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Als Inflationsheilige bezeichnet man eine Bewegung von Wanderpredigern, Propheten und selbsternannten Christus-Wiedergängern, die ihren Höhepunkt in den 1920er Jahren hatte.
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In der Weimarer Republik erlebten insbesondere während der Inflation apokalyptische Gruppen und Kulte in Deutschland eine Hochkonjunktur. Es gab „Lumpenpropheten auf dem Jesus-Trip, Wanderprediger der ‚Revolution aus dem Innersten’, Gurus des Ich-Kults und der Führersehnsucht, rechte und linke ‚Mutanten des Typus Hitler’“[1], wie es in einem Artikel des Spiegel heißt. Die ökonomische und politische Dauerkrise nach dem verlorenen 1. Weltkrieg bildete den Nährboden für Heils- und Erweckungsbewegungen, durch die sich insbesondere das Kleinbürgertum neue Sinnstiftung und eine geistige Neuordnung versprach. „Als die Revolutionäre erschlagen waren, im Zuchthaus saßen oder resignierten, schlug die Stunde der Wanderpropheten. Als die äußere Revolution sich totgelaufen hatte, fand sie ihre Fortsetzung in der Bewusst-seins-Revolution, in einer geistigen Wende“[2], so der Historiker Ulrich Linse.
Bei den Inflationsheiligen stand diese „geistige“ innerliche Entwicklung des Menschen im Mittelpunkt. Ziel war die Herrschaft der Seele über die Materie. Dabei verbanden sich religiös-schwärmerische Züge mit Zivilisationsfeindlichkeit und diffus revolutionärer Gesellschaftskritik.[3] Politisch gab es Verbindungen sowohl zur anarchistischen Bewegung als auch zu rechten völkischen Gruppen.[4] Besonders auffällig war die den Anhängern dieser „Propheten“ gemeinsame Erwartung eines ”Messias“, wie sie in diesen Jahren auch in der Politik zu beobachten war - etwa in der Stilisierung Adolf Hitlers zum „Erlöser“ Deutschlands.[5]
Vorläufer der so genannten Inflationsheiligen waren der „Naturprophet“ Gusto Gräser, dessen Kommune Monte Verità bei Ascona eines der wichtigsten Zentren der Bewegung bildete, Gustaf Nagel sowie der Dada-Künstler Johannes Baader. Zu ihren bekanntesten Vertretern gehörten der „Erlöser der Menschheit“ Ludwig Christian Haeusser, der sich mit seinem Haeusser-Bund auch mehrfach (erfolglos) an Wahlen beteiligte, und der „Messias von Thüringen“ Friedrich Muck-Lamberty mit seiner Gruppe „Junge Schar“. Ferner der „Johannes der Jugend“ Max Schulze-Sölde, der „Heiland vom Horeb“ Emil Leibold, Theodor Plievier („Aktion Weltwende“), Otto „Christ“ Suhr“[6] sowie die Haeusser-Nachfolger Leonhard Stark und Franz Kaiser. Wichtiges Forum für die Inflationsheiligen war die Christ-Revolutionäre Sammlungsbewegung des Naturheil- und Reformärztepioniers Carl Strünckmann.
Mit dem Abklingen der Inflation 1924 war der Bewegung die Grundlage entzogen. Durch ihre Ich-Bezogenheit und die Verherrlichung des blanken Aktionismus („die Tat“) war es den Inflationsheiligen nicht gelungen, sinnvolle Lösungen der Gegenwartsprobleme zu liefern. Das führte zwangsläufig zur politischen Wirkungslosigkeit und damit zur Enttäuschung ihrer Anhängerschaft und zum Sektierertum.[7] Viele der Prediger - wie etwa Plievier und Muck-Lamberty - zogen sich in die Bürgerlichkeit zurück, Emil Leibold wurde nach 1945 Bundesbahn-Beamter, Suhr Nähmaschinenvertreter. Andere endeten im Irrenhaus oder durch Selbstmord (so Anton Graf und die selbsternannte „Eva“ Emma Ott). „Gottkaiser“ Haeusser starb nach langem Gefängnisaufenthalt 1927.
Während der Depression der frühen 1930er Jahre erlebte die Bewegung noch eine kurze Renaissance mit verstärkten Kontakten zur „völkischen Szene“ und Teilen der nationalsozialisten Partei.[8] Nach Ende des 2. Weltkriegs gab es trotz zaghafter Versuche kein Wiederaufleben der Bewegung. Doch kam es in den 1950er Jahren - allerdings unter völlig verschiedenen soziologischen Bedingungen - ebenfalls zu einer Art „Predigerwelle“, deren bekanntester Vertreter der Pater Johannes Leppich war.
Ihrer Herkunft und Profession nach waren die Inflationsheiligen durchaus keine homogene Gruppe: Die Spannbreite reichte vom vegetarischen Naturschwärmer, Jugendbewegtem und Weltenbummler bis zum arbeitslosen Proletarier, vom dadaistischen Happeningkünstler bis zum ehemaligen Unternehmer und Wirtschaftsbetrüger. Aber man kannte sich und arbeitete in allen nur erdenklichen Konstellationen zusammen. Neid und Konkurrenzgedanken lagen den meisten fern, obwohl die gemeinsame Grundlage ihrer Lehren der Glaube ans eigene „Ich“ und ein daraus resultierender Größenwahn und Drang zur egomanen Selbstdarstellung[9] war. In ihrem Selbstverständnis hieß das: Je weiter man in seiner eigenen spirituellen Entwicklung gekommen war, desto größer wurde auch der Wunsch, sein eigener „Gott“ zu werden. In diesem Sinne ist Haeussers überlieferter Kampfruf zu verstehen: „Ich will Herrenmensch werden, nicht Herr über Menschen, sondern über mich selbst!"[10] So wurde insbesondere das Apostel-Umfeld des „Haeusser-Bundes“ ein wahrer Brutofen immer neuer „Heiliger“.
Die Verwendung des Begriffs „Inflationsheilige“ ist für die frühen 1920er Jahre nicht nachgewiesen. In zeitgenössischen Veröffentlichungen werden sie in der Regel als „Wanderprediger“ oder „-heilige“ bezeichnet, ein Oberbegriff, der durch die ebenso benannte Bewegung der lebensreformerischen Prediger zwischen 1880 und dem 1. Weltkrieg (den sogenannten „Kohlrabiaposteln“) noch allgemein präsent war. Vermutet wird, dass der Begriff „Inflationsheiliger“ wie der des „Kohlrabiapostel“ volkstümlich entstand und zunächst in abwertender Absicht benutzt wurde. In den 1950er Jahren verwendete der Schriftsteller Theodor Plievier - selbst ehemaliger „Inflationsheiliger“ - die Bezeichnung erstmals als sachlich wertfreie Benennung.[11] Ab Anfang der 1980er Jahre wurde der Begriff - ausgehend von den Veröffentlichungen des Historikers Ulrich Linse[12] - als Fachbezeichnung für diese zeitlich und räumlich genau abzugrenzenden Ausformung des Wanderpredigerphänomens in die historische, gesellschaftswissenschaftliche und theologische Forschung und Lehre übernommen.[13]