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| Thomanerchor | |
|---|---|
| http://www.thomanerchor.de | |
| Sitz: | Leipzig / Deutschland |
| Träger: | Stadt Leipzig, Thomaskirche (Leipzig) |
| Gründung: | 1212 |
| Gattung: | Knabenchor |
| Leiter/-in: | Georg Christoph Biller |
| Stimmen: | 92 (SATB) |
Der Thomanerchor ist ein weltweit bekannter Knabenchor in Leipzig. Er wurde auf Initiative der Markgrafs Dietrich von Meißen im Jahr 1212 noch unter Kaiser Otto IV zusammen mit der Thomasschule und der Thomaskirche gegründet. Er gehörte damals zum Augustiner-Chorherrenstift des Klosters St. Thomas in Leipzig. Die Bekanntheit des Thomanerchors als einer der ältesten Chöre überhaupt gründet sich auch auf der Leitung durch viele bekannte Musiker und Komponisten, darunter ab dem Jahr 1723 Johann Sebastian Bach. Der Chor besteht aus etwa 100 Jungen im Alter von 9 bis 18 Jahren. Die Thomaner wohnen im Internat, dem Thomasalumnat, und besuchen die Thomasschule, ein Gymnasium mit sprachlichem Profil und vertieft musischer Ausbildung.
Inhaltsverzeichnis |
Der Markgraf von Meißen veranlasste im Jahr 1212 die Gründung des Augustiner-Chorherrenstiftes zu St. Thomas. Zum Stift gehörte eine Klosterschule, die geistlichen Nachwuchs heranbilden sollte, bald aber auch Knaben zugänglich wurde, die nicht im Stift wohnten. Seit der Einführung der Reformation 1539 in Leipzig wird der Chor von der Stadt Leipzig getragen. Er ist damit die älteste kulturelle Einrichtung der Stadt. Der Thomanerchor bestand zu Lebzeiten Johann Sebastian Bachs aus rund 55 Schülern, die auf vier Chöre verteilt gemeinsam mit den Stadtpfeifern und einigen Kunstgeigern die Kirchenmusik in der Nikolaikirche, Thomaskirche, Neuen Kirche sowie der Petri- und Johanniskirche versehen mußten. Neben den Gesangspartien wirkten die Schüler auch als Streicher mit. Nach neueren Forschungsergebnissen von Joshua Rifkin und Andrew Parrott waren die Chorstimmen in der Regel einfach besetzt. Bachs eigene Werke wurden vornehmlich von der ersten Kantorei ausgeführt. Das Repertoire der anderen Kantoreien, welche unter der Leitung von Präfekten standen, bestand aus leichteren Kantaten und Motetten anderer Komponisten. Die vierte Chorgruppe beschränkte sich auf einfache Liedsätze. [1] Nach dem Tod dieses berühmtesten Thomaskantors folgten im Kantorat bedeutende Persönlichkeiten wie Johann Friedrich Doles, Johann Adam Hiller und Moritz Hauptmann.
Gegen Ende des 19. Jh. wurde die Thomasschule neben der Thomaskirche abgerissen, und der Thomanerchor zog in die Hillerstraße im heutigen Leipziger „Musikviertel“ um.
Seit den 1920er Jahren unternahm der Thomanerchor sehr erfolgreiche Reisen ins Ausland, die teilweise auch von dem damaligen Thomaskantor Karl Straube initiiert wurden, anfänglich jedoch nur durch Europa führten. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Thomanerchor 1937 in die Hitlerjugend eingegliedert. Es gelang Straube und seinem Nachfolger Günther Ramin jedoch, nationalsozialistisches Gedankengut so weit wie möglich vom Chor fernzuhalten, und zwar gerade auch aus dem Repertoire des Chores, indem sich vor allem Ramin schon früh nach seinem Amtsantritt 1939 auf das geistliche Programm des Chors spezialisierte. Der 1941 unternommene Versuch, den Thomanerchor im Musischen Gymnasium Leipzig aufgehen zu lassen, scheiterte aus unterschiedlichen Gründen. Gegen Ende des Krieges versuchte Ramin, die zwangsweise Einziehung zur Wehrmacht für die Thomaner so lange wie möglich hinauszuzögern, mit der Begründung, sonst bliebe die Singfähigkeit nicht erhalten. Weiterhin zählt zu den Leistungen dieser beiden Kantoren die starke Neuaufbereitung der Bachpflege, die durch Straube begonnen und von Ramin weitergeführt wurde.
In den Zeiten der DDR wurden einige sehr bedeutende Schallplattenaufnahmen getätigt, herausragend v.a. die Aufnahmen der Bachschen Kantaten unter Hans-Joachim Rotzsch in den 70er Jahren. Rotzsch trat 1991 zurück, nachdem seine IM-Tätigkeit für die Staatssicherheit bekannt wurde. [2] Seit 1992 leitet Georg Christoph Biller den Chor, als 16. Thomaskantor nach Bach. Mit dem „Forum Thomanum“ möchte er langfristig die Zukunft und Qualität des Chores sichern, und gleichzeitig die Thomasschule Leipzig als international führende Schule mit Schwerpunkt Musik etablieren.
Traditionell stehen im Zentrum der Arbeit des Chores die Vokalwerke von Johann Sebastian Bach; das Repertoire berührt jedoch die geistliche und weltliche Literatur praktisch aller Epochen von der Renaissance bis zur Moderne. Der Leiter des Thomanerchores Georg Christoph Biller ist der 16. Thomaskantor nach Johann Sebastian Bach.
Derzeit entsteht als Begegnungsstätte im Leipziger Bachviertel das Forum Thomanum. Mit inbegriffen in das Forum sind die Lutherkirche, Thomasschule, Internat, Grundschule, Jugendherberge, Kindergarten, Verwaltungsgebäude, Probengebäude und eine unterirdische Turnhalle. Entsprechend der Konzeption zum Forum Thomanum soll es neben den Bauvorhaben auch wesentliche Veränderungen im Erziehungssystem geben.
Der Thomanerchor ist neben seiner regen Konzerttätigkeit in ganz Deutschland (mindestens 2 große Deutschlandreisen im Jahr) und seinen Auslandsreisen noch dreimal in der Woche in der Thomaskirche verpflichtet. Immer freitags 18 Uhr und samstags 15 Uhr musiziert der Thomanerchor in den Motetten in der Thomaskirche. Sonntags singt er um 9:30 Uhr im Gottesdienst. In den Ferien haben die Thomaner frei. Zu den Hochfesten der evangelischen Kirche singt der Thomanerchor auch. Der Eintritt für eine Motette kostet zwei Euro. Für Kinder und Inhaber eines Leipzig-Passes ist die Motette kostenlos.
In letzter Zeit wird in der pädagogischen Diskussion der Bundesrepublik immer wieder betont, dass die Erziehung vor allem durch persönliche und gesellschaftliche Werte geprägt sein muss. Das chorische Zusammenleben der Thomaner erfüllt durch die Heranführung an eine strukturierte Tagesplanung, die lebendige Pflege des reichen musikalischen Erbes und einem sich entwickelnden Verantwortungsgefühl in der Gemeinschaft der Thomaner diesen Anspruch. Das Einhalten der gemeinsam erarbeiteten Hausordnung ist eine wichtige Bedingung für das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Sänger unterschiedlichen Alters. Das gemeinsame Musizieren, Erarbeiten und Erleben der Musik schafft dabei eine zusätzliche Bande. Die aktiven Thomaner und deren Eltern nehmen jeweils durch ihre Vertretungen (Alumnatsrat und Thomasserrat) am erzieherischen Werdegang des Chores intensiv teil und besprechen mit dem pädagogischen Personal Probleme, Wünsche und Meinungen. In einer Elterninitiative werden außerdem die für das Jubiläumsjahr 2012 (800 Jahre Thomanerchor, Thomasschule und Thomaskirche) anstehenden baulichen und personellen Veränderungen (Verbesserungen) begleitet und teilweise mit initiiert. In einem Zeitschriftenartikel [3] werden genau diese Anstrengungen zur Verbesserung der Lebensbedingungen zum Jubiläum zwar aufgezeigt, doch leider subjektiv motiviert in ein negatives Licht gerückt, indem unzeitgemäße Probleme lediglich benannt und Behauptungen unsachlich aufgestellt werden. In zahlreichen Reaktionen von Lesern (unter anderem im SPIEGEL selbst), ehemaligen Chormitgliedern, aktiven Eltern und Kennern des Chores wird unter anderem die Darstellungsweise des Artikels kritisiert.
Die 93 Mitglieder des Thomanerchores wohnen im Alumnat in der Leipziger Hillerstraße. Die Thomaner sind nicht klassenweise untergebracht, sondern gemischt in den so genannten Stuben. Eine solche Stube stellt nicht nur eine Räumlichkeit, sondern vielmehr eine administrative Einheit mit geschlossener Hierarchie und klarer Aufgabenverteilung dar. Dabei lebt immer ein Älterer mit mehreren Kleineren zusammen in einem Raum. Somit wird zu diesem Älteren ein hierarchisch und erzieherisch angelegtes Vertrauensverhältnis angestrebt. Die Erziehung im Thomanerchor erfolgt somit vorrangig durch die älteren Mitglieder und weniger durch die dortigen Erzieher (Diensthabende Inspektoren). So ist es möglich, dass über 90 Jugendliche unter einem Dach wohnen und nur von jeweils einem der insgesamt fünf Erzieher beaufsichtigt werden. Die Stuben werden jährlich neu verteilt, um die altersmäßige Struktur der Stuben zu erhalten, aber auch sozial Einfluss nehmen zu können.
In den Stuben selbst befinden sich nur die Köten (ein abschließbarer Schrank mit Safe und Oberköte (nicht abschließbarer Bereich oberhalb der eigentlichen Köte)) und ein Tisch für jeden. Daneben gibt es in den Stuben noch andere Möbelstücke und Ausrüstungsstücke, so z.B. Ranzenschränke, Bücher- und Zeitungsregale, Radios, Pflanzen und Stühle. Fernseher oder Computer gibt es jedoch nicht in den einzelnen Stuben. Die Betten sind eine Etage über dem „Wohnungstrakt“ in den Schlafsälen angesiedelt. Ein Schlafsaal bietet 4 bis 10 Jugendlichen einen Schlafplatz.
Das Internat ist weiterhin mit einer Turnhalle, einem Probensaal und einem Speisesaal ausgestattet. Zudem gibt es eine Nähstube für die Konzertanzüge, ein Archiv, einen „Mitarbeitertrakt“, Proberäume, einen Bandraum, ein Modelleisenbahnzimmer, einen Fitnessraum, einen Aufenthaltsraum für die Obernschaftler, ein Zimmer für die „Schülerzeitung“ des Thomanerchors (das Kastenjournal), eine Sauna, eine Bibliothek mit Computerstationen inklusive Internetzugang, eine Krankenstube mit 4 isolierten Betten, einen Fernsehraum und noch andere alltäglich benötigte Räume: ein Waschsaal, Toiletten sowie 2 Duschräume.
… | Thidericus (um 1295) | … | Johannes Steffani de Orba (1436–1443) | Thomas Ranstete (1443–1444) | Peter Seehausen (um 1460) | Martin Klotzsch (um 1470) | Johannes Fabri de Forchheym (um 1472) | Ludwig Götze (ab 1480) | Gregor Weßnig (1482–1488) | Heinrich Höfler (1488–1490) | Nikolaus Zölner (um 1494) | Johannes Conradi (um 1508) | Johann Scharnagel (um 1513) | Georg Rhau (1518–1520) | Johannes Galliculus (1520–1525) | Valerian Hüffeler (1526–1530) | Johann Hermann (1531–1536) | Wolfgang Jünger (1536–1539) | Johannes Bruckner (1539–1540) | Ulrich Lange (1540–1549) | Wolfgang Figulus (1549–1551) | Melchior Heger (1553–1564) | Valentin Otto (1564–1594) | Sethus Calvisius (1594–1615) | Johann Hermann Schein (1615–1630) | Tobias Michael (1631–1657) | Sebastian Knüpfer (1657–1676) | Johann Schelle (1677–1701) | Johann Kuhnau (1701–1722) | Johann Sebastian Bach (1723–1750) | Johann Gottlob Harrer (1750–1755) | Johann Friedrich Doles (1756–1789) | Johann Adam Hiller (1789–1801) | August Eberhard Müller (1801–1810) | Johann Gottfried Schicht (1810–1823) | Christian Theodor Weinlig (1823–1842) | Moritz Hauptmann (1842–1868) | Ernst Friedrich Richter (1868–1879) | Wilhelm Rust (1880–1892) | Gustav Schreck (1893–1918) | Karl Straube (1918–1939) | Günther Ramin (1939–1956) | Kurt Thomas (1957–1960) | Erhard Mauersberger (1961–1972) | Hans-Joachim Rotzsch (1972–1991) | Georg Christoph Biller (seit 1992)
Quellen