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Hugo Distler

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Hugo Distler 1941

Hugo Distler (* 24. Juni 1908 in Nürnberg; † 1. November 1942 in Berlin) war ein deutscher Komponist und evangelischer Kirchenmusiker. Er gilt als der bedeutendste Vertreter der Erneuerungsbewegung der evangelischen Kirchenmusik nach 1920.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

[Bearbeiten] Kurzbiografie

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Hugo Distler wird 1908 in Nürnberg geboren als Sohn der Modistin Helene Distler und des Maschinenbauingenieurs August Louis Gotthilf Roth. Der Vorname des Kindes geht zurück auf Hugo Herz, den 1925 in die USA emigrierten Halbbruder von Hugos Mutter. 1912 verlässt Helene Distler ihren vierjährigen Sohn und wandert mit ihrem späteren Mann, dem amerikanischen Spielwareneinkäufer Anthony Meter, in die Vereinigten Staaten aus.[1]

Vom Moment der Trennung bis zu seinem elften Lebensjahr lebt das Kind unter der Obhut seiner Großeltern: Kunigunda Herz, verw. Distler, und ihr zweiter Ehemann, der aus Cadolzburg bei Fürth stammende Viehhändler Johann Michael Herz, betreiben in Nürnberg zwei Metzgereien. Auf den Rat von Hugos erster Lehrerin schaffen die Großeltern ein Klavier für ihren Enkel an und sorgen dafür, dass er mit sieben Jahren seinen ersten Klavierunterricht bei Elisabeth Weidmann bekommt. Später ermöglichen sie ihm den Besuch des Reform-Realgymnasiums an der Vorderen Landauergasse.

1919 taucht Hugo Distlers Mutter wieder in Nürnberg auf, nach dem Tod ihres Mannes nun in Begleitung ihres in Amerika geborenen Sohnes Anthony. Sie lebt eine Zeitlang mit ihren beiden Söhnen zusammen; Hugo Distler hat Sympathie für seinen stillen Halbbruder, leidet jedoch unter den täglichen Zurücksetzungen durch seine Mutter, die aus der Vorliebe für ihren jüngeren Sohn kein Hehl macht. 1923 trennt sie sich endgültig von Hugo und zieht mit Anthony (jetzt Anton genannt) in einen anderen Stadtteil Nürnbergs. Hugo Distler lebt von nun an wieder bei seinen inzwischen durch die Inflation verarmten Großeltern. Als Kundigunda Herz 1925 stirbt, geraten Großvater und Enkel in bedrückende Armut.

Aus Geldnot muss Hugo Distler sich nun in der Nürnberger Privatmusikschule von Carl Dupont abmelden, bei dem er bis dahin Klavierunterricht erhalten hatte. Er bewirbt sich beim städtischen Konservatorium in Nürnberg um einen Stipendiumsplatz, wird aber zweimal abgewiesen. Carl Dupont greift rettend ein und unterrichtet von da an seinen Schüler unentgeltlich. Nach dem Abitur im Frühjahr 1927 bewirbt sich Hugo Distler am Leipziger Landeskonservatorium für Musik und besteht die Aufnahmeprüfung mit Auszeichnung.

1930 stirbt Hugo Distlers Großvater, der trotz eigener Armut das Musikstudium seines Enkels finanziert hatte. Distler muß sein Studium vorzeitig abbrechen und sich eine Arbeit suchen. Infolge der Weltwirtschaftskrise liegt die Zahl der Arbeitslosen 1930 bei 15, 7 Prozent; 1931 klettert sie auf 23,9 Prozent, was die Suche Hugo Distlers nach einem Arbeitsplatz erschwert. Sein Leipziger Orgellehrer, der Thomasorganist Günther Ramin, vermittelt ihm schließlich eine Organistenstelle an der Lübecker Jakobikirche, wo Distler am 1. Januar 1931 seinen Dienst antritt.

Inspiriert durch Axel Werner Kühl, Pastor an St. Jakobi und engagierter Streiter für die Anliegen der Liturgischen Bewegung, komponiert Distler 1931/1932 seinen Jahrkreis op. 5, eine Sammlung von 52 kleinen geistlichen Chormusiken. Er vollendet im Herbst 1931 seine Deutsche Choralmesse, die der Lübecker Sing- und Spielkreis unter der Leitung von Bruno Grusnick am 4. Oktober 1931 zur Uraufführung bringt. Hugo Distler vollendet 1932 seine Choralpassion op. 7, seine Kleine Adventsmusik op. 4 und seine Orgelpartita Nun komm, der Heiden Heiland op. 8,1. In Lübeck entsteht der größte Teil seiner Geistlichen Chormusik op. 12 und dort lernt er auch seine spätere Frau, Waltraut Thienhaus, kennen.

Am 30. Januar 1933, dem Tag der „Machtergreifung“, kündigt Hugo Distler seine Stelle an St. Jakobi, ohne schon einen neuen Arbeitsvertrag in der Hand zu haben. Später muß er seine Kündigung zurückziehen, weil er die Kündigungfrist nicht eingehalten hat.


Im Oktober 1933 wird Hugo Distler als Dozent an das neugegründete Lübecker Staatskonservatorium berufen. Seit Mai 1933 hatte er sich für die Errichtung eines eigenen Kirchenmusikalischen Instituts im Rahmen dieses Konservatorium eingesetzt und war deshalb in Dauerkonflikt mit dem zuständigen Staatskommissar und ehemaligen Pfarrer der Deutschen Christen Ulrich Burgstaller geraten.

Um sein kirchenmusikalisches Ziel dennoch durchzusetzen (er erreicht die offizielle Genehmigung seines Plans im März 1935) hat Hugo Distler dem NS-Staat kulturelle Gegenleistungen zu erbringen. Im April 1934 unterbricht er daher die Arbeit an seinen geistlichen Kompositionen, darunter dem „Totentanz“, um innerhalb von drei Wochen die Auftragsmusik zu einer weltlichen Thingspiel-Kantate „Ewiges Deutschland“ über vaterländische Texte des Dichters Wolfram Brockmeier – Leiter der Lyrikabteilung der Reichsschrifttumskammer - zu schreiben, worüber er seinem Schwager Erich Thienhaus berichtet:

„Ich muß [bis] Mitte Mai die Musik zu einem politischen Festakt schreiben […] Ich sitze und schwitze an der riesigen Arbeit: 20 Nummern in weniger als vier Wochen, darunter eine Ouvertüre für großes Orchester [..], ein Finale für Chor und Orchester […], 5 a cappella Chöre, 8 Tänze, 4 Melodramen und ein Orgelstück.“

Waltraut Distler berichtet ihrem Bruder Erich Thienhaus über die Aufführung am 25. Mai 1934 im Lübecker Stadttheater: „ Die Theateraufführung wurde neulich überall gut beurteilt, jedenfalls die Musik. Über die Regie ist das Publikum getrennter Meinung. Brockmeier macht keinen sympathischen Eindruck, er hat übrigens 100 RM!!! bekommen für sein Herkommen. Hugo nichts für alle seine Arbeit.“ [2]

Hugo Distler veröffentlicht die Komposition nicht und versieht sie mit keiner Opuszahl, sondern verwendet sie als Rohmaterial für spätere Arbeiten.[3]

Hugo Distlers ersehntes Ziel ist es, eines Tages ganz für seine Kunst leben und seinen Lebensunterhalt ausschließlich durch eigene Werke bestreiten zu können. Unter den seit dem Reichstagsbrand verhängten Zensurbedingungen, d.h. der totalen Überwachung sämtlicher schriftlicher Äußerungen durch den Staat, versucht Hugo Distler dennoch einen Weg zu finden, der es ihm weiterhin erlaubt, frei seiner kompositorischen Tätigkeit nachzugehen und seine Werke öffentlich aufzuführen. Er entlehnt deshalb von nun an in einigen seiner Wortbeiträge Schlagworte aus der Phraseologie der Herrschenden, unterlegt sie aber mit einem Wortsinn, der der „offiziellen“ Lesart dieser Begriffe nicht entspricht.[4]

Im März 1933 findet im Berliner Dom die Uraufführung von Distlers Choralpassion op. 7 statt; im selben Jahr komponiert Distler seine Weihnachtsgeschichte op. 10 (Uraufführung im Dezember 1933 in Köln) und widmet sie dem „Volk, das im Finstern wandelt“ (so beginnt der große Eingangschor des Weihnachtgeschichte). Im April 1935 wird Distlers Cembalokonzert op. 14 in Hamburg uraufgeführt und von einigen Kritikern gefeiert, von anderen als „kulturbolschewistisch“ gebrandmarkt.

Im Dezember 1936 wird von NS-Seite versucht, die Aufführung der Weihnachtsgeschichte in St. Jakobi zu verhindern. Die Gestapo treibt eine Straßenversammlung lutherischer Christen auseinander und Distlers Kompositionsschüler Jan Bender wird verhaftet. Distler verlässt daraufhin Lübeck fluchtartig und tritt zum 1. April 1937 eine Stelle als Lehrer für Musiktheorie, Formenlehre und Chorleitung an der Stuttgarter Hochschule für Musik an; er übernimmt zusätzlich die Leitung des Hochschulchors und der Hochschulkantorei.

Distlers Hoffnung auf ein ungestörtes Arbeiten in Stuttgart erfüllt sich nicht: die NS-Studentenschaft greift sein kirchenmusikalisches Schaffen an. Distler besucht 1937 die Stuttgarter Erstaufführung von Carl Orffs Carmina Burana und führt bald darauf mit der neugegründeten Esslinger Singakademie Claudio Monteverdis Orfeo in der Bearbeitung von Carl Orff auf. Ohne Genehmigung der NS-Kulturgemeinde singt dieser Chor unter Distlers Leitung wenig später Bachs Johannes-Passion in der Esslinger Stadtkirche. Dies hat die Auflösung der Singakademie zur Folge. (Distler beim Abschiedsabend mit den Sängern: „Es muss Ihnen das Glück genügen, diese Werke mitgesungen zu haben.“) Distler veröffentlicht von nun an nur noch „weltlliche“ Instrumental- und Chormusik; erst 1942 erscheinen die beiden letzten großen Motetten aus seiner Geistlichen Chormusik op. 12.

Hugo Distler wählt nun für sein nächstes größeres Werk eine Thematik, die ihn ideologisch unangreifbar macht. Zwischen 1936 und 1938 komponiert er sein Neues Chorliederbuch op. 16, eine umfangreiche Sammlung von Chorsätzen für gemischten Chor a cappella zu den Themenkreisen Kalendersprüche, Minnelieder, Bauernlieder und Fröhliche Lieder. Die stimmungsvollen und hoch expressiven Chorsätze zeugen von Distlers „unbändiger, vitaler Inspiration“ (Lemmermann), erreichen jedoch in damaliger Zeit keine Popularität (Heinz Grunow: Erinnerungen an Hugo Distler). Neben Liebesliedern, einem "Lob auf die Musik" und einer ausgelassenen "Serenade" nach einem Text von Abraham a Sancta Clara stehen Bauernlieder und die Kalendersprüche. Sie sind Ausdruck der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur - „seines Lebens mit ihr, seiner Ängste, Sorgen, Hoffnungen, seiner Freude und nicht zuletzt seiner Dankbarkeit für die lebenserhaltenden Gaben der Natur“.[5]

Im Herbst 1940 wird Distler als Professor für Chorleitung, Tonsatz, Komposition und Orgelspiel an die Berliner Staatliche Hochschule für Musik berufen und siedelt mit seiner Familie nach Strausberg bei Berlin über. Der Berliner Theaterregisseur Jürgen Fehling beauftragt Distler im Herbst 1940 mit der Komposition einer Schauspielmusik zu Ludwig Tiecks Ritter Blaubart. Die Premiere soll an Silvester 1940 am Berliner Schillertheater stattfinden. Fehling strebt darüber hinaus eine ständige Zusammenarbeit mit Distler an; dieser soll als nächstes die Bühnenmusiken zu Grabbes Hannibal und zu Shakespeares König Lear schreiben. Heinrich George soll in beiden Inszenierungen, wie schon im Blaubart, die Hauptrolle spielen. Nachdem die Proben zu Ritter Blaubart bereits begonnen haben, wird die Premiere in letzter Minute auf Januar verschoben und schließlich ganz abgesagt aufgrund eines Zerwürfnisses zwischen Fehling und dem Intendanten Heinrich George. Damit zerschlägt sich Distlers langgehegte Hoffnung, „endlich einen Zugang zur Bühne und schließlich zur Oper zu finden“, wie er es in einem Brief an seine Angehörigen in Leipzig formuliert.

1941 und 1942 arbeitet Hugo Distler mit großer Energie und Hingabe an seinem letzten großen, 1939 begonnenen Projekt, dem Friedensoratorium Die Weltalter, in dessen selbstverfasstem Text er Bilder aus der griechischen Mythologie vom Goldenen Zeitalter mit dem Kassandra-Mythos (nach Aischylos’ Tragödie Agamemnon) verknüpft. Er fügt seinem Text ein Fragment von Novalis bei, aus dem er einzelne Passagen direkt in seinen eigenen Oratorientext übernimmt. Das Novalis-Fragment, das 1942 auch auf einem Flugblatt der Weißen Rose erscheint, lautet:

„Es wird so lange Blut über Europa strömen, bis die Nationen ihren fürchterlichen Wahnsinn gewahr werden, der sie im Kreise herumtreibt, und von heiliger Musik getroffen und besänftigt zu ehemaligen Altären in bunter Vermischung treten, Werke des Friedens vornehmen und ein großes Friedensfest auf den rauchenden Walstätten mit heißen Tränen gefeiert wird. Nur die Religion kann Europa wieder aufwecken und das Völkerrecht sichern und die Christenheit mit neuer Herrlichkeit sichtbar auf Erden ihr altes, friedenstiftendes Amt installieren.“[6]

Hugo Distler kann noch vier Motetten aus den Weltaltern vollenden, bricht aber die Arbeit an seinem Oratorium im September 1942 ab.

Im April 1942 übernimmt Distler die Leitung des Berliner Staats- und Domchors und bezieht eine Dienstwohnung in der Nähe des Doms. Um diese Zeit gerät er ins Visier der SS: Wie schon 1933 in Lübeck (als er mit den Chorjungen von St. Jakobi geistliche Chorwerke aus seinem Jahrkreis probte) behindert und sabotiert die HJ auch jetzt wieder planmäßig seine kirchenmusikalische Arbeit, indem sie die Chorjungen des Domchors immer dann zum HJ-Dienst einbefiehlt, wenn Chorproben im Dom angesetzt sind. Hugo Distler sucht deswegen, zusammen mit einem Hochschulkolllegen, den SS-Oberführer und HJ-Mann Karl Cerff in Berlin auf, der im Berliner „Kaiserhof“ auf einer ganzen Etage residiert. Entsetzt und tief entmutigt berichtet Distler seinem Freund Alfred Kreutz aus Ahlbeck am 17. August 1942:

„Inzwischen erlebe ich mit dem Berliner Staats- und Domchor Schwierigkeiten [...] die HJ macht dauernd Scherereien wegen Freigabe der Knaben für den Dienst im Chor. Um dies zu klären, machte ich mir vergangenen Donnerstag die Mühe, eigens nach Bln. Zu fahren, um mit unserem sehr geschickten stellvertretenden Hochschuldirektor Professor Rühlmann, zusammen den PG Cerf vom Hauptkulturamt der N.S.D.A.P. zu besuchen, den Rühlmann kannte. Ergebnis völlig negativ; erschütternder Eindruck; Cerf in meinem Alter, nach der Darstellung Rühlmanns einstmals Bankangestellter. Wir kamen überhaupt nicht zu Wort vor dem Hassgesang gegenüber der Kirche. Ich muß aber trotz allem sagen, dass ich über den Eindruck der Persönlichkeit dieses Mannes noch weit erschütterter gewesen bin denn über den (insgeheim erwarteten) negativen Erfolg. Ich gehe mit großem Grausen ins neue Semester. Man hat so viel organisatorische Arbeit, dass man zum Musizieren überhaupt nicht mehr kommt. Und schließlich scheitern alle Bemühungen an solchen nicht zu beseitigenden Schwierigkeiten. Vielleicht bist in dem Punkt Du sehr zu beneiden.“[7]

Am 14. Oktober 1942 erhält Hugo Distler seinen sechsten Gestellungsbefehl (fünfmal konnte er die Befehle abwenden). Am 1. November 1942 fährt er von Strausberg nach Berlin, um den Gottesdienst im Dom noch einmal musikalisch zu begleiten. Danach begibt er sich zu seiner Dienstwohnung in der Bauhofstraße. Dort setzt er seinem Leben ein Ende.[8] Seine Grabstätte befindet sich auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf.

[Bearbeiten] Verhältnis zum Nationalsozialismus

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten trat Distler in die NSDAP ein und wurde zum 1. Mai 1933 unter der Parteinummer 2.806.768 registriert.[9] Seine Biografin Barbara Distler-Harth stellt dar, der Parteieintritt sei auf Anraten seiner Vorgesetzten und allein aus taktischen Gründen erfolgt.[10] Eine Zeitzeugin schrieb: „In Lübeck schon wurde er zur Partei gekeilt, nur aus einem ängstlichen ‚Muß’ kam er dazu. In seiner großen Sensibilität hat er sich darum sehr gequält.“[11]

Im Mai 1933 hielt er in der Lübecker Volkshochschule einen Vortrag Der neue Musikwille in der Deutschen völkischen Erneuerungsbewegung.[12] Auch in den Folgejahren erwies er sich als systemkonform, sowohl kompositorisch als auch in seinen schriftlichen Äußerungen. 1934 sagte er beispielsweise in einem Rundfunkvortrag über die Stellung und Aufgabe der jungen Musik in Deutschland, abgedruckt in der Zeitschrift Lübeckische Blätter: „Die neue Staatsidee muß prinzipiell jede Art künstlerischen Gestaltens ablehnen, die nicht dem Wollen und Empfinden – ganz einfach des Volksganzen [...] zugänglich wäre“.[13] Im selben Jahr vertonte Distler die Thingspiel-Kantate Ewiges Deutschland auf einen Text von Wolfram Brockmeier (Leiter der Abteilung Lyrik der Reichsschrifttumskammer), die in der Kritik der gleichgeschalteten Presse positiv besprochen wurde,[14] ein Trutzlied Deutschland und Deutsch-Österreich,[15] sowie Drei Hymnen des deutschen Arbeiters für das NS-Freizeitprogramm Kraft durch Freude.[9] Im Dezember 1935 schrieb er in einem Beitrag Vom Geiste der evangelischen Kirchenmusik: „Wer von uns Jungen hätte nicht die Größe der vaterländischen Ereignisse in den vergangenen Jahren miterlebt!“[16] 1936 erlebte er allerdings einen Fehlschlag, als sein Cembalo-Konzert von der NS-Presse verrissen wurde.[17] Dagegen wurde 1938 sein in Bonn uraufgeführtes weltliches Chorwerk Deutsche Kalendersprüche wieder ein Erfolg und sollte in Kassel wiederholt werden. Distler charakterisierte das Werk folgendermaßen: „... ein weltliches Chorwerk, ganz in der Linie dessen, was man heute will, ein Loblied auf das Bäuerliche Jahr ...“[18] Dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs begegnete er mit Unverständnis und Kritik, betonte aber gleichzeitig: „... Jedenfalls glaube ich an den reinsten, edelsten Willen unseres Führers und an die Unvergänglichkeit unseres, über alles geliebten Vaterlandes. [...] ganz gewiß ist es unsere Pflicht, unsere Ehre zu verteidigen bis zum letzten Hauch, wie gestern Hitler sagte ...“.[19] 1940 komponierte er das Kriegslied für Männerchor Morgen marschieren wir in Feindesland und weitere Beiträge für das Chorliederbuch der Wehrmacht.[20] Nach seinem Selbstmord gab es positive Nachrufe, wie in der Zeitschrift Der Musikerzieher: „Das deutsche Musikleben hat durch den plötzlichen Tod des erst 34jährigen Komponisten Hugo Distler einen schweren Verlust zu beklagen...“[21]

[Bearbeiten] Werk

Distler ist vor allem als Komponist geistlicher und weltlicher Chormusik bekannt geworden. Zu seinen Chorwerken zählen:

Darüber hinaus komponierte Distler Orgelmusik wie Partiten, Choralbearbeitungen und eine Sonate, zwei Cembalokonzerte (1930/1932 und 1935) und Kammermusik. Er verfasste eine Funktionelle Harmonielehre (1940).

Distler ist der bedeutendste Vertreter der Erneuerungsbewegung der evangelischen Kirchenmusik nach 1920. Ihre Ziele und Ideale kommen in seiner Musik klar zum Ausdruck, wobei trotz beabsichtigter leichter Ausführbarkeit immer ein künstlerisch hohes Niveau gewahrt bleibt. Seine Vokalkompositionen erwachsen aus sanglichen, am menschlichen Atem orientierten Melodien, deren tonales Material oft aus modalen Tonleitern oder der Pentatonik entnommen ist.

Die abwechslungsreiche Rhythmik lehnt sich an Vorbilder aus Renaissance und Barock an, gestattet sich aber deutlich größere Freiheiten, die sich in Taktwechseln und häufigen Schwerpunktverschiebungen zeigen. Aus der Kombination metrisch und rhythmisch gegensätzlicher Einzelstimmen ergibt sich oft ein lebendiges polyphones und polyrhythmisches Geflecht.

Imitatorische Satztypen in Anlehnung an barocke Vorbilder sind häufig, wobei Distler enge Lagen und Stimmkreuzungen bevorzugt und so Klangwirkungen von sensibler Schlichtheit bis zu dramatischer Ausdruckskraft erreicht. Dabei ergeben sich neuartige Zusammenklänge, die stellenweise nur noch aus der horizontalen Stimmführung erklärbar, im Detail aber nicht mehr funktional deutbar sind.

Ein bedeutender Aspekt seiner Kompositionstätigkeit ist die musikalische Ausdeutung des Wortes. So schreibt er in seinem Aufsatz „Vom Geiste der neuen Evangelischen Chormusik“ 1935: „In der neuen deutschen Chormusik […] gewinnt das Wort eine neue und höhere Leibhaftigkeit, da wird der Wortgestaltung und -bändigung mit Besessenheit nachgegangen …“

[Bearbeiten] Werkverzeichnis

[Bearbeiten] Nachlass

Das Hugo-Distler-Archiv befindet sich in der Stadtbibliothek von Lübeck.

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Weblinks

Commons Commons: Hugo Distler – Bilder, Videos und Audiodateien

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Distler-Harth, S. 340 ff.
  2. Distler-Harth, S. 189 ff
  3. Lüdemann, S. 106
  4. Reich, Christa: Evangelium: Klingendes Wort, Calwer Verlag 1997, S. 79; Reich-Ranicki, Marcel: Mein Leben, Deutsche Verlags-Anstalt 1999, S. 356 f.; Distler-Harth, S. 161 ff
  5. Lemmermann, Dirk: Hugo Distler: Neues Chorliederbuch, Booklettext zur CD von Hugo Distlers Neuem Chorliederbuch (CARMINA MUNDI, Aachen, Leitung: Harald Nickoll), S. 1 f
  6. Distler-Harth, S. 317
  7. Distler-Harth, S. 320
  8. Distler-Harth, S. 330 ff
  9. a b Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 115.
  10. Barbara Distler-Harth, S. 158 ff
  11. Erika Kienlin und Hilde Kreutz-Soergel: „Erinnerungen an Hugo Distler“.In: Zeitschrift für Hausmusik, Jg. 1958, Heft 2
  12. Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, CD-Rom-Lexikon, Kiel 2004, S. 1.187.
  13. Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, S. 1.188–1.190.
  14. Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, S. 1.188–1.190.
  15. Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, S. 1.190.
  16. Vollständiges Zitat bei Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, S. 1.192.
  17. Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, S. 1.192.
  18. Vollständiges Zitat bei Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, S. 1.192–1.193, Quelle: Hugo-Distler-Archiv, Lübeck.
  19. Vollständiges Zitat bei Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, S. 1.193–1.194, Brief an Familie Typke vom 20. September 1939, aufbewahrt im Hugo-Distler-Archiv Lübeck.
  20. Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, S. 1.194.
  21. Vollständiges Zitat bei Fred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, S. 1.195.
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