Als „Endlösung der Judenfrage“, kurz „Endlösung“, bezeichneten die Nationalsozialisten seit Juli 1941 die angestrebte und bis zum 8. Mai 1945 systematisch betriebene möglichst vollständige Ausrottung der von ihnen als Juden definierten Personen in Europa und darüber hinaus.[1] Dieser Euphemismus sollte den Holocaust (die Shoa) nach außen tarnen, nach innen ideologisch rechtfertigen.
Zuvor und bis Sommer 1942 auch noch parallel bezeichnete der NS-Begriff die staatlich organisierte Vertreibung und Deportation („Umsiedelung“, „Evakuierung“) der osteuropäischen und deutschsprachigen Juden, die seit etwa 1880 von deutschen Antisemiten gefordert worden war.
Seit Mai 1945 wird „Endlösung“ fast nur noch als Kürzel für den Holocaust in der Sprache des Nationalsozialismus gebraucht; andere Bedeutungen spielen in der deutschen Alltagssprache keine Rolle mehr.[2] Viele Darstellungen des Holocaust zitieren den Ausdruck (englisch final solution, französisch solution finale), im Deutschen meist in distanzierenden Anführungszeichen.
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Als „jüdische Frage“ bezeichnete man seit etwa 1750 zunächst in Großbritannien (jewish question), seit der Französischen Revolution 1789 auch in Frankreich (la question juive) umstrittene Schritte zur Jüdischen Emanzipation und der damit verbundenen Probleme.
In Deutschland erschien 1843 Bruno Bauers Aufsatz „Die Judenfrage“. Seither beschäftigten sich Hunderte von Traktaten, Pamphleten, Zeitungsartikeln und Büchern damit. Unter den vorgeschlagenen „Lösungen“ dieses „Problems“ waren Assimilations-, Umsiedelungs- und Ausweisungsvorschläge von Judengegnern ebenso wie Integrations-, Erziehungs- und Tolerierungskonzepte von Liberalen oder Philosemiten.[3] In dieser Debatte war also noch nicht entschieden, ob die „Judenfrage“ die Probleme der deutschen Juden mit ihren Gegnern beschrieb oder umgekehrt deren Problem mit ihrem Dasein.
Etwa seit 1860 erhielt der Begriff zunehmend antisemitischen Sinn: Juden wurden unter diesem Titel immer öfter als Hindernis für Identität und Zusammenhalt der Nation und als Fremde im eigenen Land definiert. Antisemiten wie Wilhelm Marr, Karl Eugen Dühring, Theodor Fritsch, Houston Stewart Chamberlain, Paul de Lagarde und andere erklärten die Judenfrage zum durch Integration unlösbaren Rassenproblem, um ihre Forderungen nach „Entjudung“ der Presse, von Bildung, Kultur, Staat und Wirtschaft, der Ächtung von „Mischehen“ usw. plausibel erscheinen zu lassen und die Juden aus vermeintlich dominierender gesellschaftlicher Stellung zu verdrängen.[4]
Frühe Antisemiten etablierten parallel zur allmählichen rechtlichen Gleichstellung der Juden eine Sprache der Entmenschlichung im öffentlichen Diskurs, in der mittels Metaphern aus der Tier- und Pflanzenwelt viel vom „Ausmerzen“, „Ausschalten“, „Beseitigen“, „Entfernen“, „Unschädlichmachen“, „Vertilgen“ oder sogar „Ausrotten“ der Juden – analog zum Umgang mit Krankheitserregern, Insekten oder Parasiten – die Rede war. Als Mittel dazu wurden u. a. Einwanderungs- und Berufsverbote, die Sterilisation zur Verhinderung von Nachwuchs, der Entzug aller Bürgerrechte und wirtschaftliche Unterdrückungsmaßnahmen erörtert und gefordert.[5]
1881 verlangte Eugen Dühring in seinem populären Aufsatz Die Judenfrage als Rassen-, Sitten- und Kulturfrage als einer der ersten Antisemiten eine „endgültige Lösung der Judenfrage“.[6] Dazu erwog er ihre „völkerrechtliche Internierung“ in einer für sie bestimmten Region, forderte ein Ausnahmerecht, Vermögenskontrolle, die Deportation von jüdischen Kriminellen und letztlich die „Ausscheidung des Judentums durch den modernen Völkergeist“, um der eigenen Zerstörung vorzubeugen.[7]
Der Zionismus reagierte auf den Antisemitismus mit Vorschlägen zur freiwilligen Auswanderung der jüdischen Minderheiten in ein außereuropäisches Land, um ihr langfristiges Überleben zu sichern. Theodor Herzl begann nach Lektüre Dührings 1881 sein Zionistisches Tagebuch (erstmals veröffentlicht 1920).[8] Sein programmatisches Buch Der Judenstaat von 1896 trug den Untertitel: Der Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage. Darin hieß es:[9]
Ludwig Buechner dagegen befürwortete in einem Brief am 2. September 1884 eine Assimilation der Juden:[10]
Der evangelische Theologe und Vorsitzende des Vereins „Freunde Israels“ Johann Friedrich Carl Heman (1839–1919)[11] vertrat schon 1882 die Ansicht, dass „gründlich, endgültig und befriedigend die Judenfrage von den Juden selbst gelöst werden muß“.[12] Er befürwortete wie Herzl einen „Judenstaat“ und veröffentlichte dazu 1897 das Buch Das Erwachen der jüdischen Nation: Der Weg zur endgültigen Lösung der Judenfrage.[13] Die meisten Juden zogen es jedoch vor, im Vertrauen auf die allmähliche Durchsetzung des Liberalismus in den europäischen Zivilgesellschaften zu bleiben und an ihrer Demokratisierung mitzuwirken.
Um 1890 radikalisierten und organisierten sich die Antisemiten zunehmend. Theodor Fritsch forderte in seinem Antisemitencatechismus von 1887, den Antisemitismus in alle Parteien und Organisationen zu tragen, um so im Reichstag mehrheitsfähig zu werden und den Ausschluss der Juden per Gesetz zu erzwingen. In der zum Handbuch der Judenfrage umbenannten 28. Auflage von 1910 hieß es:[14]
Einen eigenen Staat der Juden in Palästina lehnte Fritsch ab. Der Zionismus treffe mit seiner Propaganda zur „Rückkehr der armen verfolgten Juden in die alte Heimat“ Palästina nur „die letzten Vorbereitungen zur Vollendung der jüdischen Weltherrschaft“.[15]
Das Programm der Deutschsozialen Reformpartei, die 1894 aus zwei Antisemitenparteien des Kaiserreichs hervorgegangen war, baute auf der Rassenlehre von Houston Stewart Chamberlain auf und sprach 1899 erstmals offen von der „Vernichtung“ der Juden:[16]
Zwar blieb die Vertreibung der Juden hier vorrangig, doch für den Fall, dass diese nicht realisierbar sei, wurde Vernichtung als Alternative dazu ins Auge gefasst. Auch das Gründungsprogramm der Deutschvölkischen Partei 1914 proklamierte, die endgültige „Lösung der Judenfrage“ werde zur „Weltfrage des 20. Jahrhunderts“ werden.
Diese Ziele etablierten sich bis zum Ende des Ersten Weltkriegs als Konsens der meisten deutschen Antisemiten. Für dessen Ausbruch machten sie das fiktive Kollektiv „der Juden“ ebenso verantwortlich wie für die Kriegsniederlage und deren Folgen.[17]
Das 25-Punkte-Programm der NSDAP von 1920 schrieb den Entzug der vollen Bürgerrechte, ein Berufsverbot für öffentliche Ämter und Presseleitung für die deutschen Juden, bei Erwerbslosigkeit ihre Ausweisung sowie die Vertreibung eines Großteils zugewanderter Juden fest. Damit übernahm es die Ziele der organisierten Antisemiten des Kaiserreichs. Die Methoden zur Umsetzung der antijüdischen Programmpunkte legte die NSDAP bis 1933 nicht fest.
Adolf Hitler hatte bereits 1919 in einem als Gutachten zur Judenfrage bestellten Brief an einen Parteifreund die „Entfernung des Juden überhaupt“ zu einem Ziel des Nationalsozialismus erklärt.[18] Dass „Entfernen“ für ihn das Ausrotten der Juden bedeutete, zeigte Hitler in den Folgejahren privat und öffentlich immer wieder, so in einer Rede über die Folgen des Versailler Vertrags vom 7. August 1920 in Salzburg:
„Denn denken Sie nicht, daß Sie eine Krankheit bekämpfen können, ohne nicht den Erreger zu töten, ohne den Bazillus zu vernichten, und denken Sie nicht, daß Sie die Rassentuberkulose bekämpfen können, ohne dafür zu sorgen, daß das Volk frei wird von dem Erreger der Rassentuberkulose. Das Wirken des Judentums wird niemals vergehen, und die Vergiftung des Volkes nicht enden, solange nicht der Erreger, der Jude, aus unserer Mitte entfernt ist.“
– Adolf Hitler: Rede in Salzburg, 7. August 1920
1922 zeichnete der Journalist und ehemalige Major der Reichswehr Josef Hell ein Gespräch mit Hitler auf, in dem dieser sich in etwa wie folgt geäußert habe:
„Wenn ich einmal wirklich an der Macht bin, dann wird die Vernichtung der Juden meine erste und wichtigste Aufgabe sein. Sobald ich die Macht dazu habe, werde ich zum Beispiel in München auf dem Marienplatz Galgen neben Galgen aufstellen lassen und zwar so viele, als es der Verkehr zuläßt. Dann werden die Juden gehängt, einer wie der andere, und sie bleiben solange hängen, bis sie stinken. So lange bleiben sie hängen, wie es nach den Gesetzen der Hygiene überhaupt möglich ist. Sobald man sie abgeknüpft hat, kommen die nächsten daran und das geschieht so lange, bis der letzte Jude in München ausgetilgt ist. Genauso wird in den anderen Städten verfahren, bis Deutschland vom letzten Juden gereinigt ist.“
– Josef Hell: Aufzeichnungen, 1922, ZS 640, p. 5, nach 1945 geordnet und gedruckt, hrsg. v. Institut für Zeitgeschichte
1924 in Mein Kampf entfaltete Hitler die rassistische Begründung dafür und griff dabei auch einen Gedanken Dührings auf:[19]
Diese Ideen wurden in der NSDAP Gemeingut. Am 3. April 1925 sagte Julius Streicher nach Neugründung der zuvor verbotenen Partei anstelle des Hauptredners Hitler, der damals in Bayern Redeverbot hatte:[20]
Diese „Lösung der Judenfrage“ war und blieb ein wichtiges Element der NS-Propaganda in der Weimarer Zeit, auch wenn der Antisemitismus ab 1929 etwas zurücktrat.
Nach dem Herrschaftsantritt der NSDAP im Januar 1933 begann die Verfolgung der deutschen Juden mit dem Nahziel, möglichst viele von ihnen zur „freiwilligen“ Auswanderung aus Deutschland zu nötigen, ökonomisch zu schwächen und gesellschaftlich auszugrenzen: zunächst durch „spontanen“ Terror der SA, ab 1934 auch der Schutzstaffel (SS), dann auch durch Staatsmaßnahmen wie den Judenboykott, das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums im April 1933 und die „Nürnberger Gesetze" von 1935.
Mit dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 verschärfte das NS-Regime seine antijüdischen Maßnahmen. Diese zielten nun auf die reichsweite Enteignung („Arisierung“), die vor allem Hermann Göring als neuer Wirtschaftsminister forcierte. Nach einer Terrorwelle österreichischer Nationalsozialisten ließ Reinhard Heydrich seinen „Judenreferenten“ Adolf Eichmann in Wien eine Zentralstelle für jüdische Auswanderung einrichten.
Parallel zur Kriegsvorbereitung dachten NS-Regimevertreter an die Geiselnahme, Inhaftierung und Ermordung deutscher und österreichischer Juden. So schrieb das SS-Organ Das Schwarze Korps am 3. November 1938:
Denn deutsche Juden seien Teil des Weltjudentums, das für alle etwaigen deutschen Kriegsschäden haften müsse.[21]
Nach den Novemberpogromen 1938 drohte Göring am 12. November 1938:[22]
Am 24. November 1938 stand im Schwarzen Korps unter der Überschrift Juden, was nun? zu lesen:[23]
Mit entsprechenden antijüdischen Gesetzen und Verordnungen, darunter der „Judenbuße“, mussten die Opfer der Novemberpogrome die Aufrüstung der Täter finanzieren. Ihre staatlich erzwungene Verarmung erschwerte die Auswanderung der Juden erheblich. Im Gegenzug ließ Göring am 24. Januar 1939 in Berlin die Reichszentrale für jüdische Auswanderung[24] mit dem Ziel gründen, „die Auswanderung der Juden aus Deutschland (…) mit allen Mitteln zu fördern“.[25]
Am 30. Januar 1939 kündigte Hitler erstmals im Reichstag die Judenvernichtung an. Hintergrund seiner Rede war die geringe Aufnahmebereitschaft demokratischer Länder für in Deutschland verfolgte Juden, die sich bei der Konferenz von Evian im Juli 1938 gezeigt hatte, sowie US-amerikanische und britische Reaktionen auf die Novemberpogrome und den Bruch des Münchner Abkommens, die Hitler auf den Einfluss der Juden in diesen Ländern zurückführte. Er sagte dazu:
Dann ging er zur offenen Drohung über:
Eine Woche zuvor hatte Hitler dem tschechischen Außenminister Frantisek Chvaldovsky gesagt, die Juden würden „vernichtet“ werden, falls man sie nicht an einen fernen Ort bringen könne. Wenn die angelsächsischen Länder dabei nicht kooperierten, hätten sie ihren Tod auf dem Gewissen.[27] Saul Friedländer zufolge bedeutete „Vernichtung“ hier noch keinen systematischen Ausrottungsplan, sondern ein einkalkuliertes Massensterben als Folge großangelegter Deportationen. Hitler habe die deutschen Juden als Faustpfand gegen das Ausland benutzt. Zugleich habe er seinen Anhängern schärfere antijüdische Maßnahmen im Kriegsfall in Aussicht gestellt und damit eine aktive Judenvernichtung nahegelegt. Dies markiere seine damalige „Suche nach radikalen Lösungen, mit einem Abtasten extremer Möglichkeiten“.[28]
Der Polenfeldzug brachte innerhalb weniger Tage auch 2,5 Millionen polnische Juden in den deutschen Machtbereich und erschwerte aus deutscher Regierungssicht zeitweise die Vertreibung deutscher und österreichischer Juden aus dem Altreich. Daraufhin wurden bis Ende 1939 etwa 200.000 Juden aus den besetzten Gebieten Osteuropas in das neugeschaffene ostpolnische Generalgouvernement deportiert oder vertrieben, um in Westpolen Volksdeutsche anzusiedeln. Zugleich wurden bis Ende 1939 etwa 90.000 Juden über die Grenze zum sowjetisch besetzten Ostpolen getrieben.[29]
Seit dem Polenfeldzug entwickelte Heydrich Ideen, die Juden aus dem „Altreich“ in ein „Judenreservat“ oder „Reichsghetto“ um Lublin zu deportieren. Dazu organisierte Eichmann zwischen dem 18. und 26. Oktober 1939 sechs „Versuchstransporte“ von insgesamt etwa 5.000 österreichischen und tschechischen Juden nach Nisko, wo sie in ein selbstgebautes Lager gesperrt und dann sich selbst überlassen wurden. Diese Aktionen wurden aber nach Protesten polnischer Zivilisten und deutscher Wehrmachtsoffiziere ab Oktober reduziert und am 14. April 1940 gestoppt. Zwangsdeportationen deutscher Juden wurden vorläufig zurückgestellt, da für sie in Ostpolen nicht genügend Platz vorhanden war.[30]
Deportationen, die Einrichtung von Ghettos vor allem im besetzten Polen und die Haftbedingungen in den Arbeitslagern (KZ) nahmen bereits zahlreiche Todesopfer unter den Betroffenen in Kauf. Zudem ermordeten eigens dazu aufgestellte Einsatzgruppen von September bis Dezember 1939 etwa 60.000 Angehörige der polnischen Führungsschicht, darunter etwa 7.000 Juden, um polnischen Widerstand gegen die deutsche Besetzung zu unterbinden.[31] Dies zeigte den Vernichtungswillen der Nationalsozialisten in den eroberten Gebieten.
Ab Frühjahr 1940 favorisierte das NS-Regime den schon im November 1938 angedachten Madagaskarplan. Dieser sah eine Zwangsaussiedelung von bis zu 5,8 Millionen überwiegend osteuropäischen Juden in die damalige französische Kolonie Madagaskar vor. Himmler arbeitete den Plan im Mai aus. Heydrich schrieb dazu an Joachim von Ribbentrop am 24. Juni 1940:[32]
Hitler beriet diese Idee mit Mussolini im Juni. Nachdem die deutsche Luftwaffe die Luftschlacht um England im September verlor, wurde der Plan illusorisch, blieb aber bis Februar 1941 in NS-Äußerungen präsent. Dann traten Pläne einer Massenabschiebung in entferntere Gebiete Osteuropas, etwa in die Prypjat-Sümpfe Weißrusslands oder die Eismeer-Lager Sibiriens, an seine Stelle. Dieter Pohl fasst zusammen:[33]
Ab September 1940 häuften sich im Schriftverkehr von NS-Behörden die Hinweise auf eine Verschärfung der bisherigen „Lösungsmodelle“. Ein Entwurf Eichmanns vom 4. Dezember 1940 unter dem Titel „Die Judenfrage“ beschrieb ein zweistufiges Vorgehen: Einer „Anfangslösung“, der Vertreibung der Juden durch Polizei und Sicherheitsdienste (SD, SS), sollte eine „Endlösung“ folgen: die „Umsiedelung der Juden aus dem europäischen Wirtschaftsraum des deutschen Volkes in ein noch zu bestimmendes Territorium“.
Am 21. Januar 1941 schrieb Eichmanns Mitarbeiter Theodor Dannecker in einer „Denkschrift“ an alle Dienststellen des Reichssicherheitshauptamts (RSHA):
Heydrich habe bereits von Hitler einen „Auftrag zur Vorlage eines Endlösungsprojektes erhalten“, den er aufgrund der „umfangreichen Erfahrungen in der Judenbehandlung und dank der seit längerer Zeit geleisteten Vorarbeiten […] in wesentlichen Zügen ausgearbeitet“ und dem Führer und dem Reichsmarschall (Göring) vorgelegt habe. Der Erfolg dieser „Riesenarbeit“ hänge von weiteren sorgfältigen Vorarbeiten zu einer „Gesamtabschiebung der Juden“ und „Ansiedlungsaktion in einem noch zu bestimmenden Territorium“ ab.[34]
Welches Gebiet gemeint war, ist unter Historikern umstritten: Wolfgang Benz sieht hier bereits eine Tarnfloskel für Ermordung[35], während Christopher Browning im Anschluss an Götz Aly die Sowjetunion annimmt, die zu überfallen man in diesen Wochen geheim plante.[36]
Am 12. März 1941 schrieb Eichmann an seine Mitarbeiter bereits routinemäßig über die „zweifellos kommende Endlösung der Judenfrage“ und begründete damit ein Auswanderungsverbot für Juden aus allen besetzten Gebieten: Deutschland solle als erstes Land Europas „judenrein“ werden.[37]
Der Krieg gegen die Sowjetunion 1941–1945 sollte nicht nur „Lebensraum im Osten“ erobern, sondern auch den „jüdischen Bolschewismus“ vernichten. Dieses Ziel hatte Hitler schon 1925 in Mein Kampf anvisiert.
Ab März 1941 wurde der Russlandkrieg als Vernichtungskrieg geplant und vorbereitet. Zugleich dachten die Nationalsozialisten immer mehr an eine organisierte Massenvernichtung der Juden und suchten nach geeigneten Methoden dazu.[38] Anfang März 1941 ordnete Hitler die gezielte Partisanenbekämpfung an; im Mai ließ Heydrich dazu sechs mobile Einsatzgruppen mit etwa 3.000 Mitgliedern aufstellen und für ihre besondere Mordaufgabe im Gefolge der Eroberungen ausbilden.
Mit dem Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941 unterstützten hochrangige Generäle der Wehrmacht diese geplanten Kriegsverbrechen.[39] Der Generalplan Ost vom 24. Juni 1941 sah vor, bis zu 30 Millionen Menschen zu deportieren, verhungern zu lassen oder zu erschießen.
Mit Kriegsbeginn am 22. Juni 1941 eskalierte die staatliche Judenverfolgung. Ab dem 24. Juni 1941 begannen die Einsatzgruppen mit systematischen Massenerschießungen von jüdischen Männern auf sowjetischem Gebiet.[40]
In den überfüllten polnischen Ghettos, die Hitler als „Durchgangslager“ für die endgültige Abschiebung ihrer Bewohner ansah, starben bereits Zehntausende an Hunger und Seuchen. Damit wuchs die Bereitschaft, die „Endlösung“ früher, schneller und mörderischer durchzuführen. So schrieb der für Posen verantwortliche SS-Sturmbannführer Rolf Heinz Höppner am 16. Juli 1941 an Eichmann:[41]
In Erwartung des baldigen Sieges über die Sowjetunion erhielt Himmler am 17. Juli 1941 Hitlers Auftrag zur „polizeiliche[n] Sicherung der neu besetzten Ostgebiete“. Daraufhin verdoppelte er in wenigen Tagen die Mitgliederzahl der Einsatzgruppen und hielt sie an, ihre „historische Mission“ schneller zu erfüllen. Am 1. August wies Gestapochef Heinrich Müller die Einsatzgruppenleiter an, der Reichskanzlei regelmäßig über ihre Mordergebnisse zu berichten. Ab dem 15. August wurden auch jüdische Frauen und Kinder wahllos ermordet.[42]
Am 29. Juli 1941 traf der Lagerkommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, in Berlin mit seinem Vorgesetzten Himmler zusammen, der ihm Monate zuvor den Lagerausbau befohlen hatte. Nach 1945 schrieb Höß, er habe bei diesem Treffen den Befehl zur „Massen-Vernichtung der Juden“ erhalten.[43]
Am 31. Juli 1941 schrieb Göring, den Hitler 1938 mit der „Gesamtlösung der Judenfrage“ beauftragt hatte, an Heydrich:[44]
Dem folgte zwischen September und Dezember 1941 – der genaue Zeitpunkt ist umstritten – die Entscheidung, noch während des Krieges alle europäischen Juden zu ermorden, derer das NS-Regime habhaft werden konnte.[45] Nun bezeichnete der Begriff Endlösung auch in der Behördensprache faktisch die Durchführung dieser Zielvorgabe, die nach außen weiter als vollständige „Umsiedlung“ in entfernte Ostgebiete getarnt wurde.
Anfang August geriet die deutsche Offensive erstmals, ab Mitte September erneut, ins Stocken; der erwartete Blitzsieg wurde illusorisch. Bis zum 13. September 1941 verbot Hitler die Abschiebung der deutschen, west- und südeuropäischen Juden, um sie nach dem erwarteten schnellen Sieg im Russlandfeldzug direkt in den fernen Osten deportieren zu lassen. Doch am 17. September ließ er Himmler wissen, das Reich und das Protektorat Böhmen und Mähren müssten „möglichst bald“ von Juden „geleert und befreit“ werden.
Der Gesinnungswandel hing auch mit dem seit der Atlantikcharta vom 4. August und U-Boot-Angriffen vom 11. September absehbaren Kriegseintritt der USA zusammen. Auch ein Rachemotiv ist denkbar: Hitler erfuhr um den 10. September herum, dass Stalin 400.000 Wolgadeutsche nach Sibirien transportieren lassen wolle. Die Briten flogen am 16. September einen Bombenangriff auf Hamburg, der viele Hamburger obdachlos machte. Nun gab Hitler dem Drängen des Gauleiters Kaufmann nach, für sie jüdische Wohnungen zu räumen. Himmler ließ daraufhin zunächst 60.000 deutsche Juden in das restlos überfüllte Ghetto Litzmannstadt deportieren und lieferte damit einen Großteil von ihnen dem sicheren Hungertod aus.[46] Fortan wurden größere Gruppen deutscher Juden in polnische Sammellager deportiert. Deren vorige Bewohner wurden zuvor oft massenhaft ermordet, um Platz für die Neuankömmlinge zu schaffen.
Am 5./6. September 1941 wurden im KZ Auschwitz I erstmals probeweise 900 Kriegsgefangene mit Zyklon B vergast. Mitte Oktober begann der Bau des ersten Vernichtungslagers Belzec. Im November erhielten vier der sechs Einsatzgruppen Gaswagen. Ab 8. Dezember folgten erste Vergasungen im Vernichtungslager Chelmno. Bis zum März 1942 waren laut Täterberichten und Schätzungen knapp 600.000 Juden ermordet worden.[47]
Am 8. Dezember 1941, einen Tag nach Japans Angriff auf Pearl Harbor, traten die USA in den Zweiten Weltkrieg ein; am 11. Dezember erklärte Hitler ihnen den Krieg. Am 12. Dezember hielt er eine Rede an die Gau- und Reichsleiter der NSDAP, über die Goebbels am 13. Dezember in sein Tagebuch notierte:[48]
Nun wurde die laufende Massenvernichtung der sowjetischen Juden auf alle Juden Europas ausgedehnt und mit neuen Mordmethoden forciert. Dies zeigt eine Rede Hans Franks, des Generalgouverneurs in Polen, vom 16. Dezember 1941:[49]
Auf der hier angekündigten Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 stellte Heydrich den eingeladenen NS-Behördenvertretern seinen „Gesamtentwurf“ vor, um sie in die Planung der laufenden „Endlösung“ einzuweihen, daran zu beteiligen und ihre Maßnahmen dazu unter seiner Leitung zu koordinieren. Nach dem Konferenzprotokoll waren 11 Millionen Juden aus ganz Europa und Nordafrika, auch aus von Deutschland nicht eroberten Ländern, zur Deportation vorgesehen. Es beginnt mit den Worten:[50]
Damit war der Begriff bei allen am Holocaust beteiligten Dienststellen etabliert. Dass diese darunter die Ausrottung der Juden verstanden, bestätigte Eichmann am 24. Juli 1962 in seinem Jerusalemer Prozess:[51]
In dieser Vernehmung berichtete Eichmann auch, Heydrich habe ihm sechs bis acht Wochen nach Beginn des Russlandkrieges mitgeteilt:
Hitler habe Odilo Globocnik bereits entsprechende Anweisungen erteilt, deren Ausführung Eichmann überprüfen sollte.[52] Dieses Ziel kannten oder ahnten neben den Planern, Organisatoren und Ausführenden auch viele gewöhnliche Deutsche, die die öffentlichen Deportationen erlebten und Hitlers Rundfunkreden hörten. So kam er im Kriegsverlauf immer wieder auf seine Ankündigung vom 30. Januar 1939 zurück und ließ keinen Zweifel an ihrem Vollzug (siehe Holocaustkenntnis von Zeitzeugen).
Goebbels notierte am 27. März 1942 darüber in sein Tagebuch:[53]
Am 19. April 1942 ordnete Himmler „die Umsiedlung der gesamten jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements bis zum 31. Dez. 1942“ an.[54] Fortan rollten die Todeszüge aus dem ganzen Reich und den übrigen eroberten Gebieten in die nunmehr fertiggestellten Vernichtungslager, wo die Ankömmlinge selektiert und ein Großteil sofort, der Rest später vergast wurde.
Himmler sprach in seinen Posener Reden vom 4. und 6. Oktober 1943 erstmals unverschleiert auch über seine Aufgabe, die „Judenfrage zu lösen“:
In einer Rede am 24. Mai 1944 vor höheren SS- und Polizeiführern erklärte er rückblickend:
Er betonte auf Schulungskursen für die Holocausttäter immer wieder Hitlers Befehl dazu und die Schwere dieses Auftrags, so am 21. Juni 1944:
Demgegenüber hielt der Geheimbericht von Himmlers Inspekteur für Statistik, Richard Korherr, unter dem Titel Die Endlösung der europäischen Judenfrage noch 1943 die übliche Tarnsprache aufrecht, ließ zugleich aber keinen Zweifel an Absicht und Ausmaß der Judenvernichtung:[56]
Hitler bekräftigte kurz vor seinem Selbstmord am 30. April 1945 seine Initiative beim Holocaust und rechtfertigte diesen nochmals als Vergeltung für den Krieg:[57]
Hauptartikel: Holocaustforschung
Die „Endlösung“ steht seit dem Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher von 1945 im Zentrum der historischen Erforschung der NS-Zeit. Seit wann der Ausdruck den beabsichtigten vollständigen Judenmord bezeichnete, wann genau die Entscheidung dazu fiel, welche Faktoren dafür maßgebend waren, wie die verschiedenen Instanzen der NS-Herrschaft dabei zusammenwirkten: Dies sind einige der wichtigsten Forschungsfragen zu diesem Thema.
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Anna Akhmatova et Marina Tsvetaeva
Deux femmes russes poètes prises au coeur de la tourmente russe du début du siècle, deux femmes russes reclues dans leur oeuvre face à un monde hostile. Ces deux russes russes sont le visage de la Russie ancienne et moderne.
"Qu'une femme russe vaut bien plus, en somme que les hommes russes qui se battent, et que leur chagrin pour les hommes me fait aimer les femmes russes ici-bas."