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Harald Szeemann (* 11. Juni 1933 in Bern; † 18. Februar 2005 in Locarno im Tessin) war ein Schweizer Museumsleiter, Kurator und Ausstellungsmacher von internationalem Rang.
Inhaltsverzeichnis |
Harald (Harry) Szeemann entstammte einer österreichisch-ungarischen Familie. Sein Großvater Etienne Szeemann, ein polyglotter Friseurmeister, der zuvor in Budapest, Wien, London und als Schiffsfriseur gearbeitet hatte, ließ sich 1905 in der Schweiz nieder.[1] Harald Szeemann interessierte sich bereits während seiner Gymnasialzeit für Musik, Bildende Kunst und Literatur.
Nach der Matura 1953 studierte er Kunstgeschichte, Archäologie und Journalistik in Bern. Nach dem sechs-semestrigen Studium spielte er Ensembletheater und gründete schließlich ein Ein-Mann-Theater, bei dem er Hauptdarsteller, Textschreiber und Bühnenbildner zugleich war. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, betätigte er sich als Grafiker in einer Werbeagentur und war Kunstmaler und Texter. 1957 erhielt er zeitgleich ein Angebot von Leonard Steckel an das Schauspielhaus Zürich und von Franz Meyer, dem Direktor der Kunsthalle Bern, zur Organisation der Ausstellung "Dichtende Maler - Malende Dichter" im Kunstverein St. Gallen. Szeemann entschied sich für die Ausstellung, die er Hugo Ball widmete. 1958 heiratete er Françoise Bonnefoy, 1959 wurde der Sohn Jérôme Patrice und 1964 die Tochter Valére Claude geboren
Als Student am Institut d'Art ed d'Histoire der Sorbonne in Paris arbeitete er an der Nationalbibliothek und hatte Kontakt mit Jean Tinguely und Constantin Brâncuşi. 1960 promovierte er (magna cum laude) über Die Anfänge der modernen Buchillustration der Nabis (und ihre Kontakte zu Revue Blanche, Théâtre de l'Oeuvre, Alfred Jarry, Ambroise Vollard) an der Universität Bern. Während eines Aufenthaltes in Paris schlug ihm Arnold Rüdlinger, ehemaliger Direktor der Berner Kunsthalle, vor, sich als Nachfolger von Franz Meyer zu bewerben. Szeemann wurde vom Stiftungsrat zum Leiter der Berner Kunsthalle ab 1961 gewählt. Mit 27 Jahren war er seinerzeit der jüngste Kurator einer international bekannten Kunstinstitution. Die Kunsthalle leitete er bis 1969.[2]
Szeemann war in zweiter Ehe mit der Künstlerin Ingeborg Lüscher verheiratet, die er 1972 während der Documenta 5 in Kassel kennen gelernt hatte. 1974 siedelte er von Bern nach Civitanova Marche (Italien) über. 1975 wurde die gemeinsame Tochter Una Alja, heute Künstlerin, geboren. 1978 ließ sich die Familie im Dorf Tegna im Tessin, Schweiz nieder.
«U wäge dem säg i immer, also anunfürsich die Uufgaab äh Usschtellige zmache und äs Läbe lang mit de Chünschtler zverbringe, wo für mi die ideale Gsellschaft si – wo mes immer mit eim ztüe hät und quasi also die Gsellschaft sich us Additione vo Begägnige zammesätzt, muess me mit Häärz läbe.»
– Harald Szeemann am 31. Dezember 2000 in: Das prominente Mikrophon, Schweizer Radio DRS 1 [3]
Die ausgestellten Werke waren ursprünglich als Kunst von Geisteskranken in Universitätskliniken in Bern, Lausanne und Paris und von Hans Prinzhorn gesammelt worden. Für Werke der Sammlung Prinzhorn war es die erste Ausstellung nach der NS-Zeit. Szeemann, als Leiter der Kunsthalle und Macher der Ausstellung, zeigte sie im Hinblick daraufhin, dass die mentalen Produktionsstätten für Abseitiges nicht außerhalb, sondern innerhalb der Gesellschaft liegen, und brachte damit den internationalen Diskurs über Hochkunst und „Irrenkunst” (Art Brut) in Bewegung.[4]
Christo und Jeanne-Claude erhielten von Szeemann die Gelegenheit, ihr erstes Gebäude zu verpacken: Die Kunsthalle Bern[5].
Mit der vielfach als legendär bezeichneten Ausstellung „Live in your head: When Attitudes become Form” (Wenn Attitüden Form werden) mit dem Untertitel „Werke – Konzepte – Prozesse − Situationen – Information” beschritt Szeemann eine neue Form der Inszenierung. Bei dieser Ausstellung stand nicht die chronologisch oder thematisch geordnete Präsentation im Vordergrund. Die Werke der zeitgenössischen Künstler, die neue Kunstformen wie Installation, Land Art, Environment und Happening einbezogen, traten durch die Konzeption des Kurators in einen spannungsreichen Dialog. Viele Arbeiten entstanden erst „vor Ort” im Museum. Szeemanns Anspruch war „…gegen die Dominanz von Tachismus und geometrischer Kunst neue künstlerische Formen“ zu zeigen „die aus keinen vorgefaßten bildnerischen Meinungen, sondern aus dem Erlebnis des künstlerischen Vorgangs entstanden sind." In dem Ausstellungskatalog mit den ausführlichen Titel „Live in your head. When Attitudes Become Form. Works-Concepts-Processes-Situations-Information. Wenn Attitüden Form werden. Werke-Konzepte-Vorgänge-Situationen-Information” wurden insgesamt 69 Künstler vorgestellt, jedoch in der Ausstellung aus technischen Gründen nur die Arbeiten von 40 Künstlern gezeigt. [6]
Er erarbeitete in „Einklang mit den Künstlerinnen und Künstlern seiner Generation parallel zur Erweiterung des Kunstbegriff neue Präsentationsformen. Szeemann versammelte in seiner Ausstellung europäische und amerikanische Künstlerinnen und Künstler der jüngsten Generation, neue Namen wie Richard Serra, Robert Morris, Michael Heizer, Eva Hesse, Bruce Nauman, Joseph Beuys, Mario Merz, Richard Artschwager und Lawrence Weiner, deren Arbeiten in Bern vor Ort entstanden”[7]. Zu den ausgestellten Künstlern zählten auch Jannis Kounellis, Reiner Ruthenbeck und Sarkis Zabunyan. Die Ausstellung reiste anschließend von der Kunsthalle Bern zum Museum Haus Lange in Krefeld und zum Institute of Contemporary Arts in London [8]. Die Ausstellung When Attitudes become Form führte zur Entfremdung mit dem Kuratorium der Kunsthalle, das ihm eine anschließende Ausstellung mit Werken von Joseph Beuys verweigerte: Szeemann kündigte.
Beide Institutionen gründete Szeemann nach seinem Abschied von der Kunsthalle Bern als produktive Konzepte und Werkzeuge in seiner Vorstellungswelt. Die Agentur für geistige Gastarbeit brachte die Ausstellung „Junggesellenmaschinen/Les Machines Célibataire“ hervor und half ihm, die Dokumenta 5 zu überstehen. Das Museum der Obsessionen erfand Szeemann nach der Documenta, um seiner Agentur eine Arbeitsrichtung zu geben, in der sich bestimmte Ausstellungsprojekte aufeinander beziehen. [9]
Szeemann war der jüngste Leiter einer Documenta in Kassel und die Documenta 5 mit dem Titel „Befragung der Realität – Bildwelten“ gilt Vielen als die bisher wichtigste. Szeemann begriff die Dokumenta als Geschehen für 100 Tage: Folglich lud er die Künstler dazu ein, nicht nur Malerei und Skulpturen zu zeigen, sondern auch Performances und "Happenings". Szeemann brach mit der kuratorischen Konvention, alle Werke im Einzelnen auszuwählen. Stattdessen gab er Künstlern Gelegenheit, für eine bestimmte Situation frei zu produzieren.
Die Ausstellung reiste zu 9 Ausstellungsorten in Europa, unter anderem zur Biennale Venedig, zum Museum des 20. Jahrhunderts (heute Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig) in Wien und zum Stedelijk Museum Amsterdam.[10]
„Eine Junggesellenmaschine ist ein phantastisches Vorstellungsbild, das Liebe in einen Todesmechanismus umwandelt. […] Eine Junggesellenmaschine ist zunächst eine unwahrscheinliche Maschine. […] 'ihre' Hauptstruktur beruht auf mathematischer Logik. Die Junggesellenmaschine besteht immer aus zwei Bildbereichen, dem sexuellen und dem mechanischen, beide unterteilen sich wieder in einen männlichen und einen weiblichen Bereich“, schrieb Michel Carrouges in Les Machines Célibataires (Arcanes Paris 1954, rééd. revue et augmentée, Le Chêne, 1975).
Die Ausstellung traf den Nerv der Zeit und war visionär, denn sie führte in geistesgeschichtliche Hintergründe technischer und gesellschaftlicher Umwälzungen, die unter Anderem als Digitalisierung bis heute fortwirken (siehe „Cyberspace und Junggesellenmaschinen“ in Ars Electronica, ARTificial Intelligence & ARTificial ART[11]).
Szeemann war Mitveranstalter und führte die Ausstellungen „Aperto“ für junge Künstler ein.
Die Fakultät für Architektur, Accademia di Architettura, an der Università della Svizzera italiana (USI), der ersten Universität der italienischen Schweiz, wurde durch Szeemann während der folgenden sechs Gründerjahre mitgeprägt.
Szeemann war Direktor der Sparte „Visuelle Kunst“ der 48. und 49. Biennale von Venedig (1998–2002). Er erweiterte die Ausstellungsfläche um frei gewordene Industriebrachen und schaffte das Generalthema und die Altersbeschränkung ab.
Szeemann war seit 1981 „permanenter freier Mitarbeiter des Kunsthauses Zürich”. [12]
Die berühmt gewordene Ausstellung konzipierte Szeemann für das Kunsthaus Zürich [13], sie wurde anschließend im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien, im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf und 1984 auch in Berlin gezeigt. In Zürich wurde sie am 11. Februar 1983, fast genau zu Richard Wagners 100. Todestag, eröffnet, der als Begründer des musikalischen Gesamtkunstwerks gilt. In der Ausstellung waren über 300 Objekte, Architekturmodelle, Partituren, Zeichnung und Gemälde versammelt, die als Gesamtkunstwerke die europäischen Utopien von 1790 bis heute repräsentierten. Szeemann wollte die Ausstellungsstücke nicht auf ihre ästhetische Wirkung beschränken, sondern mit ihnen „eine Umwandlung der sozialen Wirklichkeit zu einer erneuerten Gesellschaft” aufzeigen.
Szeemann stellte unter anderem den Merzbau von Kurt Schwitters, rekonstruiert von dem Schweizer Bühnenbildner Peter Bissegger, die Kathedrale Sagrada Família von Antoni Gaudí, die letztlich utopischen Kirche der heiligen Familie in Barcelona, den Monte Verità bei Ascona, aber auch Anselm Kiefers mythologische Allegorien vor. „…durch eine Ausstellungsstrategie, die die Exponate in Ihre kulturkritischen, philosophischen und religiösen Sinnkontext einordnete, machte diese Züricher Schau diese Tenzenz (zum Gesamtkunstwerk) in ihrer gesamten Breite sichtbar und legte damit eine Tiefenströmung der modernen Kunstentwicklung frei…” [14].
Für das Kunsthaus Zürich konzipierte und organisierte Szeemann eine vom 26. November 1993 bis 20. Februar 1994 stattfindende Retrospektive über das Werk von Joseph Beuys. Nach Beendigung der Ausstellung hatte sie weitere Stationen im Museo Reina Sofía, Madrid und, unter anderer kuratorischer Betreuung, im Centre Georges Pompidou, Paris. [15]
Szeemann gehörte seit 1961 dem Collège de ’Pataphysique an, war seit 1997 Mitglied der Akademie der Künste (Berlin) und Träger des Max-Beckmann-Preises. Im April 2006 erhielt Szeemann posthum die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Szeemann, Harald |
| KURZBESCHREIBUNG | Schweizer Kurator, Leiter der Berner Kunsthalle (1961−1969), Kurator der Documenta 5 und der Biennalen Venedig (1999−2001) |
| GEBURTSDATUM | 11. Juni 1933 |
| GEBURTSORT | Bern |
| STERBEDATUM | 18. Februar 2005 |
| STERBEORT | Tessin |