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Indogermanische Sprachen

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Indogermanische Sprachen (hellgrün dargestellt) neben den anderen Sprachfamilien der Welt

Die Indogermanischen (im außerdeutschsprachigen Raum und früher in der DDR Indoeuropäischen) Sprachen bilden die heute meistverbreitete Sprachfamilie der Welt mit mehr als 2,5 Mrd. Muttersprachlern.

Ihre große Verbreitung ist vor allem Ergebnis der Kolonisationspolitik seit dem 16. Jahrhundert. Die dazugehörigen Sprachen zeigen weitreichende Übereinstimmungen beim Wortschatz, in der Flexion, in grammatischen Kategorien wie Numerus und Genus und im Ablaut.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Der Begriff

Die Bezeichnung langues indo-germaniques wurde zuerst vom dänischen Geografen Malte-Brun verwendet[1] und hat sich im deutschen Sprachraum gegen die damals auch bereits gebräuchliche Bezeichnung indoeuropäische Sprachen durchgesetzt; in der DDR folgte man weitgehend dem sowjetischen und internationalen Gebrauch als indoeuropäisch (Abk. IE). Dabei verwendet der Begriff indogermanisch die nach damaligem Wissen den Sprachraum begrenzende indische Gruppe im Osten und die germanische (mitsamt dem Isländischen) im Westen, während der Begriff indoeuropäisch etwas großzügiger die Teilkontinente heranzog, in denen (v. a.) indogermanische Sprachen gesprochen wurden. Die im 19. Jahrhundert in der britischen Linguistik übliche Bezeichnung arisch wird heute eher als Sammelbegriff für die iranischen und indischen Sprachen verwendet. Forscher, die eine frühe Abspaltung der anatolischen Sprachen vertreten („indo-hethitische Hypothese“), bezeichnen oft die das Hethitische mit umfassende Ursprache als indo-hethitisch, z. B. der Linguist Merritt Ruhlen.

[Bearbeiten] Ursprung und Entwicklung

Die indogermanischen Sprachen werden als genealogisch verwandt betrachtet, d. h., als „Tochtersprachen“ einer „Muttersprache“, dem nicht mehr erhaltenen Urindogermanischen. Dass ihre Ähnlichkeit nur durch typologische Angleichung nach Art eines Sprachbundes zustande kam, kann aufgrund der zahlreichen regelmäßigen Entsprechungen ausgeschlossen werden. Die Sprachbundthese ist vielmehr oft als eine Reaktion auf eine vereinfachende Sicht der Dinge zu verstehen, in der etwa ein „indogermanisches Urvolk“ postuliert wird.

Bereits 1647 stellte der niederländische Linguist und Gelehrte Marcus Zuerius van Boxhorn erstmals eine grundlegende Verwandtschaft zwischen einer Reihe von europäischen und asiatischen Sprachen fest; ursprünglich bezog er in diese Verwandtschaft die germanischen sowie die „illyrisch-griechischen“ und italischen Sprachen einerseits und das Persische andererseits ein, später fügte er noch die slawischen, keltischen und baltischen Sprachen hinzu. Die gemeinsame Ursprache, von der all diese Sprachen abstammen sollten, bezeichnete van Boxhorn als Skythisch. Jedoch konnte sich van Boxhorn mit dieser Erkenntnis im 17. Jahrhundert noch nicht durchsetzen.

1786 erkannte der englische Orientalist William Jones aus Ähnlichkeiten des Sanskrit mit Griechisch und Latein, dass es für diese Sprachen eine gemeinsame Wurzel geben müsse. Er deutete bereits an, dass dies auch für Keltisch und Persisch gelten könnte.

Der Deutsche Franz Bopp brachte 1816 in seinem Buch Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache den methodischen Beweis für die Verwandtschaft dieser Sprachen und begründete damit die deutsche Indogermanistik. Diese indogermanische Ursprache ließ sich durch Rekonstruktion gewinnen (siehe dazu: Vergleichende Sprachwissenschaft).

Der deutsche Linguist August Schleicher hat versucht, die Entwicklung und Verwandtschaftsstruktur der indogermanischen Sprachen in seiner berühmten „Stammbaumtheorie“ darzustellen. In diesem „Stammbaum“ gibt es sowohl gesicherte als auch spekulative Verzweigungen; Letztere betreffen insbesondere ausgestorbene Sprachen, die keine Nachfolgesprachen hinterlassen haben. Schleicher versuchte das hypothetische Protoindogermanische zu rekonstruieren, indem er sich ursprünglicher Formen verschiedener indogermanischer Sprachen bediente. Daraus entstand eine Übersetzung der sogenannten indogermanischen Fabel „Das Schaf und die Pferde“ als Avis akvasasca.

Es können sowohl Wortwurzeln als auch morphologische und phonologische, ja sogar (mit Einschränkungen) syntaktische Merkmale des Indogermanischen rekonstruiert werden. Eine Grundsprache im Sinne eines präzisen kommunikativen Verständnisses wird mit dieser Rekonstruktion jedoch nicht erreicht.

[Bearbeiten] „Urheimat“ und „Urvolk“

Ausgehend von Wortstämmen, die allen indogermanischen Sprachen gemeinsam sind, versucht die Ethnolinguistik in Zusammenarbeit mit der Archäologie, das Ursprungsgebiet, die „Urheimat“ der Indogermanen, zu bestimmen und die Urheimat mit bestimmten prähistorischen Völkern oder Kulturen in Verbindung zu bringen. Bei der Frage nach der „Urheimat“ ist allerdings immer zwischen einer hypothetischen sprachhistorischen Rekonstruktion örtlicher Einflussgrößen im Rahmen der Herausbildung der frühest fassbaren indogermanischen Wurzelwörter gegenüber einer Identifikation von Volk, Sprache und Raum (Kontinuitätstheorie) zu unterscheiden.

Einige Hypothesen waren erheblich von Nationalismus geprägt (Nordische Urheimat im Nationalsozialismus), und sind es z. T. heute noch. Dies gilt z. B. für viele indische Wissenschaftler, die damit gleichzeitig der dravidischen Urbevölkerung die Trägerschaft z. B. der Harappa-Kultur absprechen.

Extreme Annahmen sehen die Urheimat z. B. in Südosteuropa oder ostwärts des Ural bis zum Altaigebirge.

Näherliegend sind Hypothesen, die eine Urheimat zwischen den Extremen annehmen. Dazu gehören die Gegenden um das Schwarze Meer, wie das südliche Kleinasien (Renqvist, Renfrew), der östlich davon gelegene Transkaukasus (Gamkrelidze/Ivanov), oder die nördlichen davon befindlichen Steppen mit der Kurgankultur (Marija Gimbutas).

Keine dieser Herkunfts-Hypothesen kann als bewiesen gelten. Einen neueren Überblick bietet z. B. der Mallory-Schüler John Day 2001 (Lit.: John Day 2001).

Die über ein derartig weites Gebiet vom Atlantik bis zum Tarimbecken erstaunlich gut erhaltenen Übereinstimmungen, wie z. B. das Zahlensystem oder die Grammatik sprechen jedoch für einen relativ engen sprachlichen Konstituierungsraum (Urheimat). Die dann vorauszusetzenden Wanderungsbewegungen (Migrationen) erklären darüber hinaus weitere Elemente der indogermanischen Sprachen, wie (Adstrat-, Superstrat-Effekte, möglicherweise auch durch sich gegenseitig beeinflussende indogermanische Sprachen unterschiedlicher Verbreitungsstufen).

Daher erscheint die von einigen Archäologen (v. a. Alexander Häußler) vertretene Hypothese eines frühen ausgedehnten indogermanischen Sprachkontinuums eher unwahrscheinlich. Sie beruht auf der Schwierigkeit, derartige Wanderungsbewegungen archäologisch zu fassen.

[Bearbeiten] Mathematische Methoden – das Wie (und Wann)?

Mit mathematischen Methoden der Lexikostatistik wird versucht, die Verwandtschaftsverhältnisse der Sprachen zu berechnen, wodurch oft nur die Ähnlichkeit erfasst wurde (Lit.: Holm 2005, passim). Unter der zusätzlichen Annahme einer mehr oder weniger konstanten Ersetzungsrate (Glottochronologie) wird darüber hinaus versucht, das Alter der Trennungen und der Ursprache zu berechnen. Die Annahme fester Ersetzungsraten für einen gewissen Zeitraum und einen eigentümlichen Sprachzweig ist als Parametrisierung letztlich unvorhersehbarer soziohistorischer Ereignisse aufzufassen. Obwohl er nicht auf linguistische Probleme detailliert einging, fand ein in der ausschließlich naturwissenschaftlich orientierten Zeitschrift Nature erschienener glottochronologischer Artikel (Lit.: Gray, Atkinson 2003) in den Medien eine unkritische Beachtung. Unter anderem sind die dem Artikel zu Grunde liegenden Wortlisten fehlerhaft und keineswegs auf dem aktuellen Stand der Indogermanistik oder gar der Einzelphilologien.

[Bearbeiten] Genetik und Indogermanistik

Populationsgenetiker wie Luigi Cavalli-Sforza versuchen, Herkunft und Verwandtschaft der indogermanische Sprachen sprechenden Völker durch molekulargenetische Methoden zu erhellen.

[Bearbeiten] Indogermanisch und andere Sprachfamilien

Über Außenverwandtschaften des Indogermanischen gibt es zahlreiche Hypothesen. Am häufigsten wird eine entfernte Verwandtschaft mit den uralischen Sprachen angenommen. Diese Annahme kann mit vielen morphologischen Kongruenzen belegt werden, wie z. B. im Pronominalsystem (vgl. z. B. Seebold, Elmar, 1970). Zum Semitischen dagegen bestehen eher lexikalische Beziehungen (vgl. Linus Brunner 1969). Einige, v. a. sowjetische Wissenschaftler haben versucht, Belege für eine sogenannte nostratische Sprachfamilie zu finden, zu der neben den indogermanischen auch die afroasiatischen Sprachen (früher hamito-semitschen Sprachen) und die als genealogische Einheit selbst umstrittenen Altaischen Sprachen gehören sollen. Diese Belege werden derzeit überwiegend als nicht ausreichend angesehen.

In ähnlicher Weise hat der amerikanische Linguist Joseph Greenberg aufgrund lexikalischer und grammatischer Gemeinsamkeiten eine eurasiatische Makro-Sprachfamilie vorgeschlagen. Sie umfasst insbesondere die drei relativ umfangreichen indogermanischen, uralischen und altaischen Sprachfamilien sowie einige Kleinfamilien und Einzelsprachen Eurasiens, jedoch ausdrücklich nicht Afroasiatisch. Diese Makro-Sprachfamilie deckt sich somit teilweise mit dem Nostratischen, wobei auch grundlegendere Gemeinsamkeiten beiderseitig (Greenberg, Bomhard) festgestellt wurden. Allgemein ist es beim Eurasiatischen aber heute einfach noch zu früh, über die Gültigkeit dieser Hypothese definitiv entscheiden zu können.

[Bearbeiten] Die Zweige des Indogermanischen in alphabetischer Folge

Zu den indogermanischen Sprachen gehören die folgenden Gruppen heute noch gesprochener oder „lebender“ und „ausgestorbener (†) Sprachen“:

Zurückgehend auf Peter von Bradtke (1890) werden die indogermanischen Sprachen nach dem Einzelkriterium der Entwicklung des palatalisierten 'k-' (z. B. im Zahlwort *kmtom, „hundert“) in sogenannte Kentum- und Satem-Sprachen eingeteilt. Die ursprüngliche Annahme, diese Einteilung ginge auf eine Dialekt-Isoglosse der Indogermanischen Ursprache zurück, hat sich mit der Entdeckung des Tocharischen gegen Anfang des 20. Jahrhunderts als unhaltbar herausgestellt, wurde aber einige Jahrzehnte lang teilweise noch weiter vertreten. Als rein deskriptives Kriterium ist die Einteilung heute noch lebendig.[2]

[Bearbeiten] Verwandtschaftsverhältnisse

[Bearbeiten] Geschichte

Seit Schleicher (s. o.) wird immer wieder versucht, die oben genannten Untergruppen auf gemeinsame Zwischensprachen zurückzuführen. Durchgesetzt haben sich nur wenige, so v. a. die Zusammenfassung der indoarischen und der iranischen Sprachen als „indoiranischen Sprachen“. Weitgehend anerkannt ist auch die „balto-slawische“ Sprachgruppe (balto-slawische Hypothese); strittig bleiben eine nähere Verwandtschaft zwischen den italischen und den keltischen Sprachen, die Zuordnung des Venetischen sowohl zum Illyrischen als auch zu den italischen Sprachen, eine „thrakisch-phrygische“ Sprachgemeinschaft, die Abstammung des Albanischen vom Illyrischen, und vieles mehr.

Daher wird bei der obigen Liste auf genauere Zuordnungen verzichtet, d. h. „Streitfälle“ stehen weiter als Einzelgruppen ohne Hinweise auf vermutete Verwandtschaftsverhältnisse.

[Bearbeiten] Gegenwart

Die Archaismen des Protoindogermanischen sind heute nur noch in wenigen der modernen Nachfolgesprachen erhalten. Dabei können Sprachen sich in einigen Eigenschaften als konservativ zeigen, in anderen aber große Veränderungen aufweisen. Meinungen, wonach eine Sprache besonders konservativ ist (z. B. oft für das Litauische vertreten), müssen sich also auf konkrete Eigenschaften beziehen und sind nicht zu verallgemeinern.

[Bearbeiten] Siehe auch

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Grundlagen und Lehrbücher

[Bearbeiten] Archäologie und Urheimat

[Bearbeiten] Quellen

  1. Michael Meier-Brügger, (2002). Indogermanische Sprachwissenschaft, 8. Aufl., Berlin: W. de Gruyter. [E 301].
  2. z.B. in Benjamin W. Fortson: Indo-European Language and Culture: An Introduction. Blackwell Publishing, Malden,Oxford,Victoria 2004, ISBN 978-1405103169 (engl.).

[Bearbeiten] Weblinks

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