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Stalinismus

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Josef Stalin

Als Stalinismus bezeichnet man

  1. allgemein die von Josef Stalin geschaffene theoretische und praktische Ausprägung des Marxismus-Leninismus oder
  2. konkret die Zeit, in der Stalin innen- und aussenpolitisch dominant war (1924–1953).

Die Bezeichnung selbst ist nicht kommunistischer Herkunft, sondern ein Begriff, der sich nach Stalins Tod 1953 im Osten, wie im Westen gebildet hatte. Nach der Kritik der Stalinschen Ära auf dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 gab es einen Prozess der Entstalinisierung[1].

Von vielen Analytikern wird der Stalinismus auch mit dem Marxismus-Leninismus gleichgesetzt. Dies wird mit Verweis auf die Stalin-Kritik nach 1956 in den kommunistischen und Arbeiterparteien und den damaligen sozialistischen Staaten angezweifelt, da diese sich auch nach der Abkehr von Stalin zum Marxismus-Leninismus bekannten.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Stalinismus als Ausprägung des Marxismus und Leninismus

[Bearbeiten] Stalinismus als wissenschaftliche Theorie

Ursprünglich bezeichnete der Begriff des Stalinismus in den 1920er Jahren in der Sowjetunion die Auffassungen der von Josef Stalin geführten Mehrheit in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) im Kampf um die politische und theoretische Nachfolge Lenins - hauptsächlich in Auseinandersetzung mit dem Trotzkismus. Damals ironisierte Stalin die Begriffsbildung noch, Stalinismus sei eine besonders energische Verteidigung des Leninismus. Anzumerken ist auch, dass der Begriff Marxismus-Leninismus auf Stalin und seine ideologische Prägung zurückzuführen ist.

Um Stalins 55. Geburtstag 1934 herum erhob ein Artikel von Karl Radek die Ideen und die Politik Stalins zu einer eigenständigen Leistung, und es setzte sich die Formel vom Marxismus-Leninismus-Stalinismus durch. Ausdruck dessen war unter anderem, dass ausgewählte Reden und Schriften Stalins zuerst zusammen mit einigen Werken Lenins in „Lenin-Stalin" - Ausgewählte Werke in einem Bande veröffentlicht wurden und 1946 sogar eine 16-bändige Gesamtausgabe der Werke Stalins vom Marx-Engels-Lenin-Institut beim Zentralkomitee der KPdSU (B) herausgegeben wurde[2].

Eckpfeiler der stalinistischen Theorie waren die Entwicklung des Sozialismus in einem Lande und die Verschärfung des Klassenkampfes bei der Entwicklung. Die Verschärfung des Klassenkampfes wurde zur Legitimation von Repressionen und Stalinistischen Säuberungen (siehe unten).

Nach der Stalin-Kritik auf dem 20. Parteitag der KPdSU und der danach in den sozialistischen Ländern und den kommunistischen Parteien einsetzenden Entstalinisierung wurde auch der wissenschaftliche Beitrag Stalins zum Marxismus-Leninismus realer eingeschätzt, er wurde nicht mehr in einem Atemzuge mit Marx, Engels und Lenin genannt, auch das damals übliche propagandistische Viererporträt wurde auf Marx, Engels und Lenin reduziert.

[Bearbeiten] Marxistische Analysen des Stalinismus

Der Philosoph und Historiker Leo Kofler interpretiert den Stalinismus als nachgeholte ursprüngliche Akkumulation und unterzieht den Stalinismus damit als einer der ersten einer marxistischen Analyse. Einen soziologischen Ansatz verfolgt Werner Hofmann. Josef Elleinsteins Geschichte des Stalinismus (für die er aus der französischen KP ausgeschlossen wurde) erklärt den Stalinismus aus der russischen und sowjetischen Geschichte heraus.


Georg Lukács schrieb: „Aus dem unvollkommen verstandenen Leninismus ist Stalinismus geworden...“ Das Besondere und Neue in den Werken Stalins wäre unter anderem die Priorität der Taktik vor der Strategie und erst recht vor den Gesamtentwicklungstendenzen der Menschheit[3](S. 93). Lukács sah in Stalin den schlauen, berechnenden, überlegenen Taktiker. Dazu gehöre aber auch, daß er diesen Sieg (über Leo Trotzki und andere Reformisten und Opportunisten[4]) als den der richtigen Lehre Lenins über deren Entstellungen darzustellen im Stande schien. Und es gehöre zum Wesen seiner Persönlichkeit, dass er nach dem Sieg nicht mehr bloß als treuer Ausleger und Schüler Lenins öffentlich fungieren wollte, sondern allmählich - oft taktisch sehr geschickt - Situationen zustande brächte, in denen er bereits als der echte Nachfolger der allseitig überlegenen Führerpersönlichkeit seines großen Vorgängers ins öffentliche Bewußtsein träte... Stalin selbst war aber doch nicht mehr als ein sehr kluger Mensch und ein äußerst raffinierter Taktiker.[3](S.85)


Der Theoretiker Jürgen Kuczynski verwendete als Synonym des Stalinismus oft auch den Begriff der Stalinzeit. Er meinte damit die Gesamtheit der geistigen und realen Geschehnisse während der Stalinschen Herrschaft, und zwar ausdrücklich der positiven, als auch negativen. Er lehnte die Negierung Stalins nach dem 20. Parteitag als „Fortsetzung des Stalinismus“ ab, nach dem jemand nicht mehr erwähnt wurde, wenn er in Ungnade gefallen war.


Innerhalb der Sowjetunion, der sozialistischen Länder und der Kommunistischen Parteien wurde die eigene Kritik des Stalinismus nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 lange Zeit als Kritik am Personenkult um Stalin umschrieben. In den 1970er Jahren und nach 1989 wurde auch in den euro- und postkommunistischen Parteien von Stalinismus gesprochen, ohne dem Begriff einen umrissenen historischen, theoretischen oder politischen Inhalt zu geben.

[Bearbeiten] Begriffsverwendung im westlichen Ausland

Durch Trotzkis Kritik der politischen Verhältnisse in der Sowjetunion und durch Veröffentlichungen dissidenter Kommunisten wurde der Begriff Stalinismus im westlichen Ausland, in der Sozialwissenschaft und in der Alltagssprache zum Synonym für den ideologischen Dogmatismus und Totalitarismus der Machtpolitik Stalins und der KPdSU in der Kommunistischen Internationale und für das politische System der nach 1945 entstandenen realsozialistischen Staaten. Nach Trotzki entstand unter Stalin eine neue privilegierte Schicht ... die, gierig nach der Macht, gierig nach den Gütern des Lebens, Angst hat um ihre Positionen, Angst vor den Massen - und jegliche Opposition tödlich hasst.


Als stalinistisch werden häufig allgemein die Herrschaftsformen in den sozialistischen Ländern bezeichnet, was aber wegen der unzulässigen Verallgemeinerung nicht von allen Analysten geteilt wird. Auch Formen des Personenkults und der politischen Machtausübung in der Volksrepublik China (Maoismus) oder in Nordkorea werden als stalinistisch beschrieben, obwohl gerade diese Formen stark vom Konfuzianismus geprägt sind und Kim Il-sung auf den Stalinismus prägenden Bezügen zum Marxismus-Leninismus verzichtet.

[Bearbeiten] Zeit der Stalinschen Herrschaft in der Sowjetunion und in der Komintern

[Bearbeiten] Stalinsche „Säuberungen“

Die Verschärfung des Klassenkampfes wurde zur Legitimation von Repressionen und Stalinistischen Säuberungen. deren Opfer ermordet oder in die von der Gulag betriebenen sowjetischen Zwangsarbeitslager gebracht wurden. Insgesamt gehen Historiker von einer Opferzahl von mindestens 20 Millionen Menschen aus.

Die Ermordung von Sergej Mironowitsch Kirow, der als Stalins „Gegenspieler“ galt, lieferte den Vorwand für die Politik der berüchtigten „Säuberungen“ (russisch „Tschistka“). 90 Prozent derjenigen Parteigenossen, die 1934 am „Parteitag der Sieger“ als Delegierte teilgenommen hatten (und dort versuchten, Stalins Allmacht zu schmälern), wurden in öffentlichen Schauprozessen (Moskauer Prozesse) zum Tode verurteilt, darunter auch der Großteil der Funktionäre und Minister. Stalin allein entschied, welche Minister und Funktionäre oder auch ganze Städte seiner Meinung nach nicht hinter seiner Politik standen und überließ Jeschow, der während der Zeit der Großen Säuberung der Chef der Geheimpolizei NKWD war, die Durchführung seiner Instruktionen. Diese liefen meist darauf hinaus, dass die betreffenden Personen zumindest verhaftet und häufig erschossen wurden. Die von der Geheimpolizei verwendeten Straftatbestände wegen antisowjetischen Verhaltens, trotzkistischer oder anderer Opposition gegen die KPdSU sowie einer Vielzahl anderer Verschwörungstheorien waren allesamt Verstöße gegen den Paragraphen 58 des Strafgesetzbuches der Sowjetunion, der die rechtliche Grundlage für die Verfolgungen bildete. Zwischen dem September 1936 und dem Dezember 1938 wurden schätzungsweise etwa 1,5 Millionen Menschen umgebracht. Umstritten bleibt in der Forschung, inwieweit die Verfolgungen von, zum Teil treuen Anhängern, einen rationalen Kern hatten, oder ob man von reinen Wahnvorstellungen Stalins reden muss. Das Ergebnis der Säuberungen war, dass Stalin nach 1938 wirklich die absolute Macht in der Sowjetunion innehatte. Nach dem Ende der Säuberungen und der Ersetzung Jeschows durch Lawrenti Beria wurden die willkürlichen Verhaftungen zwar nicht gestoppt, die verhafteten Menschen wurden aber meist zu Haftzeiten in Straflagern verurteilt, deren Dauer 10 und durch eine Gesetzesänderung im Jahr 1949 25 Jahre betrug.

1950 bis 1951 kam es erneut zu „Säuberungen“. Auch Geistliche, Angehörige nichtrussischer Völker und vermeintliche politische Gegner (Kosmopoliten, Westler, Juden) wurden zahlreich inhaftiert und mitunter der Folter ausgesetzt, wobei viele Unschuldige sich dem Vorwurf von Spionage oder „konterrevolutionärer Tätigkeit“ ausgesetzt sahen.

Die Verhöre in der Stalinzeit – und auch noch danach – waren geprägt von demütigenden Durchsuchungen, Schlafentzug, Prügel, Hunger, Durst und Einschüchterung.

[Bearbeiten] Zwangskollektivierungen in der Landwirtschaft

Stalin trieb die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft unnachgiebig voran. Dabei brach er rücksichtslos den Widerstand der Bauern, die er als Kulaken diffamierte. Folge, aber auch durchaus erwünschtes Hilfsmittel der Kollektivierung war eine riesige Hungersnot an der Wolga, in der Ukraine und im ganzen Land. Sie kostete mehrere Millionen Menschen das Leben, jedoch sind genaue Opferzahlen nicht bekannt. Einzelne Schätzungen geben bis zu 15 Millionen Opfer an. Die damalige Hungersnot in der Ukraine ist unter dem Begriff Holodomor bekannt geworden.

[Bearbeiten] Personenkult

Der Personenkult um Stalin nahm in dieser Zeit immer größere Ausmaße an. Zu Lobpreisungs- und Ergebenheitswerken in Literatur und bildender Kunst gesellte sich eine allgegenwärtige öffentliche Präsenz, so wurden in fast allen Sowjetrepubliken und Ostblockstaaten einige Städte in Stalingrad bzw. Stalinstadt umbenannt, daneben öffentliche Gebäude, Werke, Sportstätten und anderes mehr.

Wichtige und ergebene Mitarbeiter Stalins waren u. a. Lazar Kaganowitsch, der Volkskommissar für innere Angelegenheiten und NKWD-Chef Lawrenti Beria, Trofim Lyssenko und Michail Kalinin.

[Bearbeiten] Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit

1939 schloss Stalin einen Nicht-Angriffspakt mit Hitler, den Hitler-Stalin-Pakt, der auch ein Geheimabkommen zur Aufteilung Polens und Osteuropas zwischen den beiden Staaten beinhaltete. Nach dem deutschen Angriff auf Polen erfolgte am 17. September 1939 der Überfall sowjetischer Truppen auf Polen und die sowjetische Besetzung Ostpolens und im Juni die der Staaten des Baltikums und des rumänischen Bessarabiens bis zur Donau, die im Hitler-Stalin-Pakt der Sowjetunion zugesprochen worden waren. Dabei kam es zu Kriegsverbrechen, wie der Ermordung von 20.000 gefangenen polnischen Offizieren in Katyn. Stalin war 1940 auch Sieger im Winterkrieg gegen Finnland.

Während des Großen Vaterländischen Krieges, nachdem Hitler einen Überraschungsangriff auf die Sowjetunion gestartet hatte, war Stalin auch Oberbefehlshaber der Armee. Ihm gelang es durch Appelle an den Patriotismus und die allgemeine Wut auf die deutsche Aggression große Teile der Bevölkerung hinter die Partei und sich zu scharen. Auch durch die Parole: „Mehr Angst von hinten als von vorn“, d.h.: Sowjetsoldaten, die zurückwichen, wurden häufig liquidiert, konnten massive Reserven organisiert werden. Unter Stalins Führung wurde die Elektrifizierung und Schwerindustrialisierung des bäuerlichen Russlands vorangetrieben - eine Voraussetzung für den Sieg der Sowjetunion über Hitler-Deutschland.

Millionen von Menschen, ganze Völker und Volksgruppen, wie die Krimtataren, die Russlanddeutschen oder die Tschetschenen wurden in dieser Zeit als potentielle Kollaborateure zur Zwangsarbeit in die unwirtlichen Permafrostgebiete nach Sibirien deportiert, wo es unter den Deportierten große Verluste an Menschenleben gab. Auch die Armenier waren von diesen Deportationen betroffen. Die baltischen Staaten verloren so etwa zehn Prozent ihrer Einwohner.

Stalin ließ ein System von Strafarbeitslagern, das unter dem Namen Gulag bekannt wurde, aufbauen. Es umfasste Internierungs- und Arbeitslager oder „Besserungsanstalten“ für politische Gefangene. Der Paragraph 58 des Strafgesetzbuches ermöglichte es, den Begriff des politischen Gefangenen sehr weit auszudehnen: So war zum Beispiel das Stehlen von Äpfeln aus einem Kolchosgarten konterrevolutionäre Sabotage. Die genauen Zahlen über die Anzahl der Gefangenen und der Todesopfer des Lagersystems sind seit Öffnung der russischen Archive Gegenstand historischer Forschung und äußerst umstritten: So schwankt die geschätzte Zahl der Gefangenen zwischen 3,7 und 28,7 Millionen. Stalins Herrschaft gehört mit ca. 20 bis 40 Millionen Todesopfern neben denen von Mao und Adolf Hitler zu den drei Regimen des zwanzigsten Jahrhundertes, die die meisten Menschenopfer gefordert haben.

Auf der Konferenz von Teheran 1943 und der Konferenz von Jalta 1945, an denen Stalin teilnahm, wurden auch die Grenzen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg neu gezogen. Daraus resultierte die Vertreibung von mehreren Millionen Menschen in der östlichen Hälfte Europas.

[Bearbeiten] Siehe auch

Trotzkismus, Linke Opposition, Kommunistische Partei.

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. dtv-Lexikon in 24 Bänden. Band 21, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München, Genehmigte Sonderausgabe Oktober 2006, ISBN 978-3-423-59098-3, Seite 38f
  2. J. Stalin Werke, Band 1, Dietz Verlag GmbH, Berlin 1950, Vorwort zur deutschen Ausgabe S. V
  3. a b Lukács, Georg: Demokratisierung heute und morgen, Budapest 1985.
  4. Anmerkung des Wikipedia-Autors zur Erläuterung
  5. Jürgen Kuczynski: Dialog mit meinem Urenkel - Neunzehn Briefe und ein Tagebuch, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1983, 8. Auflage 1987, S. 77-81, ISBN 3-351-00182-7

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Stalinist – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik
Wiktionary Wiktionary: Stalinistin – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen und Grammatik

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