Walther von der Vogelweide (* um 1170 (Geburtsort unbekannt, siehe dazu: Walthers Herkunft und Geburtsort); † um 1230, möglicherweise in Würzburg), gilt als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des Mittelalters. Schon im 13. Jahrhundert gehört er zu den allerersten Vorbildern, später zu den zwölf alten Meistern der Meistersinger. Von Walther sind 500 Strophen in über 110 Tönen bzw. – inhaltlich gruppiert – 90 Lieder (Minnelieder) und 150 Sangsprüche überliefert; außerdem ein religiöser Leich, der, je nachdem welche Fassung man der Interpretation zu Grunde legt, ein Dreifaltigkeits- oder ein Marienleich ist. Die erste moderne Ausgabe seiner Werke stammt von Karl Lachmann (1827). Verweise auf Walthers Gedichte erfolgen immer auf Seite und Zeile dieser Ausgabe; neuere Ausgaben geben diese als Referenz an.
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Trotz seiner Berühmtheit findet sich Walthers Name nicht in zeitgenössischen Aufzeichnungen außerhalb der Nennungen bei Dichterkollegen; Ausnahme ist die einzelne Erwähnung bei den Reisekosten des Passauer Bischofs Wolfger von Erla für den 12. November 1203, in Zeiselmauer (zwischen Tulln und Klosterneuburg): Walthero cantori de Vogelweide pro pellicio v solidos longos (‚Walther, dem Sänger aus Vogelweide, für einen Pelzmantel fünf Schilling‘ [wörtlich: ‚lange Solidi‘]). Kleriker aus der Umgebung des Bischofs erhielten in diesen Tagen (Anfang November) Pelzmäntel um etwa den selben Wert oder knapp darunter; das zeigt, dass Walther sich etwa so gut kleiden durfte wie die engeren Mitarbeiter („Beamte“) des Bischofs. Da die soziale Stellung sich vor allem in der Kleidung zeigte, ist das eine wichtige Erkenntnis.
- Die Hauptquelle von Informationen über ihn sind seine eigenen Lieder und gelegentliche Erwähnungen bei zeitgenössischen Dichtern. Positiv erwähnt wird Walther von:
Negativ wird Walther beurteilt von:
Negative Kritik wird in der Literatur meistens nicht durch eine namentliche Nennung, sondern nur durch eine Anspielung auf den Gegner gebracht, die gebildetes Publikum erkennen lässt, wer gemeint ist. Wir wissen oft nicht genug, um einen persönlichen Angriff eindeutig identifizieren zu können. Deshalb wird zum Teil bezweifelt, dass sich einige Attacken Reinmars von Hagenau und Neidharts von Reuental gegen Walther richten. Die meisten Forscher halten aber neben der Fehde Walthers mit Reinmar auch die zwischen ihm und Neidhart für nachweisbar.
Wenig Wert haben spätere Erwähnungen, z. B. in der Brennenberger-Klage über das Dahinscheiden der großen alten Sänger (Wol mich des tages). Nicht sicher beurteilbar ist die Glaubwürdigkeit der Angaben Michaels de Leone über Walthers Grab.
Der Titel, den andere Sänger Walther beilegen (Herr), muss nicht beweisen, dass er von adliger Abstammung war; die Herkunftsangabe Vogelweide weist jedenfalls darauf hin, dass er nicht zum höheren Adel gehörte, der seine Namen von Burgen oder Dörfern nahm, sondern bestenfalls zum unfreien Dienstadel (Ministerialen). Gegen adlige Herkunft spricht, dass Walther nie als Zeuge auf Urkunden auftritt, also anscheinend nicht als zeugenfähig galt.
Das meiste wissen wir über Walther aus seinen Werken; die Erwähnungen bei Zeitgenossen tragen zwar Wesentliches, aber doch nur wenig zu seiner Biographie bei. Der Hauptgrund für unser Interesse an Walther ist die überragende Qualität seiner Gedichte; daher sind Fragen zu seiner Biographie vor allem dann relevant, wenn sie uns die Dichtungen verstehen helfen. Sehr wenig können dazu z.B. Diskussionen beitragen, wo Walther geboren wurde oder wo er begraben liegt. Trotzdem nehmen manche diese Fragen wichtig, aus Stolz, Walther vielleicht in ihrer Heimat ansiedeln zu können.
Das „Ich“ einer Dichtung ist sehr oft nicht mit dem Dichter identisch. In Liebeslyrik wird dieses „Ich“, das der Gesellschaft von einem Liebeserlebnis erzählt, wenn es sich um Stimmungslyrik handelt, meist als „lyrisches Ich“ bezeichnet; wenn eine erzählende (kurzepische) Haltung vorwiegt, als Sänger. Jedenfalls ist es eine fiktive literarische Figur, keine autobiographische Äußerung des Dichters. In politischer Dichtung und Auseinandersetzungen mit literarischen und sonstigen Feinden des Autors hat das ‚Ich‘ große autobiographische Anteile, ist aber trotzdem literarisch stilisiert. Für uns ist noch schwerer erkennbar als für die Zeitgenossen, wo die Grenzen zwischen autobiographischen Anteilen und Fiktion liegen. Da wir außer den oben genannten und seinen eigenen Gedichten keine Quellen über Walther besitzen, hat unser Walther-Bild notgedrungen unhistorische Anteile. Trotzdem besitzt dieses „poetische“ Walther-Bild einigen Wert, weil es unser Verständnis seiner Dichtungen nachzeichnet. Insbesondere die Chronologie seiner Werke steht nur dort auf sicherem Boden, wo politische Ereignisse eindeutig angesprochen werden (z.B. die Krönung oder der Tod eines bestimmten Fürsten; identifizierbare Reichstage). Lieder, die die Stimmung eines alten Mannes wiedergeben, reihen wir unter Walthers Altersdichtung ein, obwohl ja auch ein jüngerer Dichter in die „Maske“ eines alten Mannes schlüpfen könnte, usw. Eine derartige Aussage ist als – wertvolle – Aussage über die Stimmung, die das Lied im Publikum erweckt, zu verstehen; kaum ist sie Hilfsmittel zu absoluter Datierung. Allerdings zeigt die datierbare politische Altersdichtung Walthers einige Stilzüge, die auch in anderen Liedern auftreten, die wir gerne seiner Altersdichtung zuordnen würden, so dass vieles der unten gewählten zeitlichen Strukturierung auch der Minnelyrik zwar unbeweisbar und im Detail umstritten, aber nicht unsinnig ist.
Aussagen in Walthers Gedichten, aus denen Rückschlüsse auf seine Biographie gezogen werden dürfen, sind: Zu seiner Jugendzeit äußert er sich im Alter mit: ze Ôsterrîche lernt ich singen unde sagen. Bis zum Tod des Babenbergers Herzog Friedrich I. von Österreich (Frühjahr 1198) wirkte er an dessen Hof in Wien. Es scheint ein glücklicher Lebensabschnitt gewesen zu sein. Danach erhielt er ein ehrenvolles Engagement am Hof des staufischen Thronkandidaten Philipp von Schwaben und machte wirkungsvolle Propaganda für ihn bzw. gegen den welfischen Gegenkandidaten Otto (den späteren OttoIV.). Rund um die Zeit um Philipps Krönung (September 1198 in Mainz) entstanden sowohl Sprüche, die auf die Krönung Bezug nehmen, als auch vermutlich zwei seiner drei Reichssprüche (Lachmann 8,4ff.), deren erster (ich saz ûf eime steine) als Vorlage für das Walther-Bild der Weingartner und der Manesseschen Liederhandschrift diente. Walther besang auch das Weihnachtsfest, das Philipp 1199 in Magdeburg beging. Schon im Spießbratenspruch (Lachmann 17,11), der auf Ereignisse in Griechenland vom Mai 1204 Bezug nimmt, wird jedoch Kritik an Philipp greifbar, was ihm dieser, nach einer Bemerkung Wolframs im Willehalm zu schließen, anscheinend übel nahm. Schon zuvor war Walther nicht ständig im Gefolge Philipps gewesen; 1200 verfasste er anlässlich der Schwertleite Herzog Leopolds VI., des Nachfolgers Friedrichs I., ein Huldigungsgedicht; war also (zumindest für kurze Zeit) nach Wien zurückgekehrt. In seinem Preislied, das um diese Zeit entstanden sein könnte, weist er darauf hin, dass er schon weite Teile Europas bereist hat. Er scheint also an verschiedenen Höfen meist kurzfristige Engagements erhalten zu haben. Am genauesten sind wir über den Verlauf seines Aufenthalts am Hof von Landgraf Hermann I. von Thüringen informiert, da sich dieser nicht nur in Sprüchen Walthers spiegelt, sondern auch in ironischen Bemerkungen Wolframs von Eschenbach über Walther, sowohl im Parzival als auch im Willehalm: Wolfram verfasste große Teile seiner beiden Romane für Hermann von Thüringen und lernte daher Walther persönlich kennen. Walther scheint in Thüringen auf Schwierigkeiten gestoßen und unfähig gewesen zu sein, sich in die thüringische Hofgesellschaft zu integrieren; er beklagt sich über den Lärm betrunkener Ritter, die am Vortrag von Lyrik nicht interessiert sind. Außerdem verlor er trotz Appellation an den Landgrafen einen Rechtsstreit gegen einen Gerhart Atze aus Eisenach, der ein Pferd Walthers erschossen hatte, anscheinend in der irrigen Meinung, dieses sei das Pferd gewesen, das ihm einen Finger abgebissen hatte (die satirische Darstellung in Walthers Atze-Sprüchen – „Atze behauptet, mein Pferd sei mit dem Gaul, der ihm den Finger abbiss, verwandt gewesen; ich schwöre, dass die beiden Pferde einander nicht einmal kannten“ – erlaubt nicht, den tatsächlichen Hergang zu rekonstruieren): Walther forderte finanzielle Entschädigung für das Pferd, erhielt sie aber nicht.
Weiters bezeugen Walthers eigene Aussagen Bindungen an: Heinrich von Mödling (den Onkel Herzog Leopolds VI. von Österreich); Wolfger von Erla (zunächst Bischof von Passau, ab 1204 Patriarch von Aquileia); Graf Dieter II. von Katzenellenbogen; Markgraf Dietrich von Meißen; Herzog Bernhard von Kärnten; Kaiser Otto IV.; Kaiser Friedrich II. und Erzbischof Engelbert von Köln. Vermutet werden auch Beziehungen zu Herzog Ludwig von Bayern und zu einem Grafen von Bogen. In all diesen Fällen handelt es sich um Einzelpersonen. Eine Ausnahme ist der Hof zu Wien: der wird auch kollektiv als der wünneclîche hof ze Wiene ‚der wonnige Hof zu Wien‘, als Hofgesellschaft, und nicht nur in der Person des Herzogs angesprochen. Spätestens nach der Ermordung König Philipps (1208) scheint sich Walther an den Welfen Otto IV. angeschlossen zu haben, der 1209 von Papst Innozenz III. zum Kaiser gekrönt wurde. Das bedeutendste dichterische Zeugnis der Verbindung mit Otto sind die drei „Herr Kaiser“-Sprüche im Ottenton anlässlich des Frankfurter Reichstages von 1212. Eine Schelte von Ottos Geiz beendet das Verhältnis mit diesem und markiert den Übergang Walthers zu dessen Gegner, dem Staufer Friedrich II. Obwohl Friedrich schon am 9. Dezember 1212 auf Betreiben des Papstes in Mainz ebenfalls zum deutschen König gewählt wurde, scheint Walther sich erst später von Otto ab- und Friedrich II. zugewandt zu haben. Trotzdem zeigte sich Friedrich für Walthers propagandistischen Einsatz erkenntlich. Erst von Friedrich, aber noch vor dessen Kaiserkrönung (1220) erhielt Walther ein Lehen, das ihn vom Zwang, kurzfristig wechselnde Engagements suchen zu müssen, befreite (Lachmann 28,31; „jetzt fürchte ich nicht mehr den Februar an den Zehen“). Walther sagt nicht, wo sich das Lehen befand. Man hält es für möglich, dass es in oder um Würzburg gewesen sein könnte, weil der Würzburger Michael de Leone um 1350 berichtet, Walthers Grab sei in Würzburg in der Neumünsterkirche, und dabei eine Grabinschrift mitteilt, die er dort gesehen haben will. Ob diese Nachricht vertrauenerweckend ist, oder Michael de Leone in seinem Lokalpatriotismus nur aus dem Vorkommen eines Vogelweidhofes in Würzburg erschlossen hat, dass Walther hier gelebt haben müsse und den Rest, einschließlich Grabinschrift, erfunden hat, ist umstritten. Das Lehen gab Walther endlich das Heim und die feste Position, die er sich sein Leben lang gewünscht hatte (obwohl er sich darüber beklagte, dass es nur einen geringen Wert hatte; allerdings nicht in Form eines Vorwurfs gegen Friedrich, sondern als Abwehr von Forderungen von pfaffen, davon Abgaben an den Klerus zu leisten; Lachmann 27,7). Dass Friedrich ihm darüber hinaus noch mehr Wohlwollen erzeigte, indem er ihn zum Lehrer seines Sohns (des späteren Königs Heinrich [VII.]) machte, darf bezweifelt werden, da diese Vermutung auf einem Gedicht beruht, das auch anders interpretiert werden kann.
Zwischendurch war Walther bei verschiedenen Anlässen wieder in Wien; eine Strophe bezieht sich auf die Rückkehr Leopolds VI. von einem „heiligen“ Kriegszug; das kann der Krieg gegen die Ungläubigen in Spanien (1212) oder der Kreuzzug von 1218/1219 gewesen sein. Auf einem Nürnberger Reichstag (vielleicht dem von 1224) scheint Walther im Gefolge Leopolds gewesen zu sein. 1225 betrauert er die Ermordung Erzbischof Engelberts von Köln. Das letzte datierbare Lied Walthers, die so genannte „Elegie“, enthält einen Aufruf an die Ritterschaft, am Kreuzzug Friedrichs II. von 1228 teilzunehmen, der vom Herbst 1227 stammen muss. Walther wird daher bald danach gestorben sein (vermutlich spätestens 1230, weil er sonst wohl ein Lied über die Erfolge dieses Kreuzzuges gedichtet hätte) und wurde wahrscheinlich in Würzburg begraben.
Ein Hauptthema von Walthers politischer Dichtung ist die Reichspolitik. Auffällig daran ist, dass er in allen Streitfragen, vom Streit zwischen Philipp und Otto um die Krone ab 1198 bis zum Kreuzzugsappell vom Herbst 1227, eigentlich immer auf der entgegengesetzten Seite stand wie der jeweilige Papst. Schärfste Invektiven gegen den Papst trug er zunächst gegen Innozenz III. (1198-1216) im 2. Reichsspruch vor (wahrscheinlich auf Ereignisse von 1201, während des Kampfes zwischen Philipp und Otto, Bezug nehmend), sodann, unter Otto, polemisierte er im Unmutston gegen die Kollekte von Geldern durch Innozenz III.: diese seien nicht, wie angegeben, für einen Kreuzzug bestimmt, sondern würden bestimmungswidrig zum Ausbau des Laterans (zur Vorbereitung der Lateransynode von 1215) verwendet werden. Im Kreuzzugsappell vom Herbst 1227 betonte Walther, dass der Kreuzzug eine Sache der Ritter sei und Kaiser der Anführer des Kreuzzuges; das bezieht sich darauf, dass Friedrich II. von sich aus den Termin zum Aufbruch festsetzte, während Papst Gregor IX. (1227-1241) die Oberhoheit des Papstes über den Kaiser durchsetzen wollte und Friedrich deswegen bannte: Gregor forderte, dass der Kreuzzug vom Kaiser im Auftrag des Papstes durchzuführen sei und daher auch der Aufbruchstermin vom Papst bestimmt werden müsse. Walther blieb bis ans Ende seiner Tage ein erbitterter Gegner der Forderung der Päpste, dass der Kaiser sich dem Papst zu unterstellen habe. In seinen religiösen Gedichten zeigt sich die auch sonst unter den deutschen Dichtern dieser Zeit häufige Haltung, dass für das Wohlergehen der Christenheit vor allem die richterliche Funktion des Königs und die kriegerische Leistung des Rittertums maßgeblich seien und sie in diesen Dingen daher nicht dem Papst unterstellt seien. Die Meinung, dass unter den Ständen der Kirche der Laienstand dem Klerus nicht untergeordnet sei und der Klerus keine besonderen Vorrechte besitze, kommt etwa auch in den Werken Wolframs von Eschenbach deutlich zum Ausdruck. Ein anderes mehrfach wiederkehrendes Thema ist die Schelte geiziger Gönner, die Walther nicht entsprechend seinem Wert entlohnten. Besonders scharf fielen seine Spottstrophen gegen Markgaf Dietrich von Meißen, Kaiser Otto IV. und Herzog Bernhard von Kärnten aus. Ob in allen diesen Fällen wirklich das zu geringe Honorar Ursache für den Bruch war oder in einigen Fällen nur metaphorisch für einen politisch motivierten Bruch stand, ist nicht feststellbar.
Eine biographisch-chronologische Anordnung von Walthers Minnesang, entsprechend der politischen Dichtung, ist unmöglich, da hier nicht auf historische Ereignisse angespielt wird, die Anhaltspunkte für die Datierung geben könnten. Doch finden sich unter Walthers Liedern einige, die im Leser den Eindruck erwecken, noch nicht die volle Meisterschaft zu zeigen, und an Stil und Thematik anderer Minnesänger angelehnt sind. Diese ist man geneigt, seiner Jugendzeit zuzuschreiben; unter ihnen überwiegen Lieder der „Hohen Minne“ im Stil Reinmars von Hagenau. Eines von Reinmars Liedern ist nachweisbar 1195 für den Wiener Hof entstanden; viele vermuten daher, dass Reinmar zur Zeit von Walthers Jugend in Wien als Hofdichter engagiert gewesen sein könnte und Walther sein Schüler gewesen sei. Die Annahme eines länger dauernden Lehrer - Schüler - Verhältnisses in Wien ist dafür allerdings nicht nötig. Später trug Walther mit Reinmar eine scharfe Fehde aus, die sich noch in Walthers Nachruf auf den Tod Reinmars spiegelt, obwohl Walther dort die künstlerische Leistung des Konkurrenten bewundert und ehrend seiner gedenkt. Eine wichtige Gruppe von Liedern zeigt Walthers neues, Reinmar entgegengesetztes Konzept der „ebenen Minne“, das eine nicht standesbezogene, wechselseitige und erfüllte Liebe als Ideal ansieht. Die populärsten seiner Lieder sind die, je nach Blickwinkel der Interpreten als „Niedere Minne“ oder „Mädchenlieder“ bezeichneten, Lieder, die die erfüllte Liebe zu einem Mädchen, dessen Stand meist nicht ausgesprochen wird, das aber nicht als adelig zu denken ist, thematisieren. Eine scharfe Abgrenzung zu den Liedern der „Hohen Minne“ ist aber nicht möglich: die Übergänge sind fließend. Einige Lieder der „Hohen Minne“, die den Eindruck erwecken, die Wiederaufnahme einer älteren Thematik zu sein, fasste Carl von Kraus als eine Gruppe „Neue Hohe Minne“ zusammen. Dass er die Gruppeneinteilung Hohe Minne - Niedere Minne - Neue Hohe Minne - als eine chronologische Gliederung verstand, zog ihm scharfe Kritik zu, vor allem durch Günther Schweikle.
Mittelalterliche Dichter scheinen sich an Gattungskonventionen gehalten zu haben bzw. die Schöpfung einer neuen Gattung wurde bewusst vorgenommen und von den Zeitgenossen auch als solche wahrgenommen. Doch entspricht dem nicht die Schaffung einer entsprechend ausgefeilten Terminologie; im Vegleich zum 20. Jahrhundert war man an terminologischer Unterscheidung der Unterarten von Gedichten nicht interessiert. Daher ist die Kategorisierung in heutiger Forschungsliteratur je nach Blickwinkel des Interpreten unterschiedlich. Seit Emil Staiger betrachtet die Literaturwissenschaft die Haltung eines Gedichtes, ob eher Gefühle übermittelnd (lyrisch) oder erzählend (episch) oder handlungsbetont (dramatisch); danach wäre nur Weniges an Walthers Gedichten als „lyrisch“ zu kategorisieren. Fasst man „Lyrik“ als Hinweis auf die Aufführungspraxis, als mit musikalischem Vortrag unter Begleitung mit einem Saiteninstrument vorgetragen, so gehört auch die gesamte Spruchdichtung Walthers, weil Sangversdichtung, zur Lyrik. Ob Walther selbst eine strenge gattungsmäßige Trennung zwischen den beiden Gattungen Lied und Spruch im Auge hatte, hängt an der Interpretation einer Zeile in seinem Alterston und ist daher umstritten. In Walthers Altersdichtung veschwimmt jedenfalls die formale Trennung zwischen einerseits mehrstrophigem (mindestens zweistrophigem) Lied und anderseits einzeln verstehbaren Spruchstrophen (auch wenn einige von Walthers Spruchtönen bestimmten Themen gewidmet sind). Auch sind schon von den Liedern der „Hohen Minne“ einige besser als metaphorisch verkleidete inhaltliche Auseinandersetzungen mit politischen oder künstlerischen Gegnern zu verstehen, also nicht reine Stimmungslyrik.
Walthers Geburtsort ist unbekannt. Es gab im Mittelalter viele sogenannte Vogelweiden bei Städten und Burgen, wo man Falken für die beliebte Falkenjagd hielt. Daraus kann man vermuten, dass dem Dichter sein Name zunächst nicht in der überregionalen Kommunikation beigelegt wurde, denn dort hätte er keine eindeutige Zuordnung leisten können. Hochadelige Personen nannten sich eindeutig nach ihrem Besitz oder ihrem Herkunftsort. Demnach war der Name zunächst wohl nur in einem engen regionalen Umfeld sinnvoll (weil es in der Umgebung nur eine einzige Vogelweide gab), oder er wurde immer schon vor allem als metaphorischer Sänger-Übername verstanden. („Künstlernamen“ sind bei den Spruchdichtern des 12. und 13. Jahrhunderts das Übliche, Minnesänger dagegen waren grundsätzlich unter ihrem Adelsnamen bekannt, mit dem auch Urkunden unterzeichnet wurden). Mehrere Orte erheben den Anspruch, die Heimat des Sängers zu sein; z. B. Lajen (Südtirol), Frankfurt am Main, Feuchtwangen, Würzburg oder Dux (Böhmen). Des Weiteren gibt es ein Denkmal des Dichters in Bozen, das 1877 enthüllt wurde. In der Wissenschaft wird als Indiz für eine Herkunft aus Österreich anerkannt (und damit wohl von der Vogelweide des österreichischen Herzogs, von der man aber nicht weiß, wo sie lag), dass Walther in der sogenannten Alterselegie (eigentlich keine Elegie, sondern ein Aufruf zur Teilnahme am Kreuzzug von 1227/28) auf das Land seiner Jugend Bezug nimmt und für diesen rückblickenden Text Langzeilen wählt, wie sie für den „Donauländischen Minnesang“ kennzeichnend sind. Die Annahme, dass Walther von der Vogelweide des österreichischen Herzogs stammt, könnte erklären, dass er, trotz offensichtlicher Meinungsverschiedenheiten mit Herzog Leopold VI., immer wieder am Hof zu Wien Fuß zu fassen suchte und anscheinend so etwas wie ein „Heimatrecht“ geltend zu machen suchte (Ze ôsterriche lernt ich singen unde sagen; Lachmann 32,14), und gleichzeitig die Gönnerschaft des Bischofs von Passau in Anspruch nahm, zu dessen Diözese Wien gehörte. Auch die Sprache Walthers weist Eigenheiten auf, die für den österreichischen Donauraum kennzeichnend sind. Alois Plesser (1911) und genauer Helmut Hörner [1] lokalisierten einen 1556 im Urbar der Herrschaft Rappottenstein (niederösterreichisches Waldviertel) angeführten Vogelweidhof, jetzt Gemeinde Schönbach. Hörner verwies auf die bekannten Argumente für die Herkunft Walters aus Österreich, und dass es nicht gegen das Waldviertel spricht, dass eine Meistersingerüberlieferung behauptet, Walther, einer der 12 Alten Meister, sei ein „Landherr aus Böhmen“ gewesen, denn in mittelalterlichen Urkunden wird dieses öfters als versus Boemiam (nach Böhmen zu) bezeichnet. Vorsichtige Unterstützung für diese Theorie – die eine Herkunft Walthers aus dem Waldviertel vermutet – lieferte der Mediävist Bernd Thum (Karlsruhe) 1977 und 1981: In der „Alterselegie“ klagt der Sänger Bereitet ist daz velt, verhouwen ist der walt; daraus schloss Thum, dass Walthers Heimat in einem Gebiet lag, wo zu dieser Zeit noch gerodet wurde, was auf das Waldviertel zutreffe. Walter Klomfar schloss sich dieser Meinung an und verwies zusätzlich auf eine historische Karte, die von Mönchen des Stiftes Zwettl im 17. Jahrhundert im Rahmen einer juristischen Auseinandersetzung angefertigt worden war. Darauf ist östlich eines Dorfes namens Walthers eine Flur als Vogelwaidt mit zugehörigem Hof eingezeichnet. Der Name Walther ist allerdings so häufig, dass es sich sicherlich Zufall handelt und kaum auf die Familie Walthers von der Vogelweide zu beziehen ist.
Es gibt keine Quellen über die Jagdgewohnheiten der Babenberger, jedoch ist als sicher anzunehmen, dass auch sie, wie der Hochadel allgemein, auf die Beizjagd gingen, und daher irgendwo in ihrem Herrschaftsbereich eine „Vogelweide“ besaßen. Obwohl man eher annehmen wird, dass diese näher bei Klosterneuburg lag, kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie schon am Ort der oben genannten, erst 1556 belegten Vogelweide gewesen sein könnte; die „Waldviertel-Hypothese“ ist daher eine, wenn auch vage, Möglichkeit, auch wenn ihre oben beschriebene detaillierte Ausgestaltung durch Heimatforscher phantasievoll ist.
Unmöglich ist dagegen die folgende populäre Ansicht: Franz Pfeiffer hatte angenommen, dass Walther im Wipptal in Südtirol geboren wurde, wo es in der Nähe der Kleinstadt Sterzing einen Vorder- und Hintervogelweide genannten Wald gibt. Verbreiteter ist die Annahme, dass Walther vom Vogelweider Hof bei Lajen in Südtirol stammt. Die vor allem in der breiten Öffentlichkeit bekannte „Südtirol-Theorie“ beruht auf einer missverstandenen Stelle in Wolframs Willehalm. Dort macht sich Wolfram über Walther lustig, dass er (wir wissen aus einem Spruch Walthers: in Tegernsee) statt Bozner Wein nur Wasser zu trinken bekommen hätte. Das Kloster Tegernsee hatte seine Weingärten bei Bozen (bei Tegernsee wächst kein Wein). Die Erwähnung von Bozen hat also nichts mit der Heimat Walthers zu tun, sondern nur mit der Herkunft des in Tegernsee (nicht) getrunkenen Weines. Walther stammte vermutlich aus dem damaligen Österreich. Eine Herkunft Walthers aus Südtirol ist ganz unwahrscheinlich, da nichts in seiner Biographie dorthin weist.
Über den Ort des Grabes und die lateinische Inschrift haben wir nur die Angaben des Würzburger Protonotars Michael de Leone († 1355), Auftraggeber für die Liederkompilation der Handschrift E. Er gibt das Epitaph wider (Pascua. qui volucrum. vivus. walthere. fuisti / Qui flos eloquij. qui palladis os. obiisti. / Ergo quod aureolum probitas tua possit habere. / Qui legit. hic. dicat. deus iustus miserere „Der du eine Weide für die Vögel, Walther, im Leben bist gewesen …“), was von der Teilübersetzung im Münchener 2° Cod. ms. 731 (Würzburger Liederhandschrift [E]), fol. 191v ergänzt wird: Her walter uon der uogelweide. begraben ze wirzeburg. zv dem Nuwemunster in dem grasehoue. Manche Forscher bezweifeln allerdings die Vertrauenswürdigkeit Michaels de Leone. Eine Legende besagt, Walther habe verfügt, dass an seinem Grab täglich die Vögel gefüttert werden sollen.
An dem Ort im Grashof des Neumünster-Kreuzgangs, wo der Dichter vermutlich 1230 auf dem damaligen Friedhof nördlich der Neumünsterkirche bei der Stelle des ehemaligen Kreuzgangs (in dem grasehoue) beerdigt wurde (Sepulto in ambitu novimonasterii herbipolensis – ‚Begraben im Kreuzgang des Neuen Klosters zu Würzburg‘), steht seit 1930 ein Denkmal für ihn. Das alte Grabmal wurde vermutlich Mitte des 18. Jahrhunderts bei Bauarbeiten entfernt. Der Kaiser hat die ersten Pfründe des Stifts Neumünster sowie andrer bedeutender Reichsstifte nach der Thronbesteigung selbst vergeben. Dadurch ließe sich erklären, wodurch Walther an ein geistliches Lehen gekommen und im Kreuzgang des Stifts begraben worden sei, ohne Geistlicher oder Stiftsherr zu sein.
Das Lied Under der linden (L. 39,11) thematisiert das Liebeserlebnis eines anscheinend einfachen Mädchens mit ihrem höfischen Geliebten in der freien Natur. Es zeigt die Abkehr vom Ideal der „Hohen Minne“ des Ritters zur höhergestellten Dame, die unerfüllt bleibt. Walther hat selbst in verschiedenen Liedern das Wesen von Hoher und Niederer Minne charakterisiert und schließlich das neue Ideal der „ebenen Minne“ – einer erfüllten Liebe von gleich zu gleich – entwickelt. Walthers „Mädchenlieder“, deren bekanntestes dieses ist, lösen zeitlich wahrscheinlich die Frühphase, die stark vom klassischen Minnesang geprägt ist, ab.
| Originaltext | Übersetzung |
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Under der linden |
Unter der Linde |
dâ ‚da‘ (lokal). – mugen ‚können‘. – vinden ‚finden; vorfinden, erkennen‘. – schône ‚schön‘. – beide … unde ‚sowohl … als auch‘. – tandaradei von Walther für den Gesang der Nachtigall erfundenes lautmalendes Wort.
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Ich kam gegangen |
Ich kam zu der Au |
ouwe ‚wasserreiches Wiesenland; Wiese in der Nähe eines Gewässers; Wiese; Au‘. – dô ‚da‘ (temporal). – friedel ‚Geliebter‘. – ê ‚vorher; eher‘. – wart ‚wurde‘. – hêr ‚vornehm; edel‘. – frouwe ‚Dame; Herrin‘. – hêre frouwe ‚edle Herrin‘ kann auch Anrede an die Muttergottes sein. Die Zeile ist für uns (sicher nicht für die Zeitgenossen) dreideutig: 1. ‚ich, eine höfische Dame‘ (das ist die wörtliche Übersetzung. Dann wäre das Mädchen tatsächlich eine höfische Dame; diese Deutung widerspricht aber der Situation des Liedes: eine hochadlige Jungfrau wäre zu gut behütet, um sich mit ihrem Geliebten in der Au treffen zu können) 2. ‚ich wie eine höfische Dame‘ (dann wäre das Mädchen keine adlige Dame, aber der Geliebte hätte sie, durch die sorgfältige Vorbereitung von Rosen usw., wie eine solche behandelt; diese Deutung kann man sich gut vorstellen, aber sie erfordert die syntaktische Ergänzung des ‚wie‘, das nicht im Text steht). 3. Ausruf ‚Heilige Maria!‘. Mit dieser Deutung hat man weder eine interpretatorische Schwierigkeit (wie bei Deutung 1), da sich aus der Situation ein Ausruf gut verstehen ließe, noch eine grammatikalische (wie bei Deutung 2), da ein Ausruf keine weiteren Satzglieder erfordert. Deutung 3 war daher früher allgemein akzeptiert. Es wäre jedoch das einzige Mal, dass Walther diesen Ausruf verwendet; daher ist man heute skeptisch. Allerdings benutzt Walther (als Mann) hêrre got! auch als ungläubigen Ausruf (nicht nur in einem Gebet); da kann man ihn wohl das Mädchen Maria! als ungläubigen Ausruf benutzen lassen. Wie geläufig solche Ausrufe in der Alltagssprache tatsächlich waren, wissen wir nicht, da wir zu wenig Belege mittelalterlicher Alltagssprache haben. [2]
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Dô het er gemachet |
Da hatte er |
rîche ‚reich; prächtig‘. – des ‚dessen; darüber‘. – inneclîche ‚innig; herzlich‘. – iemen ‚irgendjemand‘. – pfat ‚Pfad; Weg‘. – bî ‚bei; an‘. – mac ‚kann‘. – mirz = mir daz ‚mir das‘.
|
Daz er bî mir læge, |
Dass er bei mir lag, |
wessez = wesse ez ‚wüsste es‘. – en-welle ‚wolle nicht‘ (en-: Verneinungspartikel). -wan ‚außer‘. - mac ‚kann‘. – getriuwe ‚treu‘. - ‚das kann wohl verschwiegen sein‘ = ‚versteht sich wohl auf Verschwiegenheit‘.
interpretiert vom Salzburger Ensemble für Alte Musik Dulamans Vröudenton
gelesen von Manfred Scholz, Universität Tübingen, Teil der „Leseproben-Seite der Abteilung für Mediävistik“
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Walther von der Vogelweide |
| KURZBESCHREIBUNG | Spruchdichter und Minnesänger des Mittelalters |
| GEBURTSDATUM | um 1170 |
| GEBURTSORT | Österreich oder Bayern |
| STERBEDATUM | um 1230 |
| STERBEORT | möglicherweise Würzburg |
Anna Akhmatova et Marina Tsvetaeva
Deux femmes russes poètes prises au coeur de la tourmente russe du début du siècle, deux femmes russes reclues dans leur oeuvre face à un monde hostile. Ces deux femmes russes sont le visage de la Russie ancienne et moderne.
"Qu'une femme russe vaut bien plus, en somme que les hommes russes qui se battent, et que leur chagrin pour les hommes me fait aimer les femmes russes ici-bas."