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Als Abendland (auch: Christliches Abendland oder Okzident) wird ursprünglich der westliche Teil Europas bezeichnet, besonders Deutschland, England, Frankreich, Italien und die Pyrenäische Halbinsel.[1] Heute schließt der Begriff die gesamte durch gemeinsame Werte (griechische Philosophie, römisches Recht, Judentum und Christentum) verbundene westliche Welt ein.
Der Name Abendland ergab sich aus der antiken und mittelalterlichen Vorstellung von Europa als dem westlichsten, der untergehenden Abendsonne am nächsten gelegenen Erdteil. Das ihm entsprechende Antonym ist daher das griechisch-orthodox und islamisch geprägte Morgenland oder der Orient. Die griechisch-orthodoxe Kirche wird auch als die morgenländische bezeichnet.[2]
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Abendland und Morgenland lassen sich nicht geographisch, sondern nur durch die jeweilige Abgrenzung voneinander definieren. Sie stellen ideelle Konzepte des kulturell jeweils Fremden dar. Die im Laufe der Jahrhunderte sich immer wieder verschiebende Grenze verläuft am östlichen Rand derjenigen Gebiete, deren Bevölkerung sich den Traditionen des Hellenismus, des Römischen Reichs und der Römischen Kirche, also der Westkirche, verbunden sah. Theodor Heuss formulierte es 1956 folgendermaßen:
Das Wesen des Abendlandes lässt sich bildhaft damit beschreiben, dass es auf drei Hügeln ruht: Akropolis, Kapitol und Golgotha.[3]
West- und Mitteleuropäer betrachteten ursprünglich auch die von der byzantinischen Kultur geprägten Gebiete des einstigen Oströmischen Reichs und der Ostkirchen als zum Orient gehörig. Nach dieser Auffassung gehören zum Okzident heute alle überwiegend katholischen und protestantischen Länder Europas und Amerikas sowie Australien und Neuseeland.
Der Begriff „Abendländer“ für „Okzident“ findet sich erstmals 1529 bei Kaspar Hedio. Martin Luther prägte in seiner Bibelübersetzung dafür den Ausdruck Abend. Seit der Romantik entwickelte sich vor allem im deutschsprachigen Raum eine besondere Traditionslinie um den Abendlandbegriff, die einen letzten Höhepunkt in der sogenannten „Abendlandbewegung“ der 1950er Jahre fand. Ähnliche Bestrebungen gab es auch in anderen europäischen Ländern.
In Deutschland entwickelten, von Novalis angeregt, die Brüder August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel eine Europakonzeption, die sich auf kulturelle Traditionen stützte. Das Abendland umfasste ihrer Vorstellung nach alle Länder, die durch ihr romanisches, germanisches und christliches Erbe zu einem einzigen europäischen Kulturraum vereint waren. Besondere Bedeutung maßen sie dabei Karl dem Großen als vermeintlichem Einiger Europas und Herrn über das christliche Abendland zu.
In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg lebte der Gedanke eines friedvoll zusammenlebenden abendländischen Reiches in der Publizistik wieder auf, hatte aber nicht zuletzt wegen seines radikalen Einsatzes für eine Rekatholisierung Europas keine Chance, sich gegenüber anderen Konzepten durchzusetzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Abendlandidee zeitweise neue Anhänger. Der sogenannten Abendlandbewegung um die Zeitschrift „Neues Abendland“ gelang es, große Teile der katholisch-konservativen Intelligenz zu mobilisieren. „Abendland“ bedeutete in diesem Zusammenhang vor allem Wiederbelebung des Christentums und Abgrenzung gegenüber der Sowjetunion. Da jedoch die Abendlandbewegung auch offen antidemokratische Prinzipien propagierte und es ihr nicht gelang, sich abseits der elitären Führungsgestalten eine breite Basis zu verschaffen, versank sie Mitte der 1960er Jahre in der Bedeutungslosigkeit.
In anderen Bereichen war dem Abendlandkonzept mehr Erfolg beschieden: Die Außenpolitik Adenauers mit ihren Schwerpunkten auf Westbindung, NATO-Mitgliedschaft, Europäische Einigung, Deutsch-französische Freundschaft und Antikommunismus ließ sich in die traditionelle Abendlandidee einbinden. Danach erschien das Karolingische Reich als vorweggenommene Verwirklichung der europäischen Ideale der Nachkriegszeit. Ausdruck dieser Vorstellungen war die Stiftung des Aachener Karlspreises. Aber auch die Geschichtswissenschaft und der Geschichtsunterricht in den westdeutschen Schulen der Nachkriegszeit vermittelten ein Mittelalterbild , das eher der europäischen Wunschvorstellungen der Bundesregierung entsprach als der historischen Wirklichkeit.
Da das Reich Karls des Großen nur bis zur Elbe gereicht hatte, verstanden Teile der damaligen Opposition diese abendländische Konzeption als Abwendung vom Ziel der deutschen Wiedervereinigung. Doch auch diese letzten, politisch relevanten Diskussionen über die Bedeutung des Begriffs Abendland versandeten in den 1960er Jahren ergebnislos.
Einen Nachhall finden sie in jüngster Zeit in der Leitkultur-Debatte den Auseinandersetzungen zwischen den Befürworten westlicher Werte und Anhängern des islamischen Fundamentalismus.