Netencyclo, The wikipedia mirror - The biggest multilingual encyclopedia : Inflationsheiliger

- Inflationsheiliger -

Inflationsheiliger :

Outils :

Vous avez un site web ? Un blog ?

 Netencyclo Directory Project 




Mettre en favoris !

Add to Netvibes
Technorati reactions
rencontre

Inflationsheiliger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche
Werbeplakat für Ludwig Christian Haeusser

Als Inflationsheilige bezeichnet man eine Bewegung von Wanderpredigern, Propheten und selbsternannten Christus-Wiedergängern, die ihren Höhepunkt in den 1920er Jahren hatte.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Allgemeines

Muck-Lamberty

In der Weimarer Republik erlebten insbesondere während der Inflation apokalyptische Gruppen und Kulte in Deutschland eine Hochkonjunktur. Es gab „Lumpenpropheten auf dem Jesus-Trip, Wanderprediger der ‚Revolution aus dem Innersten’, Gurus des Ich-Kults und der Führersehnsucht, rechte und linke ‚Mutanten des Typus Hitler’“[1], wie es in einem Artikel des Spiegel heißt. Die ökonomische und politische Dauerkrise nach dem verlorenen 1. Weltkrieg bildete den Nährboden für Heils- und Erweckungsbewegungen, durch die sich insbesondere das Kleinbürgertum neue Sinnstiftung und eine geistige Neuordnung versprach. „Als die Revolutionäre erschlagen waren, im Zuchthaus saßen oder resignierten, schlug die Stunde der Wanderpropheten. Als die äußere Revolution sich totgelaufen hatte, fand sie ihre Fortsetzung in der Bewusst-seins-Revolution, in einer geistigen Wende“[2], so der Historiker Ulrich Linse.

Bei den Inflationsheiligen stand diese „geistige“ innerliche Entwicklung des Menschen im Mittelpunkt. Ziel war die Herrschaft der Seele über die Materie. Dabei verbanden sich religiös-schwärmerische Züge mit Zivilisationsfeindlichkeit und diffus revolutionärer Gesellschaftskritik.[3] Politisch gab es Verbindungen sowohl zur anarchistischen Bewegung als auch zu rechten völkischen Gruppen.[4] Besonders auffällig war die den Anhängern dieser „Propheten“ gemeinsame Erwartung eines ”Messias“, wie sie in diesen Jahren auch in der Politik zu beobachten war - etwa in der Stilisierung Adolf Hitlers zum „Erlöser“ Deutschlands.[5]

Leonard Stark

Vorläufer der so genannten Inflationsheiligen waren der „Naturprophet“ Gusto Gräser, dessen Kommune Monte Verità bei Ascona eines der wichtigsten Zentren der Bewegung bildete, Gustaf Nagel sowie der Dada-Künstler Johannes Baader. Zu ihren bekanntesten Vertretern gehörten der „Erlöser der Menschheit“ Ludwig Christian Haeusser, der sich mit seinem Haeusser-Bund auch mehrfach (erfolglos) an Wahlen beteiligte, und der „Messias von Thüringen“ Friedrich Muck-Lamberty mit seiner Gruppe „Junge Schar“. Ferner der „Johannes der Jugend“ Max Schulze-Sölde, der „Heiland vom Horeb“ Emil Leibold, Theodor Plievier („Aktion Weltwende“), Otto „Christ“ Suhr[6] sowie die Haeusser-Nachfolger Leonhard Stark und Franz Kaiser. Wichtiges Forum für die Inflationsheiligen war die Christ-Revolutionäre Sammlungsbewegung des Naturheil- und Reformärztepioniers Carl Strünckmann.

Mit dem Abklingen der Inflation 1924 war der Bewegung die Grundlage entzogen. Durch ihre Ich-Bezogenheit und die Verherrlichung des blanken Aktionismus („die Tat“) war es den Inflationsheiligen nicht gelungen, sinnvolle Lösungen der Gegenwartsprobleme zu liefern. Das führte zwangsläufig zur politischen Wirkungslosigkeit und damit zur Enttäuschung ihrer Anhängerschaft und zum Sektierertum.[7] Viele der Prediger - wie etwa Plievier und Muck-Lamberty - zogen sich in die Bürgerlichkeit zurück, Emil Leibold wurde nach 1945 Bundesbahn-Beamter, Suhr Nähmaschinenvertreter. Andere endeten im Irrenhaus oder durch Selbstmord (so Anton Graf und die selbsternannte „Eva“ Emma Ott). „Gottkaiser“ Haeusser starb nach langem Gefängnisaufenthalt 1927.

Während der Depression der frühen 1930er Jahre erlebte die Bewegung noch eine kurze Renaissance mit verstärkten Kontakten zur „völkischen Szene“ und Teilen der nationalsozialisten Partei.[8] Nach Ende des 2. Weltkriegs gab es trotz zaghafter Versuche kein Wiederaufleben der Bewegung. Doch kam es in den 1950er Jahren - allerdings unter völlig verschiedenen soziologischen Bedingungen - ebenfalls zu einer Art „Predigerwelle“, deren bekanntester Vertreter der Pater Johannes Leppich war.

[Bearbeiten] Soziologische Einordnung

Ihrer Herkunft und Profession nach waren die Inflationsheiligen durchaus keine homogene Gruppe: Die Spannbreite reichte vom vegetarischen Naturschwärmer, Jugendbewegtem und Weltenbummler bis zum arbeitslosen Proletarier, vom dadaistischen Happeningkünstler bis zum ehemaligen Unternehmer und Wirtschaftsbetrüger. Aber man kannte sich und arbeitete in allen nur erdenklichen Konstellationen zusammen. Neid und Konkurrenzgedanken lagen den meisten fern, obwohl die gemeinsame Grundlage ihrer Lehren der Glaube ans eigene „Ich“ und ein daraus resultierender Größenwahn und Drang zur egomanen Selbstdarstellung[9] war. In ihrem Selbstverständnis hieß das: Je weiter man in seiner eigenen spirituellen Entwicklung gekommen war, desto größer wurde auch der Wunsch, sein eigener „Gott“ zu werden. In diesem Sinne ist Haeussers überlieferter Kampfruf zu verstehen: „Ich will Herrenmensch werden, nicht Herr über Menschen, sondern über mich selbst!"[10] So wurde insbesondere das Apostel-Umfeld des „Haeusser-Bundes“ ein wahrer Brutofen immer neuer „Heiliger“.

[Bearbeiten] Begriffsentstehung und -verwendung

Die Verwendung des Begriffs „Inflationsheilige“ ist für die frühen 1920er Jahre nicht nachgewiesen. In zeitgenössischen Veröffentlichungen werden sie in der Regel als „Wanderprediger“ oder „-heilige“ bezeichnet, ein Oberbegriff, der durch die ebenso benannte Bewegung der lebensreformerischen Prediger zwischen 1880 und dem 1. Weltkrieg (den sogenannten „Kohlrabiaposteln“) noch allgemein präsent war. Vermutet wird, dass der Begriff „Inflationsheiliger“ wie der des „Kohlrabiapostel“ volkstümlich entstand und zunächst in abwertender Absicht benutzt wurde. In den 1950er Jahren verwendete der Schriftsteller Theodor Plievier - selbst ehemaliger „Inflationsheiliger“ - die Bezeichnung erstmals als sachlich wertfreie Benennung.[11] Ab Anfang der 1980er Jahre wurde der Begriff - ausgehend von den Veröffentlichungen des Historikers Ulrich Linse[12] - als Fachbezeichnung für diese zeitlich und räumlich genau abzugrenzenden Ausformung des Wanderpredigerphänomens in die historische, gesellschaftswissenschaftliche und theologische Forschung und Lehre übernommen.[13]

[Bearbeiten] Literarische Verarbeitung

„... unmittelbar nach dem Ende des großen Krieges, war unser Land voll von Heilanden, Propheten und Jüngerschaften, von Ahnungen des Weltendes oder Hoffnungen auf Anbruch eines Dritten Reiches. Erschüttert vom Kriege, verzweifelt durch Not und Hunger, tief enttäuscht durch die anscheinende Nutzlosigkeit all der geleisteten Opfer an Blut und Gut, war unser Volk damals manchen Hirngespinsten, aber auch manchen echten Erhebungen der Seele zugänglich“. (Hermann Hesse, Morgenlandfahrt)

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Barfuß zur Erlösung vom Chaos, in: Der Spiegel Nr. 6 v. 6. Februar 1984
  2. Linse 1982, S. 191
  3. Linse 1982, S. 193ff.; s.a. Gregor Dobler: ‚Inflationsheilige’ - Propheten im Kontext der Alternativbewegungen der zwanziger Jahre in Deutschland, Uni Bayreuth, SS 2001 (Manuskript)
  4. so bei Max Schulze-Sölde und Friedrich Muck-Lamberty; s.a. Linse 1983, S. 44ff.
  5. s. Linse 1983, S. 38ff.; Daniel Megerle, a.a.O.; vgl. Carl Christian Bry: Der Hitler-Putsch, Nördlingen 1987, S. 64 (Artikel v. 22.11.1922); Friedrich Heer: Der Glaube des Adolf Hitler. Anatomie einer politischen Religiosität, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1989
  6. nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Politiker
  7. s. Daniel Megerle, a.a.O.; Linse 1982, S. 206ff.; Linse 1983, S. 50ff., 234ff.
  8. s. Linse, 1983, S. 126ff., 149ff.; Otto-Ernst Schüddekopf: Nationalbolschewismus in Deutschland. 1918-1933. Frankfurt/M., Berlin, Wien 1972, S. 329
  9. s. Linse 1983, S. 53, 64ff. u.ö.; vgl. die psychiatrischen Untersuchungen einzelner Inflationsheiliger: Eduard Reiss: Über formale Persönlichkeitswandlung als Folge veränderter Milieubedingungen, in: Zschr f. d. gesamte Neurologie und Psychiatrie 70 (1921), S. 55-92 (Haeusser); Patientenakte Ludwig Haeusser (1923), Nervenklinik Langenhagen, Nr. 5896 (Stadtarchiv Hannover); Beobachtungsakte Leonard Stark (1922), Nervenkrankenhaus Bezirk Oberpfalz (Archiv Bezirksklinikum Regensburg)
  10. zit. in Linse 1982, S. 196
  11. s. Harry Wilde: Theodor Plievier. Nullpunkt der Freiheit. München u.a. 1965
  12. s. Lit. sowie Linse: Der Inflationsheilige Lou Haeusser, in: Stuttgart im Dritten Reich. Die Machtergreifung. Stuttgart 1983
  13. zuerst durch den Historiker Hagen Schulze in: Gesellschaftskrise und Narrenparadies, in: Linse 1983, S. 9 - 21; s.a. die Arbeit der Kulturwissenschaftlerin Hanne Bergius: Das Lachen DADAs, Gießen 1989; des Hamburger Historikers Bernd-Ulrich Hergemöller: Mann für Mann. Hamburg 1998; Verena Freyschmidt, a.a.O. (hist. Seminararbeit, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 2004); die Lehrveranstaltung des Ethnologen Gregor Dobler: ‚Inflationsheilige’ - Propheten im Kontext der Alternativbewegungen der zwanziger Jahre in Deutschland, Uni Bayreuth, SS 2001
rencontre

Inflationsheiliger - En savoir plus

Rencontre Inflationsheiliger - Articles à  la une


"Je rencontre quelques peines, je rencontre beaucoup de joie, c'est parfois une question de chance, souvent une rencontre de choix."
© 2009 Netencyclo - Netencyclo Home - Terms of Service - Privacy Policy - Program Policies
Netencyclo, the Wikipedia mirror : the biggest multilingual free-content encyclopedia on the Internet. Cet article, miroir de l'article de Wikipédia est conforme aux termes de la GFDL All Wikipedia content is licensed under the GNU Free Documentation License (see details). Content on this web site is provided for informational purposes only. We accept no responsibility for any loss, injury or inconvenience sustained by any person resulting from information published on this site. We encourage you to verify any critical information with the relevant authorities.