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Hugo Distler auf einer deutschen Briefmarke (1992).
Hugo Distler (* 24. Juni 1908 in Nürnberg; † 1. November 1942 in Berlin) war ein deutscher Komponist und evangelischer Kirchenmusiker. Er gilt als der bedeutendste Vertreter der Erneuerungsbewegung der evangelischen Kirchenmusik nach 1920.
Gedenktafel am Organistenhaus der Jakobikirche
Hugo Distler wuchs in Nürnberg auf, wo er 1927 am Melanchthon-Gymnasium sein Abitur ablegte. Anschließend studierte er zunächst Klavier und Dirigieren, später Orgel und Komposition in Leipzig. Zu seinen Lehrern gehörten Hermann Grabner (Tonsatz) und Günther Ramin (Orgel).
1931 erhielt Distler seine erste Anstellung als Organist an St. Jakobi zu Lübeck. Hier arbeitete er mit dem Kantor Bruno Grusnick zusammen. Mit dem Pastor der Kirche Axel Werner Kühl verband ihn bis 1942 ein Briefwechsel. Im Jahre 1933 heiratete Hugo Distler Waltraut Thienhaus, die Schwester des Physikers und Akustikers Erich Thienhaus. Im gleichen Jahr trat er in die NSDAP ein. Im Jahre 1935 hatte Distler seine ersten Erfolge bei den Kasseler Musiktagen.
1937 wechselte Distler in ein weltliches Amt und wurde Lehrer für Komposition und Orgel sowie Leiter des Hochschulchors an der Württembergischen Musikhochschule in Stuttgart. Mit dem Hochschulchor hatte er überregionale Erfolge, beispielsweise mit der Uraufführung seines Mörike-Chorliederbuches beim Fest der Deutschen Chormusik 1939.
Im Jahr 1940 wurde er als Professor für Komposition und Orgel an die Berliner Hochschule für Musik berufen. Er übernahm zusätzlich die Leitung der Hochschulkantorei und die Leitung des Berliner Staats- und Domchors. Die überhand nehmenden Verpflichtungen ließen ihm allerdings immer weniger Zeit zum Komponieren. Auch die drohende Einberufung zum Militärdienst stellte für Distler eine schwere Belastung dar. Im November 1942 nahm sich Distler im Alter von 34 Jahren das Leben, unwissend, dass er einen Tag später endgültig vom Wehrdienst freigestellt wurde.
Er wurde auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf beigesetzt.
Distler ist vor allem als Komponist geistlicher und weltlicher Chormusik bekannt geworden. Zu seinen Chorwerken zählen:
- 1933: Der Jahrkreis, 52 aus den Erfahrungen und Anforderungen der kirchenmusikalischen Praxis entstandene zwei- und dreistimmige Chormusiken
- 1933: Choralpassion für fünfstimmigen gemischten Chor und zwei Vorsänger
- 1933: Weihnachtsgeschichte für gemischten Chor und vier Vorsänger
- 1935–1941: Geistliche Chormusik op. 12, eine Sammlung von neun Motetten für das Kirchenjahr, zu der als Nr. 2 auch der Totentanz zählt, der dem Totensonntag zugeordnet ist
- 1938/1939: Mörike-Chorliederbuch
Darüber hinaus komponierte Distler Orgelmusik wie Partiten, Choralbearbeitungen und eine Sonate, zwei Cembalokonzerte (1930/1932 und 1935) und Kammermusik. Er verfasste eine Funktionelle Harmonielehre (1940).
Distler ist der bedeutendste Vertreter der Erneuerungsbewegung der evangelischen Kirchenmusik nach 1920. Ihre Ziele und Ideale kommen in seiner Musik klar zum Ausdruck, wobei trotz beabsichtigter leichter Ausführbarkeit immer ein künstlerisch hohes Niveau gewahrt bleibt. Seine Vokalkompositionen erwachsen aus sanglichen, am menschlichen Atem orientierten Melodien, deren tonales Material oft aus modalen Tonleitern oder der Pentatonik entnommen ist.
Die abwechslungsreiche Rhythmik lehnt sich an Vorbilder aus Renaissance und Barock an, gestattet sich aber deutlich größere Freiheiten, die sich in Taktwechseln und häufigen Schwerpunktverschiebungen zeigen. Aus der Kombination metrisch und rhythmisch gegensätzlicher Einzelstimmen ergibt sich oft ein lebendiges polyphones und polyrhythmisches Geflecht.
Imitatorische Satztypen in Anlehnung an barocke Vorbilder sind häufig, wobei Distler enge Lagen und Stimmkreuzungen bevorzugt und so Klangwirkungen von sensibler Schlichtheit bis zu dramatischer Ausdruckskraft erreicht. Dabei ergeben sich neuartige Zusammenklänge, die stellenweise nur noch aus der horizontalen Stimmführung erklärbar, im Detail aber nicht mehr funktional deutbar sind.
Ein bedeutender Aspekt seiner Kompositionstätigkeit ist die musikalische Ausdeutung des Wortes. So schreibt er in seinem Aufsatz „Vom Geiste der neuen Evangelischen Chormusik“ 1935: „In der neuen deutschen Chormusik […] gewinnt das Wort eine neue und höhere Leibhaftigkeit, da wird der Wortgestaltung und -bändigung mit Besessenheit nachgegangen …“
[Bearbeiten] Vollständiges Werkverzeichnis
- Konzertante Sonate op. 1 für 2 Klaviere (1931)
- Herzlich lieb hab ich dich, o Herr, Motette op. 2 für 2 gemischte Chöre (1931)
- Deutsche Choralmesse, op. 3 für 6stimmigen gemischten Chor (1932)
- Kleine Adventsmusik, op. 4 für Flöte, Oboe, Violine, Kammerchor, Orgel und Sprecher (1932)
- Der Jahrkreis, op. 5, 25 zwei- und dreistimmige Choral- und Schriftwortmotetten (1933)
- Christ, der du bist der helle Tag, kleine geistliche Abendmusik op. 6 Nr. 1 für dreistimmigen Chor, 2 Violinen und b.c. (1933)
- 3 kleine Choralmotetten op. 6 Nr. 2 für gemischten Chor (1933)
- Es ist das Heil uns kommen her
- Komm heiliger Geist, Herre Gott
- Lobe den Herren
- Choralpassion nach den 4 Evangelien der Heiligen Schrift op. 7 (1933)
- Nun komm der Heiden Heiland, Orgelpartita op. 8 Nr. 1 (1933)
- Wachet auf, ruft uns die Stimme, Orgelpartita op. 8 Nr. 2 (1935)
- Kleine Choralbearbeitungen op. 8 Nr. 3 (1938)
- An die Natur für 4-stimmigen Chor, Sopransolo und Streicher op. 9 Nr. 1 (1933)
- Das Lied von der Glocke op. 9 Nr. 2 für Solostimmen, Chor und Orchester (1934)
- Die Weihnachtsgeschichte op. 10 für 4-stimmigen gem. Kammerchor und 4 Vorsänger (1933)
- Wo Gott zu Haus nit gibt sein Gunst, Kantate op. 11 (1935)
- Geistliche Chormusik op. 12 (1934-1941)
- Singet dem Herrn, Nr. 1
- Totentanz, Nr. 2
- Wach auf, du deutsches Reich, Nr. 3
- Singet frisch und wohlgemut, Nr. 4
- Ich wollt, dass ich daheime wär, Nr. 5
- Wachet auf, ruft uns die Stimme, Nr. 6
- In der Welt habt ihr Angst, Nr. 7
- Das ist je gewisslich wahr, Nr. 8
- Fürwahr, er trug unsre Krankheit, Nr. 9
- Liturgische Sätze op. 13
- Konzert für Cembalo und Streichorchester op. 14 (1936)
- Sonate über alte deutsche Volkslieder für 2 Violinen und Klavier op. 15 (1938)
- Elf kleine Klavierstücke für die Jugend op. 15b
- Neues Chorliederbuch op. 16 (1936-1938)
- Nr. 1: Bauernlieder
- Nr. 2: Minnelieder I
- Nr. 3: Minnelieder II
- Nr. 4: Kalendersprüche I
- Nr. 5: Kalendersprüche II
- Nr. 6: Kalendersprüche III
- Nr. 7: Kalendersprüche IV
- Nr. 8: Fröhliche Lieder
- Geistliche Konzerte für hohe Singstimme und Orgel op. 17 (1938)
- Es ist ein köstlich Ding, dem Herrn zu danken
- Freuet euch in dem Herrn allerwege
- Lieben Brüder, schicket euch in die Zeit
- 30 Spielstücke für die Kleinorgel oder andere Tasteninstrumente op. 18 Nr. 1 (1938)
- Orgelsonate op. 18 Nr. 2 (1939)
- Möricke-Chorliederbuch op. 19 (1939)
- 1. Teil: für gemischten Chor
- 2. Teil: für Frauenchor
- 3. Teil: für Männerchor
- Das Volkslied op. 20:
- Ich hab die Nacht geträumet
- Weiß mir ein Blümlein blaue
- Wach auf, wach auf
- Ich wollte gern singen, weiß nit wie
- Musik für 4 Streichinstrumente op. 20 Nr. 1 (1939)
- Konzertstück a-moll op. 20 Nr. 2 für 2 Klaviere (1939)
- Lied am Herde, Solokantate für Bariton und Klavier op. 21 Nr. 1 (1941)
- Werke ohne Opusbezeichnung:
- Kleine Sonate in C-Dur für Klavier (1927)
- Kammermusik für Flöte, Oboe, Violine, Viola, Violoncello und Klavier (1929)
- Kammer-Concerto für Cembalo und 11 Instrumente (1931)
- Luther-Kantate zur 400-Jahr-Feier der Einführung der Reformation (1931)
- Drei Lieder für Altstimme und Klavier (1931)
- Ewiges Deutschland, Weltliche Kantate für Sprecher, Chor und Orchester (1934)
- Deutschland und Deutsch-Österreich, einem Stamm entsprossen für Männerchor (1934, verschollen)
- Konzertstück für Klavier und Orchester (1937)
- Kleine Sommerkantate für zwei Soprane und Streichquartett (1942)
- Für eine Singstimme und Klavier
- Ein Lied zum Mitsingen für eine Singstimme und Klavier
- Der Mond ist aufgegangen für einstimmigen Frauenchor, Violine, Viola und Oboe
- Drei weltliche Chorlieder zu alten Texten in neuer Weise und neuem Satz:
- Weiß mir ein schönes Röslein
- Bei meiner Buhlen Haupte
- Wach auf, meins Herzens Schöne
- Vöglein Schwermut für Männerchor
- Abendlied eines Reisenden für Männerchor
- Gräßliche Ballade für Männerchor
- Einzelne Motetten und Chorlieder:
- Ach Herr, ich bin nicht wert
- Christum wir sollen loben schon
- Der Tag hat sich geneiget
- Die Sonne geht von hinnen
- Es geht ein dunkle Wolk herein
- Gott der Vater wohn bei uns
- Heut triumphieret Gottes Sohn
- Jesus Christus gestern und heute
- Lobt Gott ihr Christen
- Macht hoch die Tür
- Nun freut euch, liebe Christen
- Nun ruhen alle Wälder
- O Heiland, reiß die Himmel auf
- O Mensch, bewein dein Sünde groß
- Vom Himmel hoch, o Englein kommt
- Wacht auf, es tut Euch not
- Wie schön leuchtet der Morgenstern
Das Hugo-Distler-Archiv befindet sich in der Stadtbibliothek von Lübeck.
- Hugo Distler: Funktionelle Harmonielehre. Bärenreiter, Kassel 1951.
- Ursula von Rauchhaupt: Die vokale Kirchenmusik Hugo Distlers. Eine Studie zum Thema „Musik und Gottesdienst“. Mohn, Gütersloh 1963.
- Wolfgang Jennrich: Hugo Distler. Union, Berlin 1970.
- Ursula Herrmann: Hugo Distler. Rufer und Mahner. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1972.
- Hermann Grabner: Hugo Distler. In: Komponisten in Bayern. Band 20. Schneider, Tutzing 1990, ISBN 3-7952-0652-9.
- Casper Honders: In der Welt habt ihr Angst. In: Dietrich Schuberth (Hrsg.): Kirchenmusik im Nationalsozialismus. Merseburger, Kassel 1995, ISBN 3-87537-263-8, S. 144–153.
- Dirk Lemmermann: Studien zum weltlichen Vokalwerk Hugo Distlers. Analytische, ästhetische und rezeptionsgeschichtliche Untersuchungen unter besonderer Berücksichtigung des Mörike-Chorliederbuches. Lang, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-631-30127-8.
- Stefan Hanheide (Hrsg.): Hugo Distler im Dritten Reich. Rasch, Osnabrück 1997, ISBN 3-930595-75-3.
- Bettina Schlüter: Hugo Distler. Musikwissenschaftliche Untersuchungen in systemtheoretischer Perspektivierung. Elektronische Ressource CD-ROM. Steiner, Stuttgart 2000, ISBN 3-515-07763-4. (Online-Version (PDF))
- Dirk Lemmermann, Michael Töpel: Art. Hugo Distler. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Personenteil, Band 5. Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 3-476-41009-9, Sp. 1094–1103.
- Winfried Lüdemann: Hugo Distler. Eine musikalische Biographie. Wißner, Augsburg 2002, ISBN 3-89639-353-7.
- Barbara Distler-Harth: Hugo Distler. Lebensweg eines Frühvollendeten. Schott Music, Mainz 2008, ISBN 978-3-7957-0182-6.
- Till Sailer: Hugo Distler in Strausberg. Die letzten Jahre des Komponisten der „Weihnachtgeschichte“. Texte – Gespräche – Briefe. Trafo, Berlin 2008, ISBN 978-3-89626-787-0.
Hugo Distler - Artikel des Tages
Anna Akhmatova et Marina Tsvetaeva
Deux femmes russes poètes prises au coeur de la tourmente russe du début du siècle, deux femmes russes reclues dans leur oeuvre
face à un monde hostile. Ces deux russes russes sont le visage de la Russie ancienne et moderne.
Femme russe Hugo Distler - In den Nachrichten
"Qu'une femme russe vaut bien plus, en somme que les hommes russes qui se battent, et que leur chagrin pour les hommes me fait aimer les femmes russes ici-bas."