Der Begriff Expressionismus wird aus den beiden lateinischen Wörtern „ex“ und „premere“ zusammengesetzt, die zunächst „ausdrücken“ bedeuten. Wenn man daher vom Expressionismus spricht, meint man eine „Ausdruckskunst“. Es werden also innerlich gesehene Wahrheiten und Erlebnisse dargestellt, nicht die Lichtreize, wie sie auf das Auge fallen.
Als Begriff wurde der Expressionismus 1911 von Kurt Hiller geprägt, der damit die Epoche von etwa 1910 bis etwa 1925 beschreibt, obwohl auch nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutende Werke entstanden sind, die inhaltlich dem Expressionismus zuzuordnen sind. Die Epoche ist geprägt vom antibürgerlichen und antinationalistischen Denken vieler Intellektueller in der wilhelminischen Zeit und wendet sich stark subjektiven, existentiellen und gesellschaftsrelevanten Themen zu. Beispiele dafür sind politische Repressionen, die Großstadtproblematik während der sich noch entwickelnden Industrialisierung,[1] gesellschaftlichen Machtmechanismen (familiäres und gesellschaftliches Patriarchat, sexuelle Besessenheit).
Texte großer Autoren späterer Zeit wie Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, Carl Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ oder Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ lassen noch immer Einwirkungen der expressionistischen Kunst erkennen.
Stilistisch sind expressionistische Schriften vielfältig, deshalb ist der Expressionismus als Epochenbegriff nicht unumstritten. Teilweise werden einige Werke von Heinrich Mann, Franz Kafka oder Arnolt Bronnen dem Expressionismus zugerechnet, obwohl gerade Kafka ein Kritiker der Bewegung war.[2] Es bleibt aber als verbindendes Element ein ausgesprochenes „Wir-Gefühl“ in einem meist sozialkritischen Kontext.
Expressionistische Autoren lehnen sich auf gegen eine „Enthumanisierung“ durch die Industrialisierung und warnen vor einer Gesellschaft ohne Rücksicht und Moral. Sie fühlen sich von der Anonymität der Großstadt und von Maschinen, die durch die sprunghaft wachsende Industrie allgegenwärtig sind sowie durch die diktatorische Autorität der Großunternehmer bedroht und selbst zur Maschine degradiert. Dazu kommen die verstärkte Militarisierung und die turbulente Außenpolitik nach dem Ersten Weltkrieg sowie dem Vertrag von Versailles (1919) mit immensen Forderungen an die Weimarer Republik, den damit verbundenen wirtschaftlichen Problemen und einer politischen Destabilisierung.
Eine Antwort darauf suchen Geisteswissenschaftler wie Henri Bergson (1859–1941), der zu beweisen suchte, nur die Intuition (die innere Anschauung, nicht der „zergliederte“ Verstand) könne das Wesentliche erfassen, oder als Nachfolger Oswald Spengler mit seinem Essay „Der Untergang des Abendlandes“. Friedrich Nietzsche fordert den neuen Menschen (den „Übermenschen“), der dem Neuen ungeachtet der Gefahren entgegengehen solle (Seiltänzer im Werk „Zarathustra“).
Die junge Generation kritisierte die sozialen Missstände. Sie hatte, ähnlich dem Sturm und Drang, den festen Willen zur Erneuerung und kämpfte für geistige und schöpferische Freiheit. Die jungen Expressionisten hingegen versuchten neben diesen Zielen vor allem die Welt vor einem bevorstehenden Chaos zu retten. So entstanden düstere Visionen vom Weltende. Diese Gemütslage lässt sich unschwer im Gedicht „Aufbruch der Jugend“ von Ernst Wilhelm Lotz erkennen.
Die meisten kritischen Autoren sind Vertreter bürgerlich-gebildeter Schichten. Der Hintergrund dieses scheinbaren Paradoxons ist die erstarrte Bildung, d. h., es wurden Ideale gelehrt, die schon lange nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinstimmten. Diese Widersprüche fielen der Jugend auf und verunsicherten ihre persönlichen Wertvorstellungen. So kam es, dass die Karriere verdrängt wurde und sich die neuen Künstler entweder als Verkünder einer neuen Zeit verstanden oder sie sich einfach nur von Konventionen befreien wollten.
Als erste Vertreter des Expressionismus gelten u. a. die Zeitschrift Der Sturm (1910 - 1932) von Herwarth Walden (darunter Beiträge von Walter Serner), Die Aktion (1911 - 1932) von Franz Pfemfert oder Jakob van Hoddis, der im Gedicht „Weltende“ (1911) durch eine Sukzession von Bildern die Dynamik und Zerrissenheit des Großstadtlebens beschreibt.
Die Autoren traten nun für einen kompletten Bruch mit der Vergangenheit ein und setzen sich das Ziel, sich selbst zu finden und die Welt zu retten. Die Erfolge der Vatergeneration (Sieg über Frankreich, Bildung des deutschen Reiches), sowie die o. g. zeitgeschichtlichen Ereignisse ließen die junge Autorengeneration nach Idealen und eigener Identität suchen. Im Alltagstrott entwickelten einige Expressionisten den Gedanken, durch kriegerische Zerstörung den Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft zu erreichen[3]). Eng verbunden ist hiermit auch der Wunsch der irdischen Apokalypse, die sich das Utopia nach dem totalen Umbruch auf der Erde vor allem im Rahmen neuer gesellschaftlicher Verhältnisse vorstellt.
Autoren wie Gottfried Benn und Georg Trakl verarbeiten grausam-triebhafte Gedanken bildlich nach Art des französischen Symbolismus. Die kriegerische Realität findet bei August Stramm Ausdruck in seinen Wortgedichten. Weitere Einflüsse kommen aus Barock, Romantik oder lyrisch z. B. durch Arthur Rimbaud hinzu. Poetische Werke waren durch Allegorie, Bildverdichtung und Typisierung gekennzeichnet.
Die Brücke zum Film schlägt Georg Kaiser mit dem ersten deutschen Großstadtdrama „Von Morgens bis Mitternachts“ (1920, Verfilmung als kinematographischer Expressionismus 1920). Nach der Erzählung (in Prosa) kommen mit Bühne und Film zunehmend Einakter (z. B. von Oskar Kokoschka) und filmisch umgesetzte Dramaturgie im Stil der 20er und 30er Jahre zum Zug.
Der erste Weltkrieg verändert den Expressionismus. Vor Kriegsausbruch wird der Krieg in der Lyrik häufig als Motiv herangezogen, um die Überwindung des Bestehenden (z.B. in „Krieg I“ von Georg Heym) und den Aufbruch zu Neuem (z.B. in „Der Aufbruch“ von Ernst Stadler) zu thematisieren. Nach Kriegsausbruch hingegen entstehen in Bezug auf das Kriegsmotiv fast ausschließlich Gedichte, die die Fronterfahrungen der Autoren widerspiegeln. Die Perspektive auf vertraute Umgebungen ändert sich radikal (z.B. in „Patrouille“ von August Stramm) und subjektive Erfahrungen werden nicht nur verarbeitet, sondern auch datiert (z.B. in „Grodek“ von Georg Trakl). Eine große Zahl von Autoren des Expressionismus stirbt im Ersten Weltkrieg.
Erst durch Fronterfahrungen und Elendszeit nach dem Krieg entstanden ein zunehmender Pazifismus und die Verfluchung der technischen Massenvernichtung im Rahmen einer radikalpazifistischen Stoßrichtung. Somit standen nicht mehr (wie im Frühexpressionismus) Fantasien düster-morbider Visionen im Vordergrund, sondern politisch linksradikale Modelle einer (alternativen) neuen Gesellschaft, wobei oft die eigentliche soziale Botschaft hinter vagen, nicht näher bezeichneten Erlösungsutopien in den Hintergrund tritt.
Vertreter aus der Dramatik sind Ernst Toller oder Ernst Barlach mit politisch motivierten Texten (viele davon auch als Bühnenstücke umgesetzt). Unter den Expressionisten herrschte noch immer ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl, so dass sich Vereinigungen wie „Der Charon“ bildeten. Diese gaben Zeitschriften wie „Der Sturm“, „Der Brenner“, „Die Aktion“, „Das neue Pathos“ oder die berühmte Zeitschrift „Die Brücke“ heraus. Letztere wurde von Karl Röttger (1877–1942) herausgegeben, um die Ideen der „Charontiker“ bekanntzumachen.
Diese Publikationen versuchten die Programme dieser Bewegung öffentlich zu kommunizieren, darunter der revolutionär-marxistische Aktivismus in den Ziel-Jahrbüchern Kurt Hillers. Der Gedanke der Menschheitserneuerung durch das Dichterwort zeigt die Naivität der Expressionisten nach dem Zusammenbruch der Räterepublik nach dem Krieg. Autoren wie Bertolt Brecht wandten sich deshalb von den eigenen Idealen ab und sahen mit Frank Thiess das „Ende der Republik“ gekommen. Antworten darauf finden sich im Dadaismus und in der Neuen Sachlichkeit (eigentlich die Resignation auf die Ideale des Expressionismus). Der in den 30er Jahren von Georg Lukács geäußerte Vorwurf der „Affinität zum Faschismus“ schießt allerdings über das Ziel hinaus und ist zurecht heftig umstritten. Das Erbe des Expressionismus ist eher im Surrealismus zu suchen und der Beeinflussung jüngerer Autoren wie Friedrich Dürrenmatt.
In den Zeitschriften wurden wiederholt politische Thesen und sozialistische Forderungen veröffentlicht. Vielfach handelten Texte von Themen wie Frieden, Weltverbrüderung von zahlreichen heute nicht mehr bekannten Autoren und Journalisten.
Nicht wenige Expressionisten fühlten sich zum Sozialismus als einem neuen Ideal hingezogen. Sie verurteilten den aufkommenden Nationalismus, in dem sie eine Bedrohung sahen. Einige, wie Nolde, waren NSDAP-Mitglied und Maximilian Rosenberg empfahl den Expressionismus als „Deutsche Kunst“. Mit der Bücherverbrennung 1933 in Deutschland setzte eine Behinderung und ab 1937 eine Verfolgung expressionistischer Künstler ein. Ob der Nationalsozialismus das Ende der Epoche herbeigeführt bzw. beschleunigt hat, ist spekulativ, da nach 1925 nur noch wenige bedeutende Werke erschienen, die expressionistisch geprägt sind und die gesellschaftlichen Umstände, in denen der Expressionismus eingebettet war, sich grundlegend gewandelt hatten.
(Die zunächst unter dem Einfluss des Expressionismus standen, sich dann abwandten oder ihm nicht eindeutig zuzuordnen sind)
(siehe auch: Dadaismus)
Die Namensgebung: Der Legende nach wurde einmal ein Federmesser in ein deutsch-französisches Lexikon gesteckt, das den Blick auf „dada = kindliche Bezeichnung für Holzpferdchen“ lenkte. Doch selbst die Dadaisten waren sich nicht einig, was „Dada“ bedeutet. Zum 50. Jubiläum des Dadaismus schrieb Hans Arp folgende Verse zur Titelfrage:
So „unvernünftig“, wie dieser Titel also ist, so „ohne Vernunft“ war auch das Denken der Dadaisten. Man war der Meinung, dass die menschliche „Vernunft“ es so weit gebracht hatte, dass sich beispielsweise die Völker in Kriegen vernichteten. Deshalb verlangten die Schriftsteller eine „Rückkehr der menschlichen Naivität“ und einen „Verzicht auf jede Logik“. Ohne Zweifel sind diese Forderungen auch im Schreibstil der Dadaisten erkennbar. Oft wurden Worte oder Sätze ohne logischen und grammatischen Zusammenhang aneinandergereiht oder das Ergebnis eines Werkes war absurd und aussagelos.
Kurt Schwitters Titelgedicht zu „An Anna Blume“ (1919) gipfelte beispielsweise einmalig und völlig unerwartet in der erschütternden Feststellung:
„Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du Herrlichste von allen, du bist von hinten wie von vorne: »a-n-n-a«...“
Äußerst interessant sind auch Kurt Schwitters so genannte „visuelle Gedichte“, die nicht durch ihren Inhalt, sondern durch den Einfall und das Arrangement glänzen.
(siehe auch: Arbeiterliteratur)
Auch Arbeiter wollten an der Zeit des Frühexpressionismus teilhaben. Sie betonten in ihrer Dichtung ihren Stolz und ihr Selbstbewusstsein und bekannten sich zu ihrer Arbeit.
Sie dachten sozialdemokratisch und ordneten sich in die Gesamtheit des Volkes ein.
Arbeiterdichter waren u. a. Heinrich Lersch, Gerrit Engelke, Karl Bröger, Paul Zech und Max Barthel.
Am besten waren die Gedanken der „Epoche des Ausdrucks“ in der Lyrik auszudrücken. In ihr konnten die Probleme besonders klar schon von der Wurzel angesprochen werden. Ausdrucksfülle sollte die unmittelbaren, nicht selten anklagenden Gefühle mitteilen.
Bedeutend für die expressionistischen Dichter war nicht die eigene Situation und persönliche Schwierigkeiten, also nicht die eigene Persönlichkeit, sondern die Beziehungen aller Menschen untereinander. Fortlaufend wurde an Humanität, Menschenliebe (so u. a. in Gottfried Benns „Der Weltfreund“) und Frieden appelliert; Krieg, (Völker-) Hass und Tod waren dagegen, insbesondere für die kriegsteilnehmenden Dichter, „Horrorvision“ und Angriffspunkt (Gedichte wie „Der Krieg“ von Georg Heym, „Grodek“ von Georg Trakl, „Der Aufbruch“ von Ernst Stadler).
Kennzeichen expressionistischer Lyrik sind:
Die Erzählkunst des Expressionismus ist von eher geringer Bedeutung. Denn die wohlüberlegte Struktur eines epischen Werkes stand der Ausdruckskunst gegensätzlich gegenüber und es fiel schwer, das eigene Fühlen zum Ausdruck zu bringen. So gewannen kleine Formen hierbei an Bedeutung. Autoren wie Klabund (eigentlich Alfred Henschke) und Kasimir Edschmid versuchten sich zwar in der expressionistischen Epik, doch hatten sie nur mit wenigen dieser Werke Erfolg. Bekannt sind lediglich Klabunds „Kreidekreis“, zudem „Moreau“ und sein „Mohammed“, Leonhard Frank schrieb „Die Räuberbande“. Der wichtigste Erzähler der Zeit, Alfred Döblin (1878–1957), erlangte durch den Roman „Berlin Alexanderplatz“ Weltruhm. Gottfried Benn schrieb zahlreiche Essays und blieb mit „Gehirne“ als essayistischer Erzähler dem Expressionismus verhaftet. Heinrich Mann schrieb wichtige Romane wie „Professor Unrat“ (1904) sowie „Der Untertan“ (1915); nicht zuletzt gelang es Franz Kafka in leiseren Erzählungen expressionistische Formen zu gestalten.
Im Drama konnten expressionistische Schriftsteller ihre Ideen der Wandlung wirkungsvoll demonstrieren. Daher übernahm es damals neben der beherrschenden Lyrik eine wichtige Rolle. Die Geburt des neuen, gewandelten Menschen wurde gezeigt und als Beispiel dargestellt (z. B. „Die Wandlung“ von Ernst Toller).
Unterstützt wird das Drama durch Musik, Tanz, Pantomime, Bühnenbild und Lichteffekte. Die Personen werden nicht als individuelle Wesen, sondern typisiert dargestellt („Mann“, „Frau“, „Tochter“, …). Die Charaktere werden oft übersteigert oder grotesk verzerrt, um die Seele aufzudecken; oftmals fehlt die Ausgestaltung der individuellen Wesenszüge. Meist wurde als Hauptfigur ein junger Mensch ins Zentrum gesetzt, der Konflikte mit den Schicksalsgewalten, mit der engstirnigen Gesellschaft oder mit dem eigenen Vater austrug.
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Anna Akhmatova et Marina Tsvetaeva
Deux femmes russes poètes prises au coeur de la tourmente russe du début du siècle, deux femmes russes reclues dans leur oeuvre face à un monde hostile. Ces deux femmes russes sont le visage de la Russie ancienne et moderne.
"Qu'une femme russe vaut bien plus, en somme que les hommes russes qui se battent, et que leur chagrin pour les hommes me fait aimer les femmes russes ici-bas."