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Textus receptus (lat. für der überlieferte Text) nennt man jene Textform des griechischen Neuen Testaments (NTs), die in den weit verbreiteten Druckausgaben des 16. und 17. Jahrhunderts zu finden ist und sich in der Folge im Westen für lange Zeit durchgesetzt hat. Ursprünglich stammt diese Bezeichnung aus einer Ausgabe des griechischen NTs von 1633 durch Bonaventure und Abraham Elzevier, zwei Brüder und Drucker aus Leiden. Sie schrieben textum ergo habes, nunc ab omnibus receptum, in quo nihil immulatum aut corruptum damus, was übersetzt bedeutet "so erhaltet ihr den Text, von allen empfangen, mit nichts Korruptem darin". Die zwei Wörter textum und receptum wurden vom Akkusativ zum Nominativ geändert, um die Phrase textus receptus zu erhalten. Aber auch andere Ausgaben dieses Druckhauses, sowie einige Ausgaben von Erasmus von Rotterdam und Robert Estienne werden als Ausgaben des Textus Receptus angesehen.[1]
Die Druckausgabe des Erasmus von Rotterdam von 1516 ist zwar, wie jede Ausgabe vor Einsetzen der modernen Textkritik des Neuen Testaments, diesen Ausgaben (die auch kleinere Abweichungen untereinander zeigen) ziemlich ähnlich, aber unterscheidet sich doch z. B. durch das Fehlen des Comma Johanneum und sollte deshalb besser nicht als „Textus receptus“ bezeichnet werden.
In der komplizierten Textgeschichte des Neuen Testaments unterscheidet man verschiedene Textfamilien. Erasmus hat seiner Erstausgabe vier mehr oder minder zufällige Manuskripte des so genannten Mehrheitstextes oder byzantinischen Reichstextes zu Grunde gelegt, die er über italienische Zwischenhändler erworben hatte. Diese Textform wird zwar von der Mehrheit der erhaltenen Handschriften überliefert, ist aber, wie die wissenschaftliche Textkritik heute annimmt, eine vergleichsweise späte Entwicklung, die sich im Lauf der Textüberlieferung vom Urtext recht weit entfernt hat.
Im 18. Jahrhundert wurde die Genauigkeit des Textus receptus in Frage gestellt: Ausgaben des griechischen Neuen Testaments wurden zunehmend mit einem textkritischen Apparat versehen, der abweichende Lesarten aus anderen Handschriften und Übersetzungen verzeichnete, zum Teil mit Angabe, sie seien vermutlich ursprünglicher als die Lesart des Textus receptus. Im 19. Jahrhundert wurden weitere Handschriften entdeckt, entziffert und in ihrer Wichtigkeit für die Textüberlieferung erkannt. Etwa ab dem Erscheinen der Ausgabe von Konstantin von Tischendorf von 1869/1872 und dem New Testament in the Original Greek von Westcott/Hort 1881 galt der Textus receptus in der wissenschaftlichen Textkritik nicht mehr als maßgeblich, auch wenn man an den textkritischen Leitprinzipien insbesondere von Westcott/Hort durchaus berechtigte Kritik üben kann.
Einzelne Anhänger des Textus receptus, die diese Textform als die von Gott inspirierte ansehen, gibt es allerdings bis heute. Auch die Griechisch-Orthodoxe Kirche, in deren Gottesdiensten bis heute die altgriechische Originalsprache üblich ist, verwendet als ihren Bibeltext weiterhin einen Text, der Erasmus’ Textus receptus ähnlich, allerdings nicht genau gleich ist; er basiert auf einer größeren Zahl von Manuskripten des byzantinischen Reichstextes, als Erasmus zur Verfügung standen. Dies wird damit begründet, dass der Heilige Geist nicht nur speziell die ursprünglichen Autoren, sondern vielmehr die gesamte kirchliche Überlieferung inspiriert habe; auch wenn man die Rekonstruktion der Originaltexte als möglich annehme, seien diese daher nicht prinzipiell besser als der kirchlich überlieferte Text.
Bibelübersetzungen aus der Reformationszeit wie die ursprüngliche Lutherbibel oder die englische King-James-Bibel legen den Textus receptus zu Grunde, während sich heutige revidierte Übersetzungen in der Regel auf die neueren textkritischen Ausgaben des griechischen Neuen Testaments stützen. Ausnahmen sind die Schlachter-Bibel Version 2000, die nicht von der Deutschen Bibelgesellschaft vertriebene Luther-Revision von 1998 (NT), das von Prof. Herbert Jantzen übersetzte Neue Testament von 2007, die den Textus receptus als Grundlage benutzen.