Ammianus Marcellinus (* um 330 in Antiochia am Orontes, Syrien; † um 395 [spätestens um 400] wahrscheinlich in Rom) war ein römischer Historiker. Er ist neben Prokopios von Caesarea der bedeutendste spätantike Geschichtsschreiber und schrieb in lateinischer Sprache, obwohl seine Muttersprache das Griechische war.
Seine Res gestae sind das letzte bedeutende lateinische Geschichtswerk der Antike. Die erhaltenen Teile umfassen die Jahre von 353 bis 378 und beschreiben die Zeit unmittelbar vor Beginn der großen Völkerwanderung, in der sich die antike Mittelmeerwelt grundlegend verändern sollte. Ammianus hat als Soldat unter den Kaisern Constantius II. und Julian Apostata gedient und viele der von ihm geschilderten Ereignisse selbst miterlebt. Obwohl er mehr als andere antike Geschichtsschreiber um Objektivität bemüht war, wird seine persönliche Sicht bisweilen recht deutlich. So beurteilte er etwa Constantius II. teilweise sehr negativ, während er von Julian ein ausgesprochen positives Bild zeichnete. Der Wert seiner Res gestae für die Erforschung des 4. Jahrhunderts ist dennoch unbestritten.
Als Ammianus Marcellinus geboren wurde, herrschte Kaiser Konstantin bereits mehrere Jahre über das wiedervereinigte Imperium.[1] Die Grenzen waren weitgehend gesichert, in seinen letzten Lebensmonaten bereitete Konstantin sogar einen Feldzug gegen das neupersische Sassanidenreich vor, dem großen Rivalen Roms im Osten, der nur durch seinen Tod am 22. Mai 337 nicht zustande kam.
Das Imperium Romanum war in der Regierungszeit Konstantins einem tiefgreifenden Wandel unterworfen, der von der modernen Forschung als Konstantinische Wende bezeichnet wird: Das nur Jahre zuvor teils sehr blutig verfolgte Christentum wurde nun privilegiert und sollte Ende des 4. Jahrhunderts durch Kaiser Theodosius I. faktisch zur Staatsreligion erhoben werden. Das „Heidentum“ hingegen – ein allerdings sehr unscharfer Begriff, der ganz verschiedene religiöse Vorstellungen umfasste, von den Mysterienkulten, über die „traditionellen“ römischen Kulte bis hin zum vom Neuplatonismus beeinflusste Strömungen – sollte zur Zeit des Theodosius bereits deutlich an Lebenskraft eingebüßt haben und schließlich nur noch von einer immer kleiner werdenden Minderheit der Bevölkerung praktiziert werden. Auch das Kaisertum wurde immer stärker christlich geprägt, bis hin zur Vorstellung, dass der Kaiser Gottes Vizekönig auf Erden sei.[2]
Mit der fortschreitenden Christianisierung von Staat und Gesellschaft waren aber auch Probleme ganz neuer Art verbunden, wie der Arianische Streit deutlich macht: Der alexandrinische Presbyter Arius hatte bereits zu Beginn des 4. Jahrhunderts für Aufregung gesorgt, als er erklärte, dass es eine Zeit gegeben habe, in der Gott-Vater zwar existiert habe, nicht jedoch Jesus, der somit nicht wesensgleich mit Gott-Vater sein könne. Dieser in der Moderne so genannte Arianismus fand vor allem in Teilen des Ostens des Imperiums Nährboden, während er im Westen scharf verurteilt wurde. Die diesbezüglichen christologischen Streitigkeiten, also die Frage nach dem „wahren Wesen Christi“, banden erhebliche Energien und wurden mit Leidenschaft nicht nur von Theologen, sondern auch von breiten Bevölkerungsschichten ausgetragen. Kaiser Constantius II., der ab 353 uneingeschränkt über das Imperium herrschte, sollte während seiner ganzen Regierungszeit vergeblich versuchen, ein für die gesamte Reichskirche einheitliches Bekenntnis durchzusetzen.[3]
Währenddessen nahm der Druck auf die Grenzen immer mehr zu. Im Osten herrschte seit 337/338 ein fast permanenter Kriegszustand. Wiederholt fielen die Perser in die römischen Orientprovinzen ein. Im Westen wurde derweil Gallien von germanischen Invasionswellen überrollt, während es im Inneren des Reiches zu Usurpationen wie der des Magnentius kam. Das Imperium konnte sich behaupten, wenn auch mit Mühe. Ammianus hat viele dieser Ereignisse selbst miterlebt und diese in seinem Geschichtswerk verarbeitet und damit der Nachwelt ein Panorama einer Zeit hinterlassen, in der die „Alte Welt“ einen Transformationsprozess durchlief, der schließlich das Ende der Antike einläuten sollte.
Über Ammianus’ Leben ist nur wenig bekannt, einiges erschließt sich jedoch aus seinem Werk.[4] Er wurde um 330 in Antiochia am Orontes in Syrien geboren, eine der größten und bedeutendsten Städte des Imperiums,[5] stammte wahrscheinlich aus wohlhabender griechischer Familie (wohl aus dem Kurialenstand) und war offenbar sehr belesen. Vor allem im Bereich der lateinischen und griechischen Literatur scheint er gute Kenntnisse besessen zu haben.[6] Schon in jungen Jahren wurde Ammianus Offizier in der Armee und diente als Gardist (protector domesticus). Als solcher hatte er die Aufgabe, seinen Vorgesetzten, den Heermeister (magister militum) Ursicinus, persönlich zu begleiten und zu beschützen. Es wird vermutet, dass Ursicinus ein Förderer und Patron des Ammianus war.[7]
354 begleitete Ammianus seinen Vorgesetzten nach Antiochia, wo er die Herrschaft des Constantius Gallus und seiner Frau Constantina miterlebte. 355 nahm er an der Mission zur Beseitigung des Usurpators Silvanus in Köln teil. Bis 357 hielt sich Ammianus in Ursicinus’ Gefolge in Gallien auf, wo zu dieser Zeit Julian, ein Verwandter des Constantius, als Unterkaiser (Caesar) regierte, den Ammianus später in seinem Geschichtswerk zum Helden stilisierte. Danach ging Ammianus mit Ursicinus wieder in den Osten des Reiches, wo er an den Kämpfen gegen den persischen König Schapur II. teilnahm. Während dieser Kämpfe kam es zu einem einschneidenden Erlebnis für Ammianus, als er den Persern, die 359 eine großangelegte Invasion der römischen Orientprovinzen unternahmen, während der Eroberung der römischen Festung Amida nur mit knapper Not als einer der wenigen Überlebenden entkam. Die Perser richteten unter den verbliebenen Römern ein Massaker an.[8] 360 wurde Ursicinus entlassen, Ammianus diente allerdings weiter in der Armee und nahm 363 an dem Perserfeldzug Julians teil, der in einem Fiasko endete.[9]
363 schied Ammianus aus dem Heer aus und bereiste Griechenland, Thrakien und Ägypten. Wohl um 380 ging er nach Rom, wo er um 390/91 sein Geschichtswerk (Res gestae) verfasste; der genaue Titel seines Werkes ist jedoch nicht bekannt.[10] Allerdings weiß man aus einem Brief des berühmten Rhetors Libanios,[11] mit dem Ammianus vielleicht bekannt war, dass sich das Werk großer Beliebtheit erfreute, wenn es auch in jüngster Zeit Zweifel gab, dass der Briefpartner Ammianus war, wofür aber sehr vieles spricht.[12] Vermutungen, Ammianus sei vielleicht sogar in den Senat aufgenommen worden, lassen sich nicht beweisen, ebenso wenig wie sich genaueres über seine Beziehungen zu stadtrömisch-heidnischen Senatoren sagen lässt (siehe unten). Sein genaues Todesdatum ist unbekannt, als spätestes Datum gilt in der Forschung das Jahr 400, wenn auch oft der Zeitraum um 395 angenommen wird.
Das Werk des Ammianus Marcellinus behandelte nach seiner eigenen Aussage (31,16,9, wo er sich auch als Soldat und Grieche bezeichnet) die Zeit vom Regierungsantritt des römischen Kaisers Nerva im Jahr 96 bis zur Schlacht von Adrianopel 378. Ein Teil der insgesamt 31 Bücher wurde bereits um 391 veröffentlicht, der Rest (ab Buch 26) folgte später, vielleicht um 394.[13] Von diesen sind nur die Bücher 14–31 erhalten geblieben, die den Zeitraum von 353 bis 378 abdecken, den Ammianus als Offizier der Garde und Augenzeuge mitverfolgt hat.[14]
Ammianus schrieb eine Mischung aus Kaiserbiografien[15] und vor allem Reichsgeschichte: Der chronologischen Behandlung der Regierungszeit folgt eine knappe Charakterisierung des jeweiligen Kaisers, wobei jedoch zahlreiche Exkurse eingeschoben sind (siehe Abschnitt 3.3). Gerade die Charakterisierungen bilden einen nicht unwichtigen Teil des Werks. Sie sind sehr anschaulich verfasst und beurteilen die virtutes und vitia, die Tugenden und Laster der Herrscher. Während Ammianus die Geschichte von Nerva bis in die Zeit Julians offenbar nur sehr knapp behandelt hat, wird die Darstellung ab Buch 15 deutlich detaillierter. Die Ereignisse bis einschließlich Buch 25 sind chronologisch aufgebaut, ab Buch 26 tritt eine stärkere geografische Aufteilung ein. Ammianus knüpfte an Tacitus an und war bemüht, sich an den Lehrsatz sine ira et studio („ohne Zorn und Eifer“, folglich unparteiisch) zu halten. Freilich gelang dies Tacitus selbst nicht immer, ebenso wenig wie Ammianus, der diese Maxime zwar so ernst nahm wie kaum ein anderer antiker Historiker – kein Geringerer als der große Althistoriker Ronald Syme war mehr als bereit, ihm das zuzugestehen[16] –, aber trotz seines auf Objektivität gerichteten Ansatzes manchmal recht subjektiv urteilte (siehe unten). Allerdings darf Tacitus’ Einfluss auch nicht überbewertet werden.[17]
Die erhaltenen Bücher lassen sich grob nach folgendem Schema ordnen:[18]
Der Verlust der ersten 13 Bücher ist bedauerlich, da wir ansonsten über eine durchgehende Historiografie vom Ende des 1. bis zum Ende des 4. Jahrhunderts verfügen würden; dennoch ist der Wert des erhaltenen Teils unschätzbar. Vermutungen, Ammianus habe ein zweites Werk von ähnlichem Umfang verfasst, in dem er die Geschichte von Nerva bis Konstantin behandelte, womit die verlorenen Bücher 1–13 nur den Zeitraum von Konstantin bis 353 abgedeckt hätten, werden von der neueren Forschung verworfen.[19]
In vielen Punkten existieren bezüglich der Frage, welche Quellen Ammianus benutzt hat, abweichende Forschungsmeinungen. Für seine Darstellung hat Ammianus, der selbst kaum Angaben zu seinen Quellen macht, sicherlich unter anderem die Archive konsultiert,[20] wahrscheinlich benutzte er auch Julians verloren gegangenes Büchlein über die Schlacht von Argentoratum. Für die ersten Bücher benutzte Ammianus wohl die Kaisergeschichten Herodians und des Cassius Dio sowie die Annalen des Virius Nicomachus Flavianus; vielleicht wurde auch das Werk des Eunapios von Sardes herangezogen.[21] Eventuell war Ammianus auch Material aus der so genannten Enmannschen Kaisergeschichte zugänglich.
Ab Buch 15 stützte sich Ammianus vor allem auf seine eigenen Erfahrungen bzw. auf Berichte von Augenzeugen und zog andere Quellen eher ergänzend hinzu. Diese communis opinio wurde jedoch kürzlich von Bruno Bleckmann in Frage gestellt. Bleckmann nimmt vielmehr an, dass Ammianus sich auch in den späteren Büchern (bzgl. Valentinian und Valens) stark auf literarische Quellen gestützt hat.[22] Die Frage, wie die Ähnlichkeiten in Ammianus und Zosimos bezüglich des Perserkriegs Julians zu erklären sind, ist noch immer nicht befriedigend beantwortet. Oft wird aber angenommen, dass beide sich auf Magnus von Karrhai gestützt haben.
Bedeutend ist sein Werk nicht nur als eine der wichtigsten Quellen der Völkerwanderung, sondern auch aufgrund der zahlreichen (und für die antike Historiografie auch typischen) Exkurse bezüglich der Geographie, die nicht immer fehlerfrei sind,[23] der Ethnografie, der Naturgeschichte und des Militärwesens. Ammianus war denn auch einer der wenigen antiken Historiker, die sich aus eigener Erfahrung auf militärischem Gebiet auskannten. Die Exkurse umfassen ein beachtliches Spektrum ganz unterschiedlicher Themen: Der Leser erfährt einiges über das Persien der Sassaniden sowie über Germanen und Hunnen. Ammianus’ Beurteilung der „Barbaren“, zu denen er die Perser nicht zählte, ist jedoch – der Tradition der antiken Historiografie, aber auch wohl seinen eigenen Einschätzungen Rechnung tragend – teils recht stereotyp. Die literarische Gestaltung von Wissenschaftsgeschichte, bei der sich Ammianus vor allem auf griechisches Wissen stützte, macht zu einem nicht geringen Teil den Reiz und den Wert des Werks aus.[24] Teils sollten die Exkurse sicherlich auch kleinere „Pausen“ bzw. „Orientierungshilfen“ für den Leser sein, bevor ein neuer Abschnitt begann.[25]
In seinen Romexkursen[26] beschreibt er das Leben und den Verfall der Sitten in Rom, zeigt aber gleichzeitig Ehrfurcht vor der ruhmreichen Vergangenheit der Stadt. Dabei ist freilich fraglich, inwiefern dieses Bild in allen Details stimmig ist.[27] Bemerkenswert ist jedoch, dass er Konstantinopel übergeht.[28]
Ammianus richtet sein Augenmerk aber auch auf andere Themen. So beschreibt er mehrere Provinzen (etwa Ägypten) oder berichtet beispielsweise über die Araber, das Gerichtswesen, die Verwaltungsstrukturen und über die ägyptischen Obelisken in Rom. In den letzten sechs Büchern fehlen die Exkurse in ihrer formalen Form völlig, allerdings hat Ammianus auch hier mehrere Zusätze eingeflochten, etwa hinsichtlich der Hunnen oder Thrakiens.[29]
Das Werk enthält auch eine detaillierte Schilderung eines Tsunamis, der am 21. Juli 365 die Küsten des östlichen Mittelmeers heimsuchte. Dabei beschreibt Ammianus genau die charakteristische Abfolge aus Erdbeben, spontanem Rückzug des Meers und urplötzlich heranrollender Riesenwelle.[30]
Eine Rekonstruktion des Inhalts der verlorenen Bücher des Geschichtswerks ist weitgehend unmöglich oder wenigstens höchst spekulativ.[31] Dennoch finden sich im erhaltenen Teil des Werks einige wertvolle Hinweise. Timothy Barnes hat in seiner Analyse mehrere dieser Verweise herausgearbeitet, wo Ammianus etwa nach dem Muster vorgeht: „…wie ich bereits berichtete…“ u. ä.[32] Schon die Tatsache, dass er sich darauf beruft, Ereignisse aus dem 2. Jahrhundert bereits im vorliegenden Werk behandelt zu haben, macht die teils angeführte „Zwei-Werke Theorie“ (siehe oben) mehr als unwahrscheinlich.
Buch 14 setzt mit einer Schilderung des Sturzes des Constantius Gallus ein, der von seinem Verwandten, dem Kaiser Constantius II., als Caesar im Osten des Reiches eingesetzt worden war und der von Ammianus topisch in äußerst düsteren Farben beschrieben wird. Da Gallus einige schwerwiegende Fehler unterliefen und er zudem am Hof des Kaisers denunziert wurde, berief ihn Constantius schließlich ab und ließ ihn kurz darauf hinrichten. Constantina, die Frau des Gallus, wird bei Ammianus ähnlich topisch als „sterbliche Megäre“ hingestellt.[33]
Mit Buch 15 beginnt, wie bereits erwähnt, der Teil des Werks, in dem Ammianus aus eigener Erfahrung und Anschauung detaillierter berichtet, als dies im gerafften ersten Teil der Fall war:
Die Komposition des Werks zielt nun bis Buch 26 auf das Wirken Julians ab (siehe unten), sein Tod sollte der Schlusspunkt des Werks sein. Zu Beginn des 26. Buchs äußert sich Ammianus dazu wie folgt:
Ammianus ist die wichtigste Quelle für die Kämpfe des Imperiums mit dem Sassanidenreich unter Schapur II. Am Perserkrieg hat Ammianus selbst teilgenommen. Er schildert den Notenaustausch zwischen Rom und Persien im Jahr 358 und berichtet zuverlässig und eindringlich über die Invasion Schapurs im Jahr 359, die Belagerung und den Fall von Amida sowie später vom Persienfeldzug Julians 363.[36] Dabei kritisiert Ammianus die Defensivstrategie des Kaisers Constantius II. und bevorzugt wohl eher das offensive Vorgehen Julians, obwohl Julians Persienfeldzug in einer Katastrophe endete und Constantius im Ergebnis die klügere Strategie verfolgt hatte.
In der neueren Forschung wird darauf hingewiesen, dass Ammianus – trotz der inhaltlichen Qualität seines Werks – bisweilen recht subjektiv urteilte, so in Bezug auf Constantius II., den Gegenspieler seines Helden Julian, der von Ammianus wohl zu Unrecht so schlecht beurteilt wird. Ein Grund dafür dürfte Ammianus’ Absicht gewesen sein, den Kontrast zum angeblich so vorbildlichen Julian zu verstärken (eine ähnliche Rolle kommt Gallus zu), wenngleich er auch jenen nie völlig kritiklos reflektiert (siehe folgenden Abschnitt). Doch auch bezüglich der Politik des Constantius war Ammianus’ Urteil nicht undifferenziert. Dabei ist auch zu bedenken, dass er mit einem Abstand von mehreren Jahren die Regierungszeit des Kaisers beurteilte und daher keine größere Rücksicht mehr walten lassen musste.[37] Gerade die Furcht des Kaisers vor Verschwörungen und Usurpationen und sein teils übertrieben hartes Vorgehen erschienen Ammianus unangemessen. Er übt scharfe Kritik an Constantius’ Außenpolitik und tadelt die Einflussnahme der Kaiserin – womit er wohl vor allem Constantius’ zweite Frau Eusebia meint – und der Eunuchen am Hof.[38] Auch die Bürgerkriege, die Constantius auszufechten hatte, werden von Ammianus kritisch bewertet.[39] Andererseits lobte er Constantius durchaus, etwa bezüglich seiner Sparsamkeit und seiner Fürsorge für Staat und Militär.[40] Dennoch wird jede Beurteilung dieses Kaisers durch Ammianus’ vorwiegend negative Sichtweise erschwert.[41]
Ammianus’ Held ist zweifellos der letzte heidnische Kaiser Julian, mit dessen Tod das Werk eigentlich enden sollte (siehe die oben angesprochene neue Einleitung). Auch wenn er teils Kritik an ihm übt, so stellt Ammianus ihn doch als einen vorbildlichen Kaiser dar, wobei er ihn an einigen Stellen etwas zu positiv zeichnet:
Ammianus war Julian vielleicht bereits in Gallien begegnet, wo der junge Caesar im Auftrag des Kaisers Constantius II. erfolgreich gegen die Alamannen kämpfte und die Rheingrenze wieder gesichert hat. Bereits Julians Herrschaft in Gallien wird von Ammianus teils bewundernd beschrieben, zumal der Caesar hier auch einige große Erfolge feiern konnte, wie etwa die Rückeroberung Kölns von den Franken. Allerdings übergeht Ammianus dabei, dass das Verhältnis Julians zu den Heermeistern Ursicinus und Marcellus nicht das beste war.
Julians Erhebung zum Kaiser in Lutetia zu Beginn des Jahres 360, ausgelöst durch die Anordnung, seinem Vetter, dem Kaiser Constantius, Teile des gallischen Feldheeres für den Abwehrkampf gegen die Perser zur Verfügung zu stellen, wird von Ammianus als spontane Aktion der gallischen Legionen dargestellt.[43] In Wahrheit handelte es sich dabei schlicht um eine Usurpation und vielleicht sogar um einen von Julian inszenierten Akt.[44]
Nachdem Constantius Ende 361 verstorben war, konnte Julian ohne Widerstand den Thron besteigen. Ammianus berichtet, wohl nicht übertrieben, vom Arbeitseifer Julians. Ammianus war wohl auch mit dem religionspolitischen Kurs des Kaisers, der auf eine Bevorzugung der traditionellen Götterkulte hinauslief, nicht ganz unzufrieden. Andererseits verurteilte Ammianus Julians Rhetorenedikt, welches Christen den Zugang zum Bildungswesen faktisch verbot. Ebenso konnte er Julians Aberglauben und seinem übertriebenen Opferwahn nichts abgewinnen. Dennoch hat Klaus Rosen zu Recht darauf hingewiesen, dass die zehn Bücher, die Ammianus Julian gewidmet hat (16–25), wie ein Berg aus dem Gesamtwerk herausragen.[45] Breiten Raum gibt Ammianus dem Perserkrieg Julians, wobei der Höhepunkt die kunstvolle Beschreibung von Julians Tod in Buch 25 ist.[46]
Nach Julians Tod berichtet Ammianus am Ende von Buch 25 von der nur kurzen Regierungszeit Jovians, dem Frieden von 363 (den Ammianus als Schmachfrieden ablehnt) und schließlich in Buch 26 vom Beginn der Regierungszeit Valentinians I. und des Valens. Dabei reicht die Darstellung in den folgenden Büchern von den recht erfolgreichen Feldzügen Valentinians gegen die Germanen bis zur Niederwerfung eines Aufstandes in Africa durch Flavius Theodosius, den Vater des gleichnamigen Kaisers Theodosius I. Ebenso wird die Lage im Osten beschrieben, wobei Valens bei Ammianus nicht besonders gut abschneidet. Valentinian I. hingegen – den Ammianus kaum bewunderte – wird relativ günstig beurteilt, auch weil er auf militärischem Gebiet einige Erfolge zu verbuchen hatte, die Ammianus anerkannte. Teilweise dürfte auch die religiöse Toleranz Valentinians eine Rolle gespielt haben, vielleicht im Sinne eines Gegenpols zu Theodosius I., der jedoch ebenfalls keine regelrechte Heidenverfolgung betrieben hat.
Zuletzt schildert Ammianus in Buch 31 den Einfall der Hunnen, für den er die wichtigste Quelle ist,[47] den Untergang des Greutungenreichs, die Flucht der Terwingen (der westlichen Goten) über die Donau und ihre Bitte um Aufnahme ins Reich. Den Schlusspunkt bilden der durch römisches Versagen ausgelöste Aufstand der Goten und die Schlacht von Adrianopel, in der nicht nur Valens fällt, sondern auch der Großteil der östlichen Hofarmee ihr Ende findet. Die Niederlage wurde von Ammianus zweifellos als Katastrophe empfunden (siehe den folgenden Abschnitt).
Ammianus war trotz seiner griechischen Herkunft auch ganz Römer und betonte die Einheit der griechisch-römischen Kultur. So nahm Rom als Symbol einen wichtigen Platz in seinem Werk ein: Rom war für Ammianus die Verkörperung der Reichsidee, das Reich wiederum Garant der griechisch-römischen Zivilisation. Ammianus berichtet von einer bewegten Zeit, unmittelbar vor Ausbruch der großen Völkerwanderung, der Rom letztendlich vergeblich zu begegnen versuchte. Als Soldat muss sich Ammianus der Folgen des Eindringens immer weiterer Wellen von Barbaren bewusst gewesen sein, zumal er sah, dass die Grenzen des Imperiums vor dem Ansturm der Feinde immer unhaltbarer wurden. So verwundert es auch kaum, dass Ammianus gegenüber den Germanen, die sowohl für als auch gegen Rom kämpften, eher feindlich eingestellt ist. Aber auch hinsichtlich seiner eigenen Umwelt ist Ammianus nicht unkritisch, was seine schneidenden und teils satirischen (bisweilen aber auch fragwürdigen) Kommentare zu den Verhältnissen in Rom verraten.[48] Wolfgang Seyfarth, dem wir die nun grundlegende Textausgabe verdanken, äußerte sich wie folgt:
Ammianus trug sein Werk schließlich im Westen vor, wo es wohl auch von heidnischen Senatoren gehört wurde und viel Beifall fand. Dennoch ist Ammianus in letzter Instanz nicht unbedingt als ein Vorkämpfer für die alte Götterwelt zu sehen – zu beißend sind dafür auch manche seiner Bemerkungen, etwa hinsichtlich des verbreiteten Aberglaubens seiner Zeit und dem Opferwahn eines Julian. Als er sein Werk abschloss, war ohnehin schon der Weg Roms hin zu einem Imperium Romanum Christianum bereitet – was Ammianus freilich nicht daran hinderte, das Leben Julians, dessen Scheitern er sehr wohl erkannte, in seinem Werk als Drama zu inszenieren.
Oft weist Ammianus auf die Schicksalsgöttin Fortuna hin, die das Auf und Ab von Glück und Unglück bestimmt.[50] Dabei stehen für Ammianus fortuna (Glück) und virtus (Tugend, Mut) wohl in einem direkten Verhältnis zueinander.[51] Das Werk ist von einer recht starken pessimistischen Zukunftshaltung geprägt, ohne allerdings die Hoffnung auf bessere Zeiten aufzugeben: Als Ammianus sein Werk mit der Schlacht von Adrianopel enden ließ, wird in den Schlussbemerkungen deutlich, dass er noch nicht alles verloren gibt. Zwar vergleicht er die Niederlage mit der bei Cannae – aber auf diese folgte bekanntlich der Triumph der Römer. Unter Theodosius I., in dessen Regierungszeit Ammianus schrieb, schien sich die Lage auch tatsächlich noch einmal zu stabilisieren; wenigstens die Gotengefahr war für den Moment gebannt. Die nachfolgende Entwicklung im 5. Jahrhundert, die zur Etablierung germanischer Reiche auf dem Boden des Imperiums führte, war so noch nicht abzusehen.
Ammianus verfasste sein Werk wohl auch deshalb in lateinischer Sprache, weil er an Tacitus anknüpfen wollte. Doch können noch andere Erwägungen eine Rolle gespielt haben. So hatte zu Ammianus’ Zeit das Lateinische auch im Osten stark an Boden gewonnen, während die Kenntnis der griechischen Sprache im Westen seit der hohen Kaiserzeit rückläufig war, er selbst wird Latein spätestens während seiner Militärlaufbahn erlernt haben. Vielleicht war Ammianus’ Entscheidung auch durch das Publikum bedingt, zumal durch das Werk deutlich wurde, wie sehr ein Grieche sein kulturelles Erbe bewahren und sich doch gleichzeitig als Römer fühlen konnte.[52] Letztlich sollte dem „westlichen Publikum“ wohl auch die Persönlichkeit Julians, der eher Grieche als Römer war, näher gebracht werden.
Ammianus’ Werk ist (neben den Werken Prokops, der allerdings griechisch schrieb und dessen ideelles Zentrum nicht mehr Rom war) die beste historiografische Quelle für die Zeit der Spätantike und kann sich durchaus mit den anderen großen Geschichtswerken der Antike messen. Dies ist besonders hervorzuheben, da die lateinische Geschichtsschreibung nach Tacitus völlig abgeflacht war und durch das genos der Biographie (beginnend mit Sueton) praktisch verdrängt worden war – man vergleiche nur das Werk des Ammianus mit den Caesares des Aurelius Victor oder dem Breviarium Eutrops, die alle vor Ammianus schrieben und nur äußerst knappe Geschichtsabrisse verfassten. Dagegen hatte die Tradition der klassischen Historiographie im von der griechischen Kultur geprägten Ostteil des Reiches fortbestanden. Zu nennen sind nur Cassius Dio oder Dexippos, dessen Werk allerdings weitgehend verloren ist. Es ist sicherlich kein Zufall, dass sowohl Ammianus wie auch der bedeutendste Dichter der Spätantike, Claudian, aus dem Osten stammten und die dort vorhandenen literarischen Impulse aufnahmen.[53] Das Werk des Ammianus stellt das letzte bedeutende lateinische Geschichtswerk der Antike dar; die nachfolgenden, in Latein abgefassten Werke klassischer Tradition sind uns nicht mehr erhalten (siehe etwa Sulpicius Alexander, Renatus Profuturus Frigeridus, Quintus Aurelius Memmius Symmachus).
Allerdings ist das Werk mit Gräzismen gespickt, oft tritt auch der künstliche Stil der Spätantike deutlich hervor. Äußerst ungewöhnlich sind etwa manche Wortstellungen, sodass bisweilen der genaue Sinn nur schwer zu ergründen ist. Ammianus schöpfte dabei ganz aus einer geschaffenen lateinischen Kunstsprache und verwendet einen stark akzentuierenden Prosarhythmus (cursus planus, cursus tardus und cursus velox, siehe Cursus (Rhythmik)), der bereits auf die mittelalterliche Kunstprosa hinweist.[54] Zudem fallen die so genannten „Wir-Berichte“ aus dem typischen Rahmen der antiken Historiografie und sind wohl auf die volkstümlich-griechische Erzählkunst zurückzuführen.[55]
Ammianus schreibt sehr anschaulich, beschränkt sich in der Regel auf das Wesentliche und verwendet häufig exempla (Beispiele) und Anekdoten, um seine Urteile zu illustrieren. Frank Wittchow beschreibt Ammianus’ Erzähltechnik daher als exemplarisches Erzählen.[56] Der Althistoriker Roger Blockley erklärt sogar, dass das Ausmaß und die Spannweite der von Ammianus benutzten exempla in der überlieferten (antiken) lateinisch-historischen Literatur unübertroffen ist.[57] Dies wird besonders in den Julian gewidmeten Büchern deutlich, wo der Kaiser in Anlehnung an die humanitären Kaiser hochstilisiert wird. Ammianus will den Leser mit seiner Rhetorik überzeugen, seine Sicht der Dinge zu teilen, was auch ein typisches Merkmal der antiken Historiografie ist (siehe unten) – ohne dabei aber vom Anspruch auf Wahrhaftigkeit abzurücken.[58] Gleichzeitig sollen die dem Kaiser zugeschriebenen Tugenden aber auch erzieherisch auf den Leser wirken, denn Ammianus sieht vor allem im Versagen von Individuen den Hauptgrund für den Niedergang des Imperiums.[59] Auffällig ist auch, dass Ammianus das Stilmittel der Rede, ansonsten eines der Hauptmerkmale antiker Historiografie, nur sehr sparsam einsetzt, dafür sind diese jedoch kunstvoll (aber gleichzeitig frei) gestaltet. In seinem Werk spielt Ammianus auch immer wieder auf andere literarische Werke an, was seine umfassende Bildung und sein Interesse an ganz verschiedenartigen Themen belegt (etwa an Geschichte oder dem Gerichtswesen), was sich auch in den Exkursen niederschlägt. Seiner großen Belesenheit (er kennt neben anderen Platon, Cicero, Titus Livius, Sallust und die meisten Werke des Tacitus) wie auch der Verschiedenartigkeit der von ihm benutzten Quellen, ist wohl auch die Vielfältigkeit der Darstellung zu verdanken.[60]
Ammianus war zwar Heide, begegnete dem Christentum aber mit einer großen Toleranz, da er beispielsweise die Armenversorgung und die moralischen Werte durchaus anerkannte. Gleichzeitig beschrieb er auch die eher negativen Seiten, wie die Kämpfe um die Bischofswürde in Rom zwischen Damasus I. und Ursinus. Anders als viele heidnische Historiker ignorierte er die Kirche also nicht, sondern scheint vielleicht sogar ein gewisses Interesse am christlichen Glauben gehabt zu haben. Gelegentlich wird ihm sogar eine „neutrale monotheistische Haltung“ unterstellt. Manche Forscher (etwa Timothy Barnes) interpretieren Ammianus’ Verhältnis zum Christentum aber auch deutlich negativer. Bemerkenswert ist, dass Ammianus etwa bezüglich Julians Tod nicht den Bericht vieler heidnischer Autoren wiedergibt, wonach der Kaiser von einem Christen aus dem eigenen Heer ermordet worden sei; Ammianus gab überhaupt wenig auf Gerüchte. Interessant ist jedoch die Deutung von Barnes bezüglich der von Ammianus überlieferten Episode, wonach der Bischof der Stadt Bezabde den Persern einen schwachen Punkt in den Verteidigungsanlagen gezeigt haben soll (Ammianus 20,7,7ff.). Ammianus betont, dass er dem Gerücht keinen Glauben schenke, doch ist dies nach Barnes nur ein Stilmittel, um ein Gerücht zu streuen, ohne selbst dafür Verantwortung zu übernehmen.[61]
Insgesamt ist die religiöse Einstellung Ammians, der sich auch sehr für Philosophie interessierte, aber nur schwer zu beurteilen.[62] Ohnehin sollte beachtet werden, dass in der Spätantike „religiöse Pendelbewegungen“ keine Seltenheit waren, zumal oft zwischen Religion und Philosophie kaum unterschieden wurde.
Nach seiner Ankunft in Rom stand Ammianus möglicherweise auch mit den dortigen heidnisch-senatorischen Kreisen in Verbindung, deren einflussreichsten Vertreter der bereits oben erwähnte Nicomachus Flavianus sowie Quintus Aurelius Symmachus waren (und bis zu seinem Tod Vettius Agorius Praetextatus). Wenn solche Kontakte bestanden haben, dann aber vermutlich nur indirekt, während direkte persönliche Kontakte eher unwahrscheinlich sind. Es gibt sogar Forscher (z.B. Alan Cameron), die jeden Kontakt Ammianus’ zu stadtrömisch-senatorischen Kreisen bestreiten.[63] Genaueres lässt sich folglich kaum sagen, aber vielleicht ist Ammianus durch seinen Romaufenthalt noch zusätzlich dazu angeregt worden, ein Geschichtswerk mit Julian im Mittelpunkt zu verfassen, wenn dies auch letztlich Spekulation bleibt. In vielen Punkten folgte er dabei der antiken historiografischen Tradition, die eben heidnisch geprägt war. Ein religiöser Eiferer war Ammianus jedenfalls nicht: Er forderte Toleranz von beiden Seiten.[64]
Antike Historiografie nur nach modernen Maßstäben zu beurteilen, würde ihr kaum gerecht, da den antiken Historikern etwa die Methodik der kritischen Quellenreflexion eher fremd war. Sie legten dafür mehr Wert auf die prosaische Qualität ihres Werkes und wollten dem Leser zugleich ihre – freilich auch der Wahrheit verpflichtete – Sicht der Dinge näher bringen. Auf die Kritik der modernen Forschung am „Constantiusbild“, das die Res gestae vermitteln, wurde bereits eingegangen. Aber auch Jovian und Valens werden nie mit der gleichen Sympathie dargestellt, die Ammianus Julian entgegenbrachte – im Gegenteil: Beide werden eher negativ geschildert, wobei gerade gegenüber Jovian die neuere Forschung, entgegen der Darstellung in den Res gestae, teils eine andere Haltung als Ammianus einnimmt.[65]
Dennoch ist Ammianus in der Regel ein scharfer Beobachter, seine „Analyse“ wird oft auch von anderen Quellen gedeckt. Schon der englische Historiker Edward Gibbon hat ihn daher hoch geschätzt.[66] Ammianus’ Sicht der Dinge hat die moderne Forschung ähnlich wie Thukydides und Polybios, in deren Tradition er sich sah, stark geprägt.[67] Entgegen der insgesamt sehr positiven Sichtweise der Res gestae in der Forschung – man ziehe aus jüngerer Zeit nur die Äußerung von Arnold Hugh Martin Jones heran (Ammianus is also a great historian, a man of penetrating intelligence and of remarkable fairness)[68] oder Ronald Syme (siehe oben) –, spricht Timothy Barnes von einem teilweise ungerecht urteilenden Ammianus, den man seiner Meinung nach nicht mit Tacitus, sondern mit Thomas Babington Macaulay vergleichen sollte.[69] Manche von Barnes’ Ansichten entsprechen zwar nicht der communis opinio, sind in vielerlei Weise jedoch interessant. Insgesamt ist der Wert von Ammianus’ Darstellung auch für Barnes unbestritten, jedoch auf eine andere Art:
Auch wenn manche von Barnes’ Thesen problematisch sind, gerade was seine Zweifel an der Objektivität Ammianus’ angeht – die dieser an vielen Stelle durchaus beweist –, so verdeutlichen sie doch die noch immer gegebene Vielfalt von Interpretationsmöglichkeiten bezüglich der Res gestae und des Historikers Ammianus. Diesen charakterisierte Arnaldo Momigliano, einer der besten Kenner der antiken Geschichtsschreibung, einst als lonely historian, um so dessen Außenseiterstellung in jener Zeit deutlich zu machen.[71] Unzweifelhaft bleibt Ammianus die mit weitem Abstand zuverlässigste Quelle für das 4. Jahrhundert. Wo seine Darstellung abbricht, muss der weitere Geschichtsverlauf für die nächsten Jahrzehnte durch Quellen rekonstruiert werden, die Ammianus’ Qualität bei weitem nicht erreichen (siehe beispielsweise Zosimos).[72]
Das Werk des Ammianus genoss bereits zu seinen Lebzeiten großes Ansehen, wurde aber später (wohl auch aufgrund des nicht unkomplizierten Stils) recht wenig genutzt und ging in der Folgezeit wie so viele Werke unter, wenngleich es vielleicht von Sulpicius Alexander fortgesetzt wurde. Nur der bekannte lateinische Grammatiker Priscian im 6. Jahrhundert scheint noch Kenntnis von dem Werk gehabt zu haben.[74] Es wurde erst in der Renaissance neu aufgelegt: Gianfrancesco Poggio Bracciolini entdeckte 1417 den Text des Codex Fuldensis (siehe unten).
Die Überlieferungsgeschichte ist sehr problematisch:[75] Die einzige vollständig erhaltene Handschrift, die jedoch nur den Inhalt der Bücher 14 bis 31 wiedergibt, ist der Codex Fuldensis (der sich nun im Vatikan befindet: Vaticanus Latinus 1873). Dieser basiert auf dem Codex Hersfeldensis, der wohl im 9. (oder auch erst 10.) Jahrhundert im Kloster Hersfeld entstand und von dem die gesamte Überlieferung abhängt. Bis auf sechs Seiten und Fragmente ist der Codex Hersfeldensis völlig verloren gegangen, so dass man vor allem auf den Text der Fuldarer Handschrift angewiesen ist. Außerdem existiert eine Abschrift des Vaticanus Lat 1873 durch N. de Niccoli aus dem 15. Jahrhundert.[76] Die Bücher 14–26 wurden 1474 von Sabinus Angelus in Rom (editio princeps) und von J. Frobenius 1518 in Basel herausgegeben. Es existiert eine weitere Ausgabe der Bücher 14–31 durch M. Accursius aus dem Jahre 1533, die als erste Ausgabe auch die Bücher 27–31 enthält[77] und eine (allerdings nicht ganz korrekte) Edition der Res gestae von Sigismund Gelenius aus dem gleichen Jahr, die auf dem Codex Hersfeldensis basiert und daher von Wichtigkeit bei der Rekonstruktion des Textes ist, wobei diese durch einige Korruptelen und den teils schwierigen Stil Ammianus’ erschwert wird (siehe oben).[78] Die heutige Standardedition des lateinischen Textes stammt von Wolfgang Seyfarth. Ein umfassender historisch-philologischer Kommentar bleibt vorerst ein Desiderat.[79]
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| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Ammianus Marcellinus |
| ALTERNATIVNAMEN | Ammianus; Ammian |
| KURZBESCHREIBUNG | römischer Historiker |
| GEBURTSDATUM | um 330 |
| GEBURTSORT | Antiochia am Orontes |
| STERBEDATUM | um 395 oder 400 |
| STERBEORT | wahrscheinlich Rom |
Anna Akhmatova et Marina Tsvetaeva
Deux femmes russes poètes prises au coeur de la tourmente russe du début du siècle, deux femmes russes reclues dans leur oeuvre face à un monde hostile. Ces deux femmes russes sont le visage de la Russie ancienne et moderne.
"Qu'une femme russe vaut bien plus, en somme que les hommes russes qui se battent, et que leur chagrin pour les hommes me fait aimer les femmes russes ici-bas."