Fokus Wandervogel – Der Wandervogel in seinen Beziehungen zu den Reformbewegungen vor dem Ersten Weltkrieg, Marburg 2001, S. 10f
  7. Korth, Georg: Wandervogel 1896–1906, Frankfurt am Main 1967, S. 157
  8. vgl. Köhler 1987, S. 64.
  9. Kindt, Werner (Hrsg.): Dokumentation der Jugendbewegung. Band II: Die Wandervogelzeit – Quellenschriften zur deutschen Jugendbewegung 1896 bis 1919, Düsseldorf 1968, S. 53ff
  10. vgl. Köhler 1987, S. 73
  11. vgl. Blüher, Hans: Wandervogel – Geschichte einer Jugendbewegung. Zweiter Teil: Blüte und Niedergang, 2. Aufl., Berlin 1912, S. 11ff
  12. In: Nachrichtenblatt des „Wandervogel“ – eingetragener Verein zu Steglitz bei Berlin, 1/1904, S. 3
  13. vgl. Kindt 1968, S. 97
  14. vgl. Ille/Köhler 1987, S. 106f
  15. vgl. Kindt 1968, S. 106
  16. Ille/Köhler 1987, S. 87
  17. vgl. Kindt 1968, S. 1075
  18. vgl. Kindt 1968, S. 107
  19. vgl. Kindt 1968, S. 143f.
  20. Zur Programmatik des DB: Müller, Jakob: Die Jugendbewegung als deutsche Hauptrichtung neukonservativer Reform, Zürich 1971, S. 19
  21. Vgl. Ille/Köhler 1987, S. 91f
  22. Otto Piper zitiert nach: Ziemer, Gerhard: Jung-Wandervogel – Zur Geschichte. In: ders., Hans Wolf: Wandervogel und Freideutsche Jugend, Bad Godesberg, 1961, S. 258
  23. vgl. Kindt 1968, S. 1076.
  24. vgl. Kindt 1968, S. 100
  25. vgl. Kindt 1968, S. 146
  26. Einladung u. a. veröffentlicht in: Der Anfang – Zeitschrift der Jugend (5/1913), S. 129ff
  27. Williams, John A: “Ecstasies of the Young”. In: Central European History 2001

[Bearbeiten] Weblinks

Wandervogel - Artikel des Tages

Anna Akhmatova et Marina Tsvetaeva

Deux femmes russes poètes prises au coeur de la tourmente russe du début du siècle, deux femmes russes reclues dans leur oeuvre face à un monde hostile. Ces deux femmes russes sont le visage de la Russie ancienne et moderne.

Femme russe Wandervogel - In den Nachrichten

"Qu'une femme russe vaut bien plus, en somme que les hommes russes qui se battent, et que leur chagrin pour les hommes me fait aimer les femmes russes ici-bas."

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