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Jakob Johann Baron von Uexküll (* 8. September 1864 auf Gut Keblas, (estnisch: Keblaste), Dorf Mihkli, heute zu Koonga, Estland; † 25. Juli 1944 auf Capri) war ein Biologe und Philosoph und einer der wichtigsten Zoologen des 20. Jahrhunderts.
Uexküll entwickelte das Grundgerüst der Biosemiotik, die Leben als biologische Zeichen- und Kommunikationsprozesse versteht[1]. Er führte den Begriff der Umwelt in die Biologie ein und gilt damit als Wegbereiter der Ökologie. Er war ein wichtiger Pionier der theoretischen Biologie, der Kybernetik, der Semiotik, der Physiologie, und der wissenschaftstheoretischen Linie des radikalen Konstruktivismus. Sein Sohn Thure von Uexküll (1908-2004) war einer der wichtigsten psychosomatischen Mediziner. Der Stifter des Alternativen Nobelpreises, Jakob von Uexküll (* 1944), ist sein Enkel.
Inhaltsverzeichnis |
Jakob Johann von Uexküll wurde am 8. September 1864 als drittes von vier Geschwistern, zwei älteren Brüdern und einer jüngeren Schwester, in Keblas, Estland, als russischer Staatsangehöriger geboren. Seine Mutter, Sophie von Hahn, stammte aus Kurland. Sein Vater Alexander, hatte in Heidelberg studiert und war jahrelang ehrenamtlich Stadthaupt (Oberbürgermeister) von Reval (Tallinn). 1874-77 besuchte er das Gymnasium in Coburg, danach bis zum Abitur die Ritter- und Domschule in Reval. Schon als Schüler hat er intensiv Kants Schriften studiert.
Nach dem Schulabschluss 1884 begann er das Zoologiestudium an der Universität Dorpat. Während eines mehrmonatigen Studienaufenthaltes auf Lesina (Dalmatinen) mit seinem Lehrer, Professor Brau, machte er anatomische und systematische Untersuchungen an Meerestieren. In die vierjährige Studienzeit in Dorpat fällt seine erste Auseinandersetzung mit der damals neuen Lehre Darwins, die ihm durch Professor Kennel, dem Nachfolger Brauns, nahegebracht wurde. Über diese wichtige Phase in der Entwicklung seines Denkens schreibt er:
„Hatte ich mich bislang mit der Durchforstung feststehender Tatsachen befasst, so trat mir durch Anregungen Kennels die Theorie zum ersten Male nahe. Kennel war ein ausgesprochener Dawinist und Deszendenztheoretiker. Mir imponierte anfangs der von Darwin geschaffene Zusammenhang der Tiergestalten mächtig. Durch die einfache Vorstellung von Variation und vom Überleben des Passenden, schien eine plausible Erklärung für das Entstehen der Arten gegeben zu sein. Hier schien eine plausible Erklärung für das Entstehen der Arten gegeben zu sein. Hier gab es eine Mehge Probleme zu lösen, die die Zoologen in erster Linie angingen. Aber Kennel selbst verdarb diesen Eindruck völlig, als er mir versicherte, er wäre im Stande, die Verwandtschaft aller beliebigen Tierarten miteinander zu beweisen. Ich sagte mir mit Recht: Dies ist eine Spielerei und keine Wissenschaft. - Daraufin beschloss ich, die Zoologie zu verlassen und mich der Physiologie zuzuwenden. Denn die Kenntnis der Organe der Tiere hatte in mir längst den Wunsch erweckt, sie in ihrer Tätigkeit zu beobachten.“[2]
Seitdem blieb er misstrauisch gegen Theorien. „Theorien sind billig wie Brombeeren“, pflegte er zu sagen. Seine Wittwe schreibt in ihren Biographie über ihn:
„Es war ihm völlig gleichgültig, ob der Materialismus, der Idealismus oder irgendeine andere Lehre den Sieg davontragen würde. Ihm kam es einizig und allein darauf an, ob die Hypothesen und Theorien, welche die Naturwissenschaften entwarfen, vor der Natur bestehen konnten.“[3]
Er verließ Dorpat als Kandidat der Zoologie und übersiedelte 1888 nach Heidelberg, um an dem Institut Professor Kühnes auf dem Gebiet der Physiologie zu arbeiten. Diese Tätigkeit wurde während der Wintermonate durch Arbeiten an der Zoologischen Station in Neapel unterbrochen, wo er seine neuerworbenen Kenntnisse an Seetieren verwertet. Er schreibt darüber:
„In dem Leiter der physiologischen Abteilung, Professor Schönlein, fand ich jede sachkundige Unterschützung. Trotzdem konnte mich die reine Muskel- und Nervenphysiologie nicht lange fesseln. Das planmässige Zusammenarbeiten der Organe im Tierkörper zu erforschen, erschien mir als die lohnendere Aufgabe.“[4]
In Paris eignet er sich bei Professor Marley, dem Erfinder der Kinematographie, die Methoden für eine genaue Aufzeichnung der Tierbewegungen an.
Im gleichen Jahr Formulierung des Schema-Begriffs im Rahmen seiner Untersuchen an Libellen und Stellungnahme gegen eine mechanische Betrachtung des Individuums und die Annahme einer objektiven, für alle Lebewesen identischen Aussenwelt.
In dieser Zeit wird seine Bewerbung um die Stelle eines Leiters an einem neugeplanten Institut für Biologie der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (der Vorgängerin der Max-Planck-Gesellschaft) abschlägig beschieden. Auf den Bescheid, dass es sich im Rahmen des vorliegenden Planes nicht ermöglichen lasse, den von ihm vertretenen Zweig der Biologischen Wissenschaft zu berücksichtigen, dankt er zunächst für die Bewilligung von Mitteln für Forschungsreisen.
Uexkülls Buch „Umwelt und Innenwelt der Tiere“ (1909) setzt eine philosophische Begründung der Biologie als Wissenschaft vom Lebendigen. Der Begriff Umwelt, zuvor kaum alltagssprachlich geläufig, wird hier terminologisch eingeführt. Er ist streng zu unterscheiden von der Umgebung eines Organismus. Die Umgebung nimmt Lebewesen als Objekte auf, die Umwelt aber wird von ihnen gestaltet. Ein Lebewesen ist immer auch seine je besondere Umwelt. Seine Grenzen sind nicht durch seine Oberfläche (Haut) gegeben, sondern durch seine Wahrnehmung und seine Aktivität, seine Bewegungen in Raum und Zeit. Uexküll sagt, jedes Tier habe seine eigene, „subjektive“ Zeit und seinen „subjektiven“ Raum. Die Umwelt des Tieres spiegelt sich in seiner Innenwelt, diese wiederum gliedert sich in eine Merkwelt und eine Wirkwelt.
Die Merkwelt bedeutet das, was ein Organismus wahrnehmen kann, die Wirkwelt, was es zu tun imstande ist. Zwischen beiden besteht eine Wechselwirkung, die von Uexküll „Funktionskreis“ nennt. Sein berühmtes Beispiel: die Zecke. Zecken können drei Aspekte der Welt „merken“: oben – unten, warm – kalt, Buttersäure: ja oder nein. Diesen sinnlichen Vermögen entsprechen Organe, die etwas in die Tat umsetzen, also bewirken können, was letztlich der Fortpflanzung und Arterhaltung dient, Krabbeln, Warten, Zupacken. Die Umwelt der Zecke ist einfach, aus diesen drei Bestandteilen komponiert. Ihre subjektive Zeit ebenfalls: sie kann über Jahre leben, ohne dass etwas geschieht, plötzlich erscheint ein Warmblüter, die Zecke erfüllt ihre Mission und stirbt alsgleich.
Revolutionär an Uexkülls Ansatz ist, dass Lebewesen nicht isoliert betrachtet werden. Zu einer Spinne gehört auch ihr Netz, das Netz wiederum ist ein Abbild der kommenden Beute.
Uexküll verwendet ein philosophisch von Immanuel Kant entlehntes Vokabular, wenn er Tieren ein subjektives Zeit- und Raumempfinden unterstellt. Biologiehistorisch knüpft er (nach eigenem Bekunden) an die romantischen Naturforscher Johannes Müller (1801 – 1858) und Karl Ernst von Baer (1792 – 1876) an. Von Baer, übrigens auch ein Balte, richtete erstmals die Aufmerksamkeit auf die Eigenzeit des Lebens und jedes Lebewesens. Leben als subjektive Leistung anzusehen, ist eine Neuigkeit. Das Gegenbild, Leben auf physikalische und chemische Prozesse zurückzuführen, herrscht paradigmatisch in den Wissenschaften und im alltäglichen Verstand.
Als subjektive Abhängigkeiten beschrieb er:
Uexküll stand im Austausch mit den Philosophen Ernst Cassirer, Edmund Husserl, Helmuth Plessner, Martin Heidegger, sowie mit den Literaten Rainer Maria Rilke, Gottfried Benn und anderen. Freilich war er auch mit Houston Stewart Chamberlain befreundet; Uexküll schrieb 1928 ein Vorwort zu dessen Werk „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“. Und Uexkülls Monographie Staatsbiologie, eine systematisch wichtige und semiotisch grundlegende und durchaus originelle Arbeit, ist sicherlich normativ von radikaler Gegnerschaft nicht nur konkret zur Weimarer Republik, sondern zur Demokratie an sich gekennzeichnet - und zwar aus biotheoretischen und -semiotischen Erwägungen. Dies ändert jedoch nichts an der Bedeutung seines Lebenswerks, insbesondere der Umwelttheorie.
Die terminologische Fassung des Begriffs der Umwelt ist von nicht abschätzbarer Wucht, sie wirkt auf die Soziologie der Lebenswelt wie, biopolitisch, in die Ökologie. Weiters ist zu nennen die auslösende Wirkung auf den radikalen Konstruktivismus durch Humberto Maturana und Ernst von Glasersfeld, die Physiologie, die Kybernetik und die Semiotik, die Uexküll zusammen mit seinem Sohn ausgearbeitet hat.
Jakob von Uexkülls Werk wirkt prominent bei den Philosophen Ernst Cassirer (An Essay on Man, 1940), Helmuth Plessner (Die Frage nach der Conditio humana, 1961) oder Martin Heidegger (Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt, Endlichkeit, Einsamkeit, Freiburger Vorlesungen 1929/1930, Frankfurt am Main 2004). Eine intensive literarische Verarbeitung gibt der dänische Autor Peter Hoeg in seinem neoromantischen Entwicklungsroman Der Plan von der Abschaffung des Dunkels. Jüngst hat sich der italienische Philosoph Giorgio Agamben auf Uexkülls Umweltkonzept eingelassen (2002/deutsch 2003).
Aktuell ist Jakob von Uexkülls Werk in den Aspekten: Ökologie/Umweltbewusstsein; Semiotik (Zeichenlehre); dem Verhältnis von Ausdruck und Lebenswelt; der Beziehung vom Tier zum Menschen. In der Biologie selbst war von Uexküll nicht paradigmenbildend.
Ein Kritikpunkt betrifft den Tunnelblick, den Uexküll Lebensformen unterstellt. Das werde anthropologisch, nach Hans Blumenberg der Weltoffenheit des Menschen nicht gerecht. Uexküll konzipiert die Umwelt als Blase oder Röhre, was Blumenberg (siehe unten: Literatur) mit einer Makkaronipackung verglichen hat.
Meinungen von Zeitgenossen:
„... das Werk von Uexkülls ist im biologischen Denken und Arbeiten der Gegenwart zu fruchtbarer Auswirkung gekommen. ... Wenn wir heute die Lebenserscheinungen nicht nur als Ursache von Folgen, sondern auch als Glieder in einem vorbereiteten Zusammenhang sehen, so ist sein Werk daran maßgeblich beteiligt.“ (A.P.: Vorwort zu Uexküll, 1956 : 7)
„Ähnlich ist auch v. Uexkülls Werk zu einem großen Teile von rein philosophischen Erwägungen – vor allem einer Neufassung der Kantschen Raum-Zeitlehre ausgefüllt, und nicht von solchen Theorien, wie sie der Naturforscher zur Erklärung von Erscheinungen anzuwenden gewohnt ist ...“ (Bertalanffy: Theoretische Biologie, 1932, Bd. 1 : 3)
Rezeption auf den radikalen Konstruktivismus:
Uexkülls Werk wurde immer wieder im Dialog des radikalen Konstruktivismus erwähnt besonders durch Ernst von Glasersfeld, Paul Watzlawik und durch Humberto Maturana der Uexkülls Werke schon früh studiert hatte:
„Als Biologe habe ich zum Beispiel schon sehr früh, bevor die neuen Entwicklungen begannen, von Uexküll gelesen, und mich beeindruckte seine Analyse der Beziehung zwischen Organismus und Umwelt. Später stellte ich mir eine Frage, die gewöhnlich nicht ernsthaft und bis zur letzten Konsequenz durchdacht wird - zumal Wissenschaftler sie gerne Philosophen überlassen: Was ist Kognition als biologisches Phänomen?“ Was ist erkennen? (1996) Maturana, S.221
Diverse Rezeptionen Uexkülls:[6]
Von dem damaligen Ordinarius für Physiologie in Hamburg, Professor Kestner, wurde er zweimal für den Nobelpreis vorgeschlagen.[7] Die Verleihung der Goethe-Medaille durch die Medizinische Fakultät 1944 konnte durch den im Juli erfolgten Tod nicht mehr vorgenommen werden.
Veröffentlichungen in deutscher Sprache (nach [1]):
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Uexküll, Jakob Johann von |
| ALTERNATIVNAMEN | Uexküll, Jakob Johann Baron von |
| KURZBESCHREIBUNG | Biologe und Philosoph |
| GEBURTSDATUM | 8. September 1864 |
| GEBURTSORT | Gut Keblas, estnisch Keblaste, Dorf Mihkli, heute zu Koonga, Estland |
| STERBEDATUM | 25. Juli 1944 |
| STERBEORT | Capri |