Netencyclo, The wikipedia mirror - Enzyklopädie : Johann Wolfgang von Goethe

- Johann Wolfgang von Goethe -

Johann Wolfgang von Goethe :

femme russe

Johann Wolfgang von Goethe

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche
Wikipedia:Hauptseite
Dieser Artikel befasst sich mit dem Dichter Goethe; zu weiteren Personen und Dingen, die Goethe heißen, siehe Goethe (Begriffsklärung).

Johann Wolfgang Goethe, geadelt 1782 (* 28. August 1749 in Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar; auch Göthe), ist als Dichter, Dramatiker, Theaterleiter, Naturwissenschaftler, Kunsttheoretiker und Staatsmann einer der bekanntesten Vertreter der Weimarer Klassik. Sein Werk umfasst Gedichte, Dramen und prosaische Literatur, aber auch naturwissenschaftliche Abhandlungen. Er gilt als der bedeutendste deutsche Dichter und herausragende Persönlichkeit der Weltliteratur.

Johann Wolfgang von Goethe 1828, gemalt von Joseph Karl Stieler
Johann Wolfgang Goethe
Der junge Goethe, gemalt von Angelika Kauffmann 1787

Inhaltsverzeichnis

Herkunft und Jugend (1749–1765)

Goethes Familie lebte in Frankfurt, im Haus am Großen Hirschgraben, dem heutigen Goethe-Haus. Der Vater Johann Caspar Goethe (1710–1782) widmete sich der Zusammenstellung eines Naturalienkabinetts sowie der Sammlung von Gemälden. Er brauchte keinen Beruf auszuüben, da er sich den Titel eines Kaiserlichen Rates gekauft hatte und repräsentativen Aufgaben nachging.

Goethes Mutter, Catharina Elisabeth Goethe, geb. Textor (1731–1808), stammte aus einer alteingesessenen Patrizierfamilie. Die Tochter des Frankfurter Schultheißen (Vorsteher des Justizwesens) hatte mit 17 Jahren den damals 38-jährigen Rat Goethe geheiratet. Der Sohn schrieb später:

Vom Vater hab’ ich die Statur,
des Lebens ernstes Führen.
Vom Mütterchen die Frohnatur
und Lust zu fabulieren.[1]

Diese Selbststilisierung ist irreführend, Goethes Verhältnis zu den Eltern war nicht frei von Konflikten. Außer der am 7. Dezember 1750 geborenen Schwester Cornelia Friderike Christiana starben alle anderen Geschwister früh. 1758 erkrankte Goethe an den Blattern (Pocken).

Goethe wurde gemeinsam mit seiner Schwester und zeitweise seiner Mutter vom Vater und durch Privatlehrer in den damals üblichen Sprachen (Lateinisch, Griechisch, Französisch, Englisch, Hebräisch) und andren Fächern unterrichtet. Er erhielt Unterricht im Tanzen, Reiten und Fechten, musikalisch in Cello und Klavier. Er lernte leicht, wenn man seinem Spieltrieb freien Lauf ließ.

Eine wesentliche Rolle im lutherischen Haushalt spielte die religiöse Erziehung der Kinder, wozu die tägliche Bibellektüre und der sonntägliche Gottesdienst gehörten. Erste Glaubenszweifel brachte 1755 das Erdbeben von Lissabon, wo sich Gott, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen hatte.[2] Der Religionsunterricht, den Goethe zunächst bei dem Frankfurter Senior Johann Philipp Fresenius, einem Freund der Familie, später bei seinem Onkel, dem Pfarrer Johann Jakob Starck, erhielt, gefiel ihm wenig, war doch der kirchliche Protestantismus, den man uns überlieferte, eigentlich nur eine Art von trockner Moral: an einen geistreichen Vortrag ward nicht gedacht, und die Lehre konnte weder der Seele noch dem Herzen zusagen. Einzig die Beschäftigung mit dem Alten Testament, vor allem den Geschichten um die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob regte seine Phantasie an. Seine Haltung zur Kirche und den christlichen Dogmen blieb auch später distanziert bis ablehnend. So charakterisiert er beispielsweise die Kirchengeschichte als „Mischmasch von Irrtum und Gewalt“.[3] Besonderen Anstoß erweckte bei ihm die Lehre von der Erbsünde.

Früh schon liebte er die Literatur, die er in der umfangreichen Bibliothek seines Vaters fand. Auch seine Freude am Theater wurde schon in jungen Jahren geweckt: Im väterlichen Haus wurde alljährlich ein Puppentheater eingerichtet. Während der Besetzung Frankfurts durch französische Truppen 1759 besuchte er häufig das französische Theater im Junghof. Ein Nachklang seiner damaligen Begegnungen mit Schauspielern hallt durch Wilhelm Meisters Lehrjahre („zugleich unter den Bezauberten und Zauberern“ sein). 1763 erlebte er ein Konzert des siebenjährigen Mozart. Mit 14 Jahren bewarb er sich um die Mitgliedschaft in der tugendhaften Arkadischen Gesellschaft zu Phylandria, wurde jedoch wegen „Ausschweifung“ abgewiesen. 1764 erlebte er die Krönung Josephs II. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

1765 begann er in Leipzig das Studium der Rechte.

Studium und Geniezeit (1765–1775)

Leipzig (1765–1768)

Das Studium von 1765 bis 1768 war das Gegenteil von Goethes bisheriger Ausbildung und stieß ihn ab. Er hörte lieber die Poetikvorlesung von Christian Fürchtegott Gellert und nahm an dessen Stilübungen im sanften Stil der Zeit teil. Er nahm Zeichenunterricht bei Adam Friedrich Oeser, dem Direktor der Leipziger Akademie. Dort lernte er antike Plastik in Gipsabgüssen und zierlichen Gemmen kennen und wurde er von Winckelmanns Ideen beeinflusst. Anfangs aufgrund seiner Herkunft belächelt, entwickelte er sich in wenigen Wochen zum Stutzer. Er verliebte sich in Käthchen Schönkopf und besang diese Liebe in für das Rokoko traditionellen Versen. 1770 erschien eine erste, anonyme Sammlung von musikalisierten Liedern im Druck (Gedichtzyklus Annette).

Anna Katharina Schönkopf, Goethes „erstes Mädgen“
Johann Gottfried von Herder
Friederike Brion in Elsässer Tracht

Bei einem Kupferstecher im Hause des Verlegers Breitkopf lernte er Stechen, Holzschnitt und Radieren. Seine eher kritiklose Verehrung vieler zeitgenössischer Poeten wich einer bewussten Hinwendung zu Lessing und Wieland. Bereits in dieser Zeit schrieb er viel, eine Oper, ein biblisches Drama über Belsazar; fast alles hat er später vernichtet.

Auerbachs Keller und die dort beheimatete Sage von Fausts Fassritt 1525 beeindruckten ihn so sehr, dass er den Ort – neben dem Harzgebirge und den dortigen Gemeinden Schierke und Elend – als einzigen wirklichen in Faust I aufnahm. Ein Blutsturz zwang ihn im August 1768, sein Studium abzubrechen und „gleichsam als ein Schiffbrüchiger“ (Dichtung und Wahrheit) nach Frankfurt zurückzukehren.

Goethes Erlebnisse mit Käthchen Schönkopf und deren Freier sind in die Komödie Die Mitschuldigen eingeflossen, die er nach der Rückkehr verfasste.

Frankfurt/Straßburg (1768–1770)

Eineinhalb Jahre blieb Goethe darauf bei seinen Eltern in Frankfurt, um sich auszukurieren - eine Zeit mit manchen Rückfällen, ob deren Länge es zu Verstimmung mit dem Vater kam. Während der Rekonvaleszenz wurde er von der Mutter und seiner Schwester gepflegt. Während er sich noch auf dem Krankenlager langweilte, schrieb er eine Kriminalkomödie. Eine Freundin der Mutter, Susanne von Klettenberg, brachte ihn mit pietistischen Vorstellungen der Herrnhuter in Berührung. So beschäftigte er sich eingehend mit Mystik, Alchemie und Seelenerforschung. Im April 1770 verlor der Vater die Geduld, Goethe verließ Frankfurt, um in Straßburg sein Studium zu beenden.

Wieder kümmerte er sich wenig um die trockenen Repetitorien. Im Elsass blühte er auf; kaum eine andere Landschaft hat er später ähnlich liebevoll beschrieben. In der Tischgesellschaft seiner Pension lernte er Johann Heinrich Jung-Stilling und mit ihm eine Lebensgeschichte aus dem Volk kennen. Weitere Bekanntschaften waren Lerse und Lenz.

Entscheidende Anregungen gab Herder, der sich wegen einer Augenoperation in Straßburg aufhielt. In ihm lernte Goethe zum ersten Mal jemanden kennen, zu dem er aufschauen konnte. Herders Führung war unbarmherzig, er tat die zierlichen Gemmen und die geliebte römische Dichtung als flache Kopien ab und öffnete dem Jüngeren die Augen für die dramatische Gewalt Shakespeares. Er machte ihn mit den damals eben veröffentlichten Gesängen Ossians vertraut und erschloss ihm die Poesie der Völker. Nicht Stammbäume und Schlachten seien wichtig, sondern das Werden und Wesen der Völker, sichtbar in ihrer unverbildeten Dichtung: dem Alten Testament, Homer, Mythen und Sagen. Dieser ganzheitliche Ansatz kam Goethes Art zu denken nahe.

In Straßburg erlebte er altdeutsche Baukunst. Der Eindruck der gewaltigen Massen, die sich – „einfach und groß“ – gen Himmel türmen, führt wenig später zu der begeisterten Schrift „Von deutscher Baukunst D. M. Erwini a Steinbach“.

Auf einem Ausritt in die Umgebung kam er in Sesenheim (spr.: Sessenheim[4]) in ein gastfreundliches Pfarrhaus und verliebte er sich in die Pfarrerstochter Friederike Brion. Nach einem Jahr beendete er die Beziehung (Lenz schrieb von einem Menschen, „welcher kam und ihr als Kind das Herze nahm“). Aus der Straßburger Zeit stammen die als „Sesenheimer Lieder“ überlieferten Gedichte, darunter „Willkommen und Abschied“ und „Erwache, Friederike“. Diese Gedichte sind aus Kopien aus der Hand von Heinrich Kruse bei Friederikes Schwester Sophie überliefert. Diese könnte mit Kopien von Friederike, Goethe und Lenz regen Handel getrieben haben. Die Gedichte hatten keine Titelüberschriften, und der jeweilige Autor (Goethe oder Lenz) war den einzelnen Gedichten nicht zugeordnet. Goethes Autorenschaft ist nur für jene Gedichte aus der Straßburger Zeit gesichert, die er selbst veröffentlicht hat.

Die vom Vater ersehnte juristische Dissertation (er „verlangte ein ordentliches Werk“ [5]) gestaltete Goethe so eigenwillig, dass sie nicht zur amtlichen Zensur angenommen wurde. Die Arbeit mit dem Titel De legislatoribus ist nicht erhalten. Der Theologieprofessor Elias Stöber bezeichnete Goethe als überwitzigen Halbgelehrten und … wahnsinnigen Religionsverächter.[6] Goethe konnte durch eine Disputation am 6. August 1771 in Straßburg das Lizentiat erhalten, wurde aber nicht zum Doktor promoviert, worüber der Vater unzufrieden und enttäuscht war, musste doch sein Sohn mit einem zweiten Preis vorlieb nehmen.[7] Grundlage waren 56 Thesen in lateinischer Sprache unter dem Titel Positiones Juris. In der vorletzten These spricht er die Streitfrage an, ob eine Kindsmörderin der Todesstrafe zu unterwerfen sei. Das Thema griff er in künstlerischer Form wieder in der Gretchentragödie auf.

Seine Ausbildung war damit abgeschlossen; man bot ihm eine Aufnahme in den französischen Staatsdienst an. Dies lehnte er ab. Er wollte ein ungebundenes freies „Original-Genie“ sein.

Frankfurt und Darmstadt (1771)

Ende August 1771 wurde Goethe in Frankfurt als Lizenziat zugelassen. Er wollte im Sinne fortschrittlicher, humaner Rechtsprechung und eines humanen Vollzugs tätig werden. Bereits bei seinen ersten Prozessen ging er zu forsch vor, erhielt eine Rüge und verlor die Lust. Damit war nach wenigen Monaten seine Laufbahn beendet, auch wenn die Kanzlei noch einige Jahre existierte. Damals stand er in Verbindung mit dem Darmstädter Hof, wo man der Mode der Empfindsamkeit huldigte; aus diesem „Darmstädter Kreis“ sind Johann Georg Schlosser (sein späterer Schwager) und Johann Heinrich Merck hervorzuheben. Oft ritt oder wanderte er – auch im Schneesturm – von Frankfurt nach Darmstadt; sein Drang in die Natur war eine Trotzreaktion: Sturm und Drang.

Auch literarische Pläne verfolgte er wieder; dieses Mal hatte der Vater nichts dagegen, half sogar. Einem Buch entnahm Goethe die Lebensbeschreibung des Raubritters Götz von Jagsthausen aus der Zeit der Bauernkriege. Die Geschichte – kräftig umgewandelt – fügte er in wenigen Wochen zu einem bunten Bilderbogen (er selbst nannte sie in einem Brief „ein Skizzo“). Wie bereits in der Kindheit schuf er sich seine eigne Bühne, traf jedoch damit in das Herz seiner Zeitgenossen; das Stück wurde abgeschrieben, an Freunde gegeben, die begeistert waren von der Geschichte des „Gottfried von Berlichingen mit der Eisernen Hand“. Wie mit der Würdigung altdeutscher Baukunst traf er auch hier einen Nerv seiner Zeit. Als Herder das nicht für die Bühne gedachte Stück kritisierte, wurde er von seinem Zögling abserviert. Merck trat als kritischer Förderer an seine Stelle.

Praktikant in Wetzlar (1772)

Von unbezahlter Mitarbeit an einer literarischen Zeitschrift (herausgegeben von Schlosser und Merck) konnte Goethe nicht leben. Im Mai 1772 ging er zur Vervollständigung der juristischen Ausbildung als Praktikant an das Reichskammergericht in Wetzlar. Das altehrwürdige, aber verwahrloste Institut (einzelne Verfahren waren bereits seit über drei Generationen anhängig) wurde damals einer von Kaiser Joseph II. angeregten „Visitation“ (kritische Beurteilung) unterworfen. Unter den dort tätigen jungen Juristen, mit denen er sich im Gasthof „Zum Kronprinzen“ traf, war auch der Hofrat Johann Christian Kestner, der von ihm sagte: „…kam hier ein gewisser Goethe aus Frankfurt an, seiner Hantierung nach Dr. juris, 23 Jahre alt, einziger Sohn eines sehr reichen Vaters, um sich hier – dies war seines Vaters Absicht – in praxi umzusehen, die seinige aber war, den Homer, Pindar und andere zu studieren und was sein Genie, seine Denkungsart und sein Herz ihm weiter für Beschäftigungen eingeben würden… Er hat sehr viele Talente, ist … ein Mensch von Charakter, besitzt eine außerordentlich lebhafte Einbildungskraft… Von Vorurteilen frei, handelt er, wie es ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es andern gefällt… Aller Zwang ist ihm verhasst… Er ist bizarr und hat in seinem Betragen… verschiedenes, das ihn unangenehm machen könnte. Aber bei Kindern, bei Frauenzimmern und vielen anderen ist er doch wohl angeschrieben…“. In Wetzlar wurde Goethe mit den dysfunktionalen Strukturen des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation konfrontiert.

Begegnung mit Charlotte Buff und Maxe La Roche

Bei der mit Kestner verlobten Charlotte Buff, genannt „Lotte“, erlebte Goethe häusliches Familienleben. Er verliebte sich in sie, die beiden schienen unzertrennlich, bis Kestner ein ernstes Gespräch mit ihm führte. Noch in der selben Nacht flüchtete Goethe nach Frankfurt, wo er sich nun dauerhaft niederließ, aber ständig unterwegs war. Bei einem Besuch in Koblenz bei Sophie von La Roche trat deren Tochter Maximiliane (die später den Frankfurter Kaufmann Peter Anton Brentano heiratete, Mutter von Clemens und Bettina Brentano), an Charlottes Stelle. Merck drängte, den Götz von Berlichingen in eine Bühnenfassung umzuarbeiten und zu veröffentlichen. Schließlich wurde er im Selbstverlag herausgebracht. Er wurde ein Sensationserfolg (mit der Folge von Raubdrucken und einer Flut von Ritterromanen und -schauspielen) und machte Goethe mit einem Schlag berühmt.

Die Leiden des jungen Werther (1774)

In dem Briefwechsel mit Kestner erfuhr er vom Freitod des Gesandtschaftssekretärs Karl Wilhelm Jerusalem in Wetzlar. In seinem Werther-Roman hat er die eignen Erlebnisse mit Charlotte Buff damit verbunden. In wenigen Wochen befreite er sich schreibend „von seiner Trunkenheit, seinem Rausch” (Philipp Seidel). Der Roman führte zu einer europaweiten Werther-Hysterie. Selbstmorde nach dem Vorbild Jerusalems wurden gemeldet. Der Götz und der Werther markieren, so verschieden sie auch sind, den Beginn einer neuen deutschen Literatur. Der ruppige Stil des Götz wurde bei den Genies des Sturm und Drang Mode.

Fragmente und Abgeschlossenes

Das Elternhaus wurde zu einer Herberge für alle möglichen Interessenten, Schmeichler, auch ernstzunehmende Freunde, darunter Klopstock. Eine Fülle weiterer Arbeiten entstand: Fastnachtspossen im Stil von Hans Sachs, die Farce „Götter, Helden und Wieland“, das „Jahrmarktsfest zu Plundersweilern“, er machte sich über die sentimentalen Darmstädter Naturschwärmer lustig. Daneben finden sich Pläne zu Dramen über bedeutende Gestalten der Geschichte: Mohammed („Mahomet“), Sokrates, Cäsar, Prometheus, Christus, den ewigen Juden Ahasver, die alle Fragment blieben. In dieser Zeit greift Goethe auch zum ersten Mal den Fauststoff auf. Vollendet wurde das Drama „Clavigo“ (Konflikt von Begabung und Charakter; Anregung durch Beaumarchais). Die Zeit schwankte unentschlossen zwischen Sentimentalität und Sturm und Drang, Klassizismus und beginnender Romantik. In ähnlicher Weise schwankt der Held in „Stella, ein Schauspiel für Liebende“ (1775) zwischen zwei Frauen; die Handlung mündet in eine Doppelehe.

Begegnung mit Carl August und Lili Schönemann

Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach
Lili Schönemann

1774 unternimmt Goethe mit seinen Freunden Basedow und Lavater eine Lahnreise nach Ehrenbreitstein. Im Dezember 1774 vermittelte der Major Karl Ludwig von Knebel die Bekanntschaft mit dem Erbprinzen Carl-August von Sachsen-Weimar, dem späteren Großherzog, der auf dem Weg zu seiner Kavaliersreise nach Paris war. Im selben Winter lernte Goethe Lili Schönemann kennen, eine reizende, lebenslustige Blondine, Tochter aus einem Frankfurter Bankiershaus und dabei selbstbewusst, fein und ernsthaft. Die junge Frau entzückte ihn leidenschaftlich: Lili war keine ungefährliche „Äbtissin“ wie seine ferne Brieffreundin Auguste von Stolberg oder bereits gebunden wie Lotte in Wetzlar.

Goethe hat Lili nie vergessen[8], sie erscheint als Hauptfigur in Stella und Hermann und Dorothea.

Über die Schweiz nach Weimar (1775)

Zusammen mit den Brüdern Christian und Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg sowie Christian Graf von Haugwitz fährt Goethe in Werther-Tracht vom Mai bis Juli 1775 in die Schweiz, das von Rousseau in seiner Julie ausgemalte Land der unverfälschten Sitten. Bei Lavater, bei dem ihm solchen Ideen nichts zuwiderzulaufen schien, besuchte er Johann Jakob Bodmer, von dessen alten Bemühungen ums Nibelungenlied er nicht wusste. Mit Jakob Ludwig Passavant reiste er weiter bis an den Gotthard-Pass.

Wieder in Frankfurt, wurde Goethe von Carl-August aufgesucht, der in ihm einen geeigneten Berater für seine Regierungstätigkeit sah. Er lud ihn ein, als sein „Favorit“ nach Weimar zu kommen. Der reichsstädtisch gesinnte Vater war dagegen und riet zu einer Reise nach Italien. Auf dem Weg dorthin holen ihn in Heidelberg die Weimarer ein. Hier kommt es zum auffälligsten äußeren Wechsel in Goethes Leben[9] und bricht seine Autobiographie ab.

Minister in Weimar (1775–1786)

Goethes Gartenhaus in Weimar
Goethes Wohnhaus in Weimar, das Haus am Frauenplan. Heutiger Museumszugang links am Bildrand; die beiden Tore links und rechts des früheren Haupteinganges gestatten eine Durchfahrt in den hinteren Wirtschaftstrakt zu Stallungen und Kutschenremise.
Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach - Gemälde von J. E. Heinsius (1773)

Amtsübernahme und Wirken

Am 7. November 1775 traf Goethe in Weimar (damals mit Eisenach, Jena, Neustadt und dem Amt Ilmenau im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach) ein, einem der vielen verarmten Duodezfürstentümer des Reichs. Die ersten Monate vergingen mit Festen, Lustbarkeiten, Tollheiten aller Art und einem Besuch bei dem nunmehr verheirateten Käthchen Schönkopf (Frau Kanne) in Leipzig. Wieland begrüßte Goethe begeistert. Im Frühjahr 1776 begann die (informelle) Teilnahme an einzelnen Sitzungen des Conseils. Im Juni wurde Goethe zum Geheimen Legationsrat mit Sitz und Stimme in diesem Ministerrat ernannt, gegen den Widerstand des Hofs, der Minister und Beamten. Doch früh hatte er in der Herzoginmutter Anna Amalia einen Verbündeten gefunden; mit dem Herzog war er bald eng befreundet.

Er sorgte dafür, dass Herder im Oktober als Generalsuperintendent nach Weimar kam. Zwischen Gleichrangigen wurde die alte Freundschaft wiederbelebt.

Goethe wohnte sechs Jahre in seinem Gartenhaus am Park an der Ilm, das der Herzog ihm faktisch zum Geschenk machte. Dieser vermietete ihm, auch zu Repräsentationszwecken, 1782 ein großzügiges Haus am Frauenplan. Vom Herbst 1789 bis Sommer 1792 durfte Goethe mit Christiane Vulpius das Haus nicht bewohnen. Erst vom Sommer 1792 an war die Familie wieder im Haus am Frauenplan, das der Herzog Goethe 1794 mündlich schenkte und 1807 übereignete. Hier lebte Goethe bis zu seinem Tod; hier entstanden gleichfalls zahlreiche Werke.

Carl August spannte ihn in die Regierungsarbeit ein; in den folgenden Jahren übernahm er verschiedene Ämter: Leitung der Kriegskommission, Direktor des Wegebaus, Leiter der Finanzverwaltung, zeitweise auch Kultusfragen. Faktisch war er Leiter des Kabinetts (Ministerpräsident).

In Goethes Zeit als Mitglied des Geheimen Consiliums (des obersten Beratergremiums von Carl August) fallen drei Aufsehen erregende Fälle von Kindstötung. Während Dorothea Altwein zu lebenslangem Zuchthaus begnadigt wird (sie kam nach 27 Jahren frei) und Maria Rost ohne Gerichtsverfahren vom Herzog zu lebenslanger Haft bestimmt wird (sie kam nach 6 Jahren frei), wird Johanna Höhn hingerichtet. Sie hatte ihr gerade geborenes Kind in einem Anfall von Panik getötet und wurde vom Jenaer Schöppenstuhl dafür zum Tod verurteilt. Der Herzog wollte sie zu lebenslanger Zuchthausstrafe begnadigen und verlangte daher von seinen Regierungsräten und Beratern Voten zur Frage, ob im Staat Sachsen-Weimar die Todesstrafe für Kindsmord unmittelbar nach der Geburt durch die Mutter abgeschafft werden soll; er selbst war für die Abschaffung und Ersetzung durch lebenslängliche Zuchthausstrafe. Goethe hat als eins der drei Mitglieder des Geheimen Consiliums, nach den Voten der beiden andren, Fritsch und Schnauss, sein Votum für die Beibehaltung der Todesstrafe gegeben. Es gab den Ausschlag dafür, dass in Weimar die Todesstrafe für dieses Delikt nicht abgeschafft wurde.

Goethe unternahm zahlreiche Wanderungen und Ausritte zu Pferd. Im Jahr 1777 hielt er sich das erste Mal im Harz auf. Im Mai 1778 unternahm er eine Reise mit Herzog Carl-August über Leipzig und Wörlitz nach Berlin und Potsdam. Im Amt Ilmenau stöberte er ein altes Bergwerk auf und träumte er von Silberschätzen, mit denen man die Finanznot beheben könne. Am 24. Februar 1784 erfolgte die feierliche Eröffnung des Bergwerks. Die Bergbaupläne versackten bald in alten Rechtsansprüchen und Wassereinbrüchen (der letzte Schacht wurde 1812 stillgelegt), hinterließen aber ihre Spuren im Werk (vgl. Faust, zweiter Teil).

Die Geologie wurde in Verbindung mit der Mineralogie zur heimlichen Liebe. 1779 unternahm er eine zweite Schweiz-Reise, um in Bern eine Anleihe für das verschuldete Fürstentum aufzunehmen. Auf dem Weg besuchte er seine noch in Frankfurt lebende Mutter und im Elsass Lili und Friederike.

In den Jahren 1783 und 1784 folgten zwei weitere Reisen in den Harz sowie 1789 Besuche in Aschersleben und 1805 in Halberstadt, Gernrode und Ballenstedt in der Umgebung des Mittelgebirges. [10][11] 1785 fuhr er zum ersten von vielen Malen nach Karlsbad.

Goethe im Jahr seiner zweiten Reise in die Schweiz, 1779 (Gemälde von G.O. May). Goethe war sieben Jahre jünger als Charlotte von Stein. Zeitweise übernahm er die Erziehung ihres dritten Sohnes Fritz
Charlotte von Stein, Zeichnung, Selbstportrait um 1780

Charlotte von Stein

Kurz nach seiner Ankunft hatte Goethe die Hofdame Charlotte von Stein kennengelernt. Mit Schillers Worten: „…eine wahrhaft eigene, interessante Person, von der ich begreife, dass Goethe sich so ganz an sie attachiert hat… gesunder Verstand, Gefühl und Wahrheit liegen in ihrem Wesen. Man sagt, dass ihr Umgang ganz rein und untadelhaft sein soll.“ Herr von Stein war meist dienstlich unterwegs und störte nicht. Frau von Stein brachte dem Geniekerl der Sturm-und-Drang-Zeit Manieren und gleichmäßiges Arbeiten bei; es wurde ein dramatischer Umbau seiner Persönlichkeit: vom uferlosen Ich zur disziplinierten Person. Bis dahin war Wühlen ohne Form seine Lust (und seine Stärke) gewesen; von nun an ging es ihm um Gestalt und Formung.

Nicht mehr die stürmische sprachgewaltige Darstellung von Leidenschaften, Landschaften und Wolkenflug, sondern das ruhige Nachdenken über große Zusammenhänge der Schöpfung wurde bestimmend für sein Werk. Als Goethe Charlotte von Stein zehn Jahre später verließ, war sie verbittert und seitdem entfremdet.

Naturkundliche Studien

In diesen Jahren begann er sich mit Biologie, Anatomie und dem Werden der Formen in Tier- und Pflanzenwelt zu beschäftigen.[12] Der Anatomieprofessor Loder vermittelte umfassende theoretische und praktische Fähigkeiten. Gemeinsam mit ihm entdeckte Goethe am 27. März 1784 bei zielgerichteten Forschungen in der Jenaer Anatomie den Zwischenkieferknochen am menschlichen Schädel (auch Sutura incisiva goethei oder Os goethei genannt). Nach herrschender Meinung sollte er nur bei Tieren vorkommen. Goethe, der eine „geheime“ Verwandtschaft zwischen Tier und Mensch „ahnend schaute“, sah genauer hin als alle anderen und hatte Erfolg. Noch in derselben Nacht schrieb er an Herder: „Ich habe gefunden – weder Gold noch Silber, aber was mir unsägliche Freude macht – das Os intermaxillare am Menschen“. Herders Gedanken über eine organische Entwicklung in der Naturgeschichte kamen seinen Vorstellungen nahe.

Corona Elisabeth Wilhelmine Schröter, Ölgemälde von Georg Melchior Kraus (1785)

Gesellschaftliches Leben

1780 wurde er als Lehrling in die Weimarer Freimaurerloge Anna Amalia zu den drei Rosen aufgenommen (die jedoch bald schließen musste). Im April 1782 besorgte der Herzog ihm vom Kaiser das Adelsdiplom, damit er bei offiziellen Gelegenheiten nicht länger im Abseits sitzen musste. 1783 folgte die Aufnahme in den Illuminatenorden unter dem Namen „Abaris“.

Neben unzähligen Gelegenheitsarbeiten (Maskeraden, Aufzügen, Redouten, Singspielen und Gelegenheitsgedichten, meist für Aufführungen in den Lustschlössern des herzoglichen Hofs bestimmt) schrieb er im Wesentlichen nur eine erste Prosafassung des Theaterstückes „Iphigenie auf Tauris“, ein Gegenbild zu seinem Leben.

Regierungsgeschäfte, die eigenartige Beziehung zu Charlotte, gleichzeitig eine halbe Affäre mit der attraktiven Corona Schröter und möglicherweise die Vaterschaft von Auguste Böhmer, erstem Kind der frisch verheirateten Caroline Böhmer – dieses Leben war weder edel noch still. Die Figuren in der Iphigenie dagegen (sogar der Barbarenfürst) sind menschlich und unaufgeregt. An die von Frankfurt mitgebrachten großen Anfänge („Egmont“, „Faust“, „Der ewige Jude“) wagte er sich nicht. Doch begann er 1778 den Bildungsroman „Wilhelm Meister“, ebenso ein Kammerspiel für fünf Personen: „Torquato Tasso“. Nach den Erfolgen in der Jugend konnte Goethe mit seinen Werken keine Furore mehr machen. Es gab zwar zwei unautorisierte „Gesamtausgaben“ (vulgo Raubdrucke), doch hatten ihn Publikum und Verleger abgeschrieben.

1786 zeichnete sich ab, dass er von seinen Lebensumständen enttäuscht war: die Beziehung zu Frau von Stein wurde unbehaglich, seine Regierungsarbeit besserte die Verhältnisse nicht und raubte Zeit und Kraft. Auch erotische Abenteuer, wie mit Elisabeth von Lingen, besserten die Lebensfreude nicht. Als endlich dem Herzogspaar der langersehnte Thronfolger geboren ward, war seine Vermittlerrolle abgeschlossen, er ließ sich von den aktuellen Regierungsgeschäften beurlauben, räumte unter Bergen von Manuskripten und Briefen auf und bereitete einen neuen Anfang vor.

Goethe in Italien (1786–1788)

Anfang September 1786 stahl sich Goethe ohne Abschied und das Wissen von Frau von Stein nach Italien. In Weimar war (außer dem Herzog) nur seinem Diener und Sekretär Philipp Seidel das Reiseziel bekannt, auf schnellstem Weg über Regensburg, München, Mittenwald, Innsbruck und den Brenner, den Gardasee und Verona nach Venedig zu gelangen.

Eigentliches Ziel aber war Rom. Dort existierte eine Künstlerkolonie, in der er sich einrichtete. Der Kunstagent Johann Friedrich Reiffenstein bot sich als Cicerone an. Einer der Maler – Johann Heinrich Wilhelm Tischbein – verhalf Goethe bei einem Lohnkutscher zu einem einfachen Quartier, das den Beginn einer vom Weimarer Leben abgekoppelten Lebensweise markierte. Heute befindet sich in dem Haus an der Via del Corso 18 die Casa di Goethe, die mit wechselnden Ausstellungen und Veranstaltungen an den Mitbewohner Tischbeins und Burys erinnert. Später bezeichnete man die folgenden zwei Jahre sehr einfach als die Italienische Reise, für Goethe hingegen war dieses neue Leben in Italien ein Aufblühen und Verwirklichen tiefster menschlicher und kultureller Sehnsüchte – ungebunden, frei und finanziell beweglich, da ihm sein Gehalt in dieser Zeit weiter zugestellt wurde. Hier fühlte er sich zu Hause, er lebte, liebte, zeichnete, modellierte und malte. Geschrieben hat er wenig in dieser Phase (die „Iphigenie“ wurde in Versform gebracht und fiel durch, als er sie seinen Freunden vorlas). Johann Heinrich Meyer, ein Schweizer Maler, der sich in Kunstgeschichte auskannte, wurde sein Vertrauter und Berater – bis an beider Lebensende.

Goethe ließ sich als Künstler von der Monumentalität der antiken Bauten inspirieren (Pantheon, Kolosseum, Kaiserthermen in Rom u. a.) und studierte antike Skulpturen (Apoll von Belvedere, Herkules Farnese, Juno Ludovisi u. a.). Darüber hinaus beschäftigte er sich intensiv mit der italienischen Renaissance-Malerei. Neben Michelangelo bewunderte er vor allem Raffael als den Gipfel der abendländischen Kunst und wahren Erneuerer der Antike. Nach einem halben Jahr reiste er nach Neapel, wo er die Bekanntschaft von Sir William Hamilton und dessen Kreis machte.

Im botanischen Garten in Palermo schließlich verdichtete sich ihm die Idee eines allen Pflanzen gemeinsamen Bildungsgesetzes: „Wie sie sich nun unter einen Begriff sammeln lassen, so wurde mir nach und nach klar und klärer, daß die Anschauung noch auf eine höhere Weise belebt werden könnte: eine Forderung, die mir damals unter der sinnlichen Form einer übersinnlichen Urpflanze vorschwebte. Ich ging allen Gestalten, wie sie mir vorkamen, in ihren Veränderungen nach, und so leuchtete mir am letzten Ziel meiner Reise, in Sizilien, die ursprüngliche Identität aller Pflanzenteile vollkommen ein, und ich suchte diese nunmehr überall zu verfolgen und wieder gewahr zu werden.“[13]

Goethe besuchte Pompeji, das ihn faszinierte, und sah in Paestum einen griechischen Tempel, dessen Wucht ihn betroffen machte. Mitte 1787 kehrte er nach Rom zurück. Nun nahm er die Arbeit am „Torquato Tasso“ wieder auf und vollendete den „Egmont“. In dieser Zeit verkehrte er häufig im Haus der Malerin Angelika Kauffmann. Im selben Jahr entstand das Gemälde Tischbeins von Goethe als Reisendem in der römischen Campagna.

Nach diesen zwei italienischen Bildungsjahren bereitete Goethe seine Rückkehr nach Weimar vor. Die Freundschaft Carl Augusts ebnete auch hier den Weg; in Weimar wollte er nur noch ein Gast sein; „…was ich sonst bin, werden Sie beurteilen und nutzen”, schrieb er ihm. Über die Liebe in Rom findet sich in Goethes Aufzeichnungen kaum ein Wort. Er nennt seine Geliebte „Faustina“; aber sicher ist nur, dass er in Italien sinnlicher wurde – auch in den Gedichten, die er nach Hause sandte. Nachdem er noch einmal den römischen Karneval mitgemacht und die Feierlichkeiten der Osterwoche in sich aufgenommen hatte, machte er sich Ende April 1788 auf den Heimweg.

Dichterfürst in Weimar (1788–1832)

August von Goethe, der einzige Sohn, der das Erwachsenenalter erreichte
Christiane und August von Goethe; Aquarell von Johann Heinrich Meyer (1793)
Römisches Haus in Weimar, in dessen Lage und Gestaltung viele Eindrücke Goethes aus Italien eingeflossen sind

Christiane Vulpius

Der Heimgekehrte fühlte sich nicht heimisch in Weimar; die Zustände wollten nicht zu den italienischen Erinnerungen passen („Aus Italien dem formreichen, war ich in das gestaltlose Deutschland zurückgewiesen, … die Freunde, statt mich zu trösten, … brachten mich zur Verzweiflung“ 1817). In dieser Zeit traf er die 23 Jahre alte Christiane Vulpius. Sie stammte aus einer verarmten Akademikerfamilie, hatte selbst aber nur eine geringe Schulbildung. Bald war sie seine Geliebte – vielleicht weil sie der römischen Geliebten ähnlich war. In dieser Zeit schrieb er die „Römischen Elegien“, seine leichtesten und fröhlichsten Verse. Das Verhältnis führte schon im Juli 1788 zu einer Gewissensehe. Im Dezember 1789 wurde ihnen der Sohn August geboren, der als einziger von fünf Sprossen das Kindesalter überlebte.

Umbruch

Der Bruch mit Frau von Stein war endgültig. Die kleinstädtische Weimarer Gesellschaft – schockiert durch die Sinnlichkeit der Römischen Elegien – missbilligte alles, nur bei dem sonst so strengen Herder fand Goethe Verständnis. Goethe, der unter gesundheitlichen Problemen litt, zog sich zurück. Auf konkrete Weise schlugen sich seine Eindrücke aus Italien noch einmal im Bau des Römischen Hauses am hochgelegenen Westrand des Parks an der Ilm nieder, mit dessen künstlerischer Oberleitung während der Abwesenheit des Herzogs er betraut war.

Die Anzeichen für eine Umwälzung hatten sich gemehrt; nicht nur in Nordamerika, auch in der Schweiz (Sicherheitsausschuss 1782 in Genf) und anderswo hatten Bürger gegen die Obrigkeit rebelliert.

Ein großer Teil des Publikums wollte nicht nachvollziehen, dass Goethe sich vom Autor des Götz von Berlichingen und des Werther zu dem der Iphigenie und des Tasso gewandelt hatte. Daran konnten auch die Lustspiele „Der Groß-Cophta“ und „Der Bürgergeneral“ und der neu bearbeitete „Reineke Fuchs“ nichts ändern. Goethe fand sich zwischen dem unterdessen erschienenen „Ardinghello“ von Wilhelm Heinse und „Franz Moor eingeklemmt“.[14] Eine erste von ihm autorisierte Gesamtausgabe („Goethes Schriften“ bei Göschen) blieb liegen. Eine zweite Reise nach Italien im Jahr 1790 – dieses Mal jedoch nur bis Venedig – endete mit einer Enttäuschung. Das dichterische Resultat waren die „Venezianischen Epigramme“, das naturkundliche die Überzeugung, der Schädel habe sich aus den Wirbeln entwickelt.

Die starken Natur-Eindrücke seiner Italienreise und die Beschäftigung mit der „Urpflanze“ bewirkten bei Goethe eine Hinwendung zur Naturwissenschaft. Im August 1791 kündigte er seine neuen Arbeiten an:

Es ist meinen Freunden und einem Teil des Publici nicht unbekannt, daß ich seit mehreren Jahren verschiedene Teile der Naturwissenschaft mit anhaltender Liebhaberei studiere, und ich habe deswegen manchen freundlichen Vorwurf erdulden müssen, daß ich aus dem Felde der Dichtkunst, wohin uns so gern jedermann folgt, in ein anderes hinüber gehe, in das uns nur wenige begleiten mögen.[15]

Seine Forschungen mündeten in die „Metamorphose der Pflanze“; mit diesem Aufsatz begründete er 1790 die Vergleichende Morphologie im Bereich der Botanik. Jedoch hatte das Publikum keinerlei Verständnis dafür. Goethe igelte sich ein, der Versuch einer „Vergleichenden Knochenlehre“ sollte erst 30 Jahre später folgen.

Im Jahre 1789 richtete Goethe an der Universität Jena ein Labor ein und begründete er durch die Berufung des Weimarer Apothekers Friedrich August Göttling den ersten europäischen Lehrstuhl für Chemie. Er forschte gemeinsam mit Göttling an Verfahren zur Zuckergewinnung aus Rüben und zum Papierrecycling mit „dephlogistrierter“ Salzsäure. Der botanische Garten wurde nach grundsätzlichen Vorgängen im Pflanzenreich geordnet. Während Goethe sich um die Universität kümmerte, ließ er die Familie manchmal lange allein. Nach dem Tod Göttlings berief er 1810 den Apotheker Johann Wolfgang Döbereiner nach Jena.

Hoftheater Weimar

1791 übernahm Goethe die Leitung des Hoftheaters, Christiane wurde seine Personalberaterin; sie konnte mit ihrer gefälligen Art vermitteln und die Schauspieler betreuen. 1792 nahm Goethe an der Kampagne in Frankreich teil und erfuhr er den Misserfolg der konservativen Koalition und der Emigranten. 1793 erlebte er mit der Belagerung von Mainz die Bedrängnis der ersten deutschen Republik und schrieb er an seiner Farbenlehre. Valmy und das zerstörte Mainz wurden ihm zu Sinnbildern für die Wirren der Weltgeschichte.

Wilhelm von Humboldt, der anlässlich eines Besuches 1789 in Weimar erstmalig Goethe und Schiller begegnete.
Schillerbüste von Theodor Wagner (nach Johann Heinrich Dannecker)
Goethe-(li.) und Schiller-(re.)Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar, dessen Intendant Goethe eine Zeit lang war
v. l. n. r.: Schiller, Wilhelm und Alexander von Humboldt und Goethe in Jena

Freundschaft mit Schiller

Im Juli 1787 war Schiller nach Weimar gekommen, zwei Jahre später erhielt er – durch eine Empfehlung Goethes – eine außerordentliche Professur an der Universität Jena. Dennoch blieb das Verhältnis distanziert. Am 13. Juni 1794 lud Schiller Goethe zur Mitarbeit an seiner neuen Zeitschrift, den „Horen“, ein. Goethe nahm die Einladung an, und zwischen den beiden entwickelte sich schnell eine kollegiale Freundschaft, die bis zum Tod Schillers währte und von welcher der 1828/29 veröffentlichte Briefwechsel zeugt. Dagegen entfremdete sich Goethe zunehmend von seinen früheren Weggefährten Herder und Wieland.

Während das Heilige Römische Reich Deutscher Nation infolge der napoleonischen Feldzüge zerfiel (Fürstenkongress zu Rastatt 1797), widmeten sich Goethe und Schiller einem kulturreformatorischen Projekt, dessen emanzipativen und zugleich gegenrevolutionären Anspruch Schiller in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen 1795 formulierte. Goethe vollendete 1794-96 Wilhelm Meisters Lehrjahre, das Musterbeispiel eines Bildungsromans. Daneben schrieb er kleinere Werke wie „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ und darin Das Märchen (1794/95). 1796 machte er gemeinsam mit Schiller die Xenien, eine raffinierte Publikums- und Kollegenbeschimpfung in Distichen, die großes Aufsehen erregte und überwiegend auf Ablehnung stieß. Die gemeinsam betreuten Horen scheiterten an Manuskript- und Lesermangel. Schillers Beziehungen mit Fichte und den Brüdern Schlegel zerbrachen. Intensiven Umgang pflegten Goethe und Schiller aber weiterhin mit Wilhelm von Humboldt und Christian Gottfried Körner. 1799 siedelte Schiller nach Weimar über. Die später so genannte Weimarer Klassik blieb aber auch innerhalb des Herzogtums Sachsen-Weimar eine kleine, durchaus nicht herrschende Minderheit. Die publizistische Goethe-Verehrung der Jenaer Frühromantiker vermochte den künstlerisch-philosophischen Abstand nicht zu verringern.

Mit seiner bürgerlichen Idylle Hermann und Dorothea errang Goethe 1797 erstmals seit dem „Werther“ wieder einen größeren Erfolg beim Publikum. Im freundschaftlichen Wettstreit mit Schiller entstanden einige seiner schönsten Balladen. Von Schiller nachdrücklich ermuntert und angetrieben, wagte er sich auch wieder an den lange liegengebliebenen „Faust“, vollendete den ersten Teil sowie einige Abschnitte des zweiten. Um die Jahrhundertwende begann jedoch Goethes literarische Tätigkeit zu stagnieren. Er befasste sich geraume Zeit mit der Übersetzung der Autobiographie Benvenuto Cellinis und dramatisierte eine adlige Autobiographie Die natürliche Tochter, von der nur der erste Teil fertig wurde. Das geplante Epos „Achilleis“ gedieh nicht über den ersten Gesang hinaus.

Goethe (Gemälde von Gerhard von Kügelgen 1808/1809)

Physik und Farbenlehre

Kants Erkenntnistheorie faszinierte ihn. Die These, wir können die Gegenstände der Philosophie nicht objektiv erkennen, sondern lediglich über unsere Wahrnehmung nachdenken, kam seiner Weltanschauung entgegen („Nun aber schien zum erstenmal eine Theorie mich anzulächlen“). Er machte viele Versuche zu den Farben des Lichtes und den optischen bzw. Spektralfarben. Im Sinne der Kantschen Erkenntnistheorie ist Goethes „Farbenlehre“ keine naturwissenschaftliche Arbeit, sondern eine Lehre von der Wahrnehmung – nicht Physik, sondern Metaphysik. In Goethes Augen sperrt sich der stete Wandel der Dinge gegen jede Festlegung in starren Begriffen (insofern war er kein Kantianer). Zergliedern und analysieren verabscheute er; er machte sich auf, als ein „Ritter“ die „Farbenprinzessin“ zu befreien aus den Experimentierkammern der Wissenschaftler im Gefolge Isaac Newtons. Daran konnte auch die von Lichtenberg angebotene Hilfe nichts ändern. Bereits in Leipzig hatte er über eine farbig spielende Libelle geschrieben:

Da hab ich sie, da hab ich sie!
Und nun betracht ich sie genau
Und seh’ – ein traurig dunkles Blau.
So geht es Dir, Zergliedrer Deiner Freuden!

Goethe schloss die Farbenlehre erst 1808 ab, beschäftigte sich aber weiter mit Teilproblemen. Den Tod Schillers im Jahr 1805 empfand er als Verlust. Gleichzeitig setzten ihm verschiedene Krankheiten (Gesichtsrose, Nierenkoliken) zu. 1808 wurde er als auswärtiges Mitglied in die Bayerische Akademie der Wissenschaften aufgenommen.

Trauung mit Christiane Vulpius (1806)

Nicht nur der Verlust des Weggefährten, auch der sich nähernde Krieg bedeutete einen tiefen Eingriff in sein Leben. Im Geiste sah er sich mit seinem Herzog bettelnd und asylsuchend durch Deutschland ziehen (seine Neigung zu Pessimismus nannte er seine „schwarze Seite“). Es kam nicht so weit. Nach der Schlacht bei Jena plünderten napoleonische Soldaten auch Weimar. Am 14. Oktober 1806 war es nur dem beherzten Eingreifen von Christiane zu verdanken, dass im Haus am Frauenplan kein Schaden an Leben und Gut entstand. Kurze Zeit darauf legalisierte Goethe endlich das Verhältnis mit ihr (Trauzeugen waren der 17-jährige Sohn August und dessen Hauslehrer und Goethes späterer Sekretär Friedrich Wilhelm Riemer).

Christiane Friederike Wilhelmine Herzlieb

Die Wahlverwandtschaften und Faust (1806–1809)

Dies hinderte ihn nicht, bereits 1807 eine tiefe Neigung für Minna Herzlieb, die 18-jährige Pflegetochter des Buchhändlers Frommann in Jena, zu entwickeln. Nachklang der inneren Erlebnisse dieser Zeit ist sein letzter Roman „Die Wahlverwandtschaften“ (1809). Charakteristisch für Goethe ist, wie er in diesem Werk Poesie und Naturforschung verknüpft: in der zeitgenössischen Chemie gebrauchte man den Begriff der „Wahlverwandtschaft“ der Elemente. Goethe stellt sich hier der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften: er wäre gern das allumfassende Universalgenie gewesen, musste aber vor der „millionenfachen Hydra der Empirie“ die Segel streichen. Die Fülle des Stoffs war nicht mehr zu erfassen. Immerhin bereitete er ab 1806 eine neue Gesamtausgabe seiner Werke (bei Cotta in Stuttgart) vor; hierfür schloss er auch endlich den ersten Teil des „Faust“ ab. In dieser Dichtung stellt er sich selbst dar, nicht nur in der Figur des Faust, der – ein Universalgenie – nach den Sternen greifen will und doch immer an die Erdenschwere gebannt bleibt, sondern ebenso im Mephisto, der seine dämonisch-schwarze Seite zeigt.

Napoléon Bonaparte (1769-1821)

Begegnung mit Napoleon (1808)

Am Rande des Erfurter Fürstenkongresses 1808 wurde Goethe in der Kurmainzischen Statthalterei in Erfurt von Napoleon I. empfangen, der ihm das Kreuz der Ehrenlegion verlieh und die Begegnung mit dem legendären Ausspruch kommentierte: „Voilà un homme!“ (Das ist ein Mann!). Er schlug Goethe vor, nach Paris zu kommen und dort große Heldenstücke zu schreiben. Ob der Dichter „von der dämonischen Größe Napoleons ergriffen und befangen“ war (wie ihm später vorgeworfen wurde), muss offen bleiben. Jedenfalls „erklärte“ er Napoléon Voltaires „Mahomet“, ging dann aber weder nach Paris noch wurde er ein Freund der entstehenden patriotischen Bewegung.

Autobiographische Aufzeichnungen

1809 begann er mit einer Autobiographie; ein Jahr später veröffentlichte er, sehr aufwendig ausgestattet, die Farbenlehre. Er forschte in den Literaturen des Auslands und aller Zeitalter. Als die Menschen sich gegen die französische Fremdherrschaft erhoben, flüchtete er geistig in den Nahen Orient: er begann das Studium des Arabischen und Persischen, las im Koran und Verse des persischen Dichters Hafis. Bettina Brentano tauchte in Weimar auf, ihre Aufdringlichkeit löste einen im wörtlichen Sinne handfesten Skandal aus. Immerhin half Bettinas Wissen über Goethes Jugend, das sie von seiner Mutter hatte, beim Fortgang der Lebensbeschreibung „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“. Diese fand später zahlreiche Nachträge, unter anderem in den „Annalen“ und in der „Italienischen Reise von 1786 bis 1788“.

Marianne von Willemer Pastell von Johann Jacob de Lose, 1809
Carl Friedrich Zelter, mit dem Goethe eine tiefe Freundschaft verband

Als Sekretär wurde ihm Friedrich Riemer (seit 1805 Erzieher seines Sohnes) bald unentbehrlich; mit Carl Friedrich Zelter, dessen Musik seinen Ohren angenehmer klang als das „Getöse“ Beethovens, begann er einen über 30 Jahre anhaltenden und ausgedehnten Briefwechsel (1799-1832), da er sich von ihm nicht nur in Fragen der Musik aufs freundschaftlichste verstanden fühlte.

1814 reiste Goethe in die Rhein- und Maingegenden. In Frankfurt traf er den Bankier Johann Jakob von Willemer und dessen Partnerin Marianne Jung, die wenige Wochen später, noch während Goethes Anwesenheit und auf seinen Rat hin heirateten. Goethe war zwar 65 Jahre, fühlte sich jedoch keineswegs zu alt und verliebte sich in Marianne. Sie wurde zur Muse und Partnerin in der Dichtung. Goethe besuchte die Willemers im folgenden Jahr wieder – ein letztes Mal sah er die Heimat. Auf die späteren Einladungen der Willemers nach Christianes Tod 1816 antwortete er nicht mehr. Aber es entstanden weiter Verse von Nachtigall und Rose, Wein und Liebe, bis er den „West-östlichen Divan“ abschloss. Später enthüllte Marianne, dass ein großer Teil der Liebesgedichte in dieser Sammlung von ihr selbst stammte.

Johann Peter Eckermann, Zeichnung von Johann Schmeller
Ulrike von Levetzow, Pastell, 1821

Alter in Weimar (1815–1832)

1816 starb seine Frau Christiane nach langer Krankheit. 1817 wurde er endlich die Leitung des Hoftheaters los, die Schwiegertochter kümmerte sich fortan um sein Wohl. Das kleine Herzogtum war – entgegen Goethes Befürchtungen – unbeschadet aus den Wirren der napoleonischen Kriege hervorgegangen, Carl August durfte sich sogar „Königliche Hoheit“ nennen. Während es in den Köpfen der Studenten in Jena und anderswo brannte, machte Goethe Ordnung in seinen Papieren. In diesen Jahren entstand „Geschichte meines botanischen Studiums“ (1817), bis 1824 folgten in der Schriftenreihe „Zur Naturwissenschaft überhaupt“ Gedanken u.a. zu Morphologie, Geologie und Mineralogie. (Hier findet sich auch die Darstellung der Morphologie der Pflanzen in Form einer Elegie, die er bereits um 1790 für seine Geliebte verfasst hatte.) In dieser Zeit stand er auch in Kontakt zu dem Forstwissenschaftler Heinrich Cotta, den er bereits 1813 erstmals in Tharandt aufgesucht hatte.

Er schloss Freundschaft mit Karl Friedrich Reinhard und Kaspar Maria von Sternberg; Johann Peter Eckermann kam als Nachfolger Riemers nach Weimar. Zeitweise wurde er unlustig und mystisch; er schrieb „Urworte. Orphisch“, die „Italienische Reise“ arbeitete er auf. 1821 folgte „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, im Grunde eine Sammlung kleiner Novellen. Goethe wählte nun Marienbad als Kurort.

Die letzten Werke und Reisen

1823 erkrankte Goethe an einer Herzbeutelentzündung. Nachdem er sich erholt hatte, wurde er geistig lebendiger als zuvor. Der Greis hielt ernsthaft um die Hand der 19-jährigen Ulrike von Levetzow an, die er mit ihrer Mutter in Karlsbad kennengelernt hatte. Sie jedoch wies ihn ab; auf der Heimreise schrieb er sich die Enttäuschung mit der „Marienbader Elegie“ von der Seele. Dann wurde es immer stiller und abendfriedlicher in ihm wie um ihn. Immer einsiedlerischer lebte er seine Tage, „allzeit beschäftigt, die Kräfte zu nutzen, die … noch geblieben waren“. Er nahm die Arbeit am Zweiten Teil des „Faust“ wieder auf. Er schrieb kaum mehr selbst, meist wurde diktiert. So konnte er nicht nur einen umfangreichen Briefwechsel bewältigen, sondern auch seine letztgültigen Worte in weit ausholenden Gesprächen dem Adlatus Eckermann anvertrauen.

Goethe im letzten Lebensjahr, Denkmal (Ilmenau)
„Goethehäuschen“

1828 verschied sein Gönner Karl August, 1830 musste er den Tod des Sohnes in Rom hinnehmen. In demselben Jahr schloss er die Arbeit am zweiten Teil des Faust ab. Es war ein Werk, an dem ihm das (jahrelange) Werden das Wichtigste war, formal ein Bühnenstück, tatsächlich kaum auf der Bühne spielbar, eher ein phantastischer Bilderbogen, vieldeutig wie viele seiner Dichtungen. Schließlich schaltete er sich noch in die Kontroverse der beiden Paläontologen Georges Cuvier und Etienne Geoffroy Saint-Hilaire (Katastrophismus vs. kontinuierliche Entwicklung der Arten) ein – Geologie und Entwicklungslehre beschäftigten ihn ebenso wie der Regenbogen, den er mittels seiner Farbenlehre nie hatte erklären können. Auch die Frage, wie Pflanzen wachsen, ließ ihn nicht los. Noch wenige Wochen vor seinem Tod diktierte er an Ferdinand Wackenroder:[16]

Es interessiert mich höchlich, inwiefern es möglich sei, der organisch-chemischen Operation des Lebens beizukommen, durch welche die Metamorphose der Pflanzen nach einem und demselben Gesetz auf die mannigfaltigste Weise bewirkt wird – allein mir scheint offenbar, daß die durch die Wurzel aufgesogene Feuchtigkeit schon durch sie verändert wird und, wie die Pflanze sich gegen das Licht erhebt. Daher kam der Wunsch, dem Sie so freundlich entgegenarbeiteten, die Luftart, wodurch die Schoten sich aufblähen, näher bestimmt zu sehen.
Gedenktafel
Goethe-Grab in der Fürstengruft Weimar

Im August 1831 zog es ihn nochmals in den Thüringer Wald, dahin, wo er einst seine ersten naturwissenschaftlichen Anregungen bekommen hatte, und er begab sich nach Ilmenau. 51 Jahre, nachdem er 1780 an eine Bretterwand in der Jagdhütte „Goethehäuschen“ auf dem Kickelhahn bei Ilmenau sein bekanntes Gedicht „Wandrers Nachtlied“ („Über allen Gipfeln ist Ruh’…“) geschrieben hatte, besuchte Goethe diese Wirkstätte 1831 kurz vor seinem letzten Geburtstag erneut. Tief bewegt las er, laut für sich wiederholend, die letzten Zeilen seiner Gedichtinschrift: „Warte nur, balde ruhest du auch.

Tod

Am 22. März 1832 starb Goethe an den Folgen einer Lungenentzündung. Seine letzten Worte mögen gelautet haben: „Mehr Licht!“ Goethe wurde am 26. März in der Weimarer Fürstengruft bestattet. Die Grabrede hielt Johann Friedrich Röhr, Generalsuperintendent.

Naturwissenschaftliche Arbeiten

Goethe versuchte Naturwissenschaft, Philosophie, Politik und Dichtung miteinander zu verbinden. Nach der Italienreise widmete er sich mit großem Engagement der Botanik, der Geologie, der Chemie und der Optik. Er sammelte rund 23.000 Präparate aus der Natur zusammen.

Botanik

Seine vergleichenden Studien über Pflanzengestalten (vor allem Die Metamorphose der Pflanzen, 1790) wurden auch in der Fachwelt als wegweisend anerkannt. Im Bereich der Botanik gilt er als Begründer der Vergleichenden Morphologie. Während diese Disziplin später stark formalisiert wurde, stand für Goethe das erlebende Mitvollziehen der „Metamorphose“, des Wandels der aufeinander folgenden Blattgestalten an der Pflanze, im Vordergrund. Seine Entdeckung war dabei, dass nicht nur die grünen Laubblätter, sondern auch die Teile der Blüte einander im Prinzip gleichen und dass Früchte aus blattartigen Organen (Fruchtblätter) aufgebaut sind. Diese Entdeckung formulierte er 1787 mit den Worten: „Vorwärts und rückwärts ist die Pflanze immer nur Blatt.“ Heute spricht man von homologen Organen. Das allgemeine „Gesetz“ der Aufeinanderfolge der Blattgestalten nannte Goethe „Urpflanze“.

Zoologie

In der Zoologie gelang Goethe die Entdeckung des Zwischenkieferk